Kopf des Tages

Madonna - 60 ist kein Alter

Madonna wird heute 60. Das ist längst kein Alter mehr. Und wir merken auch gar nicht, dass sie alt wird, weil sie seit einiger Zeit verschwunden ist. Vielleicht ahnt sie: Sie hat so viel für uns getan, aber was soll jetzt noch passieren?

 SN/ap//kai-uwe knoth

Eine Deutung von Frau Madonna war immer eine Angelegenheit, die jede Disziplin sprengt, weil sie alle Disziplinen beherrscht. Madonna beschäftigt Poptheoretiker und Genderforscher. Sie füllt Klatschspalten und Kunstmagazine, Modehefterl und hochgestochene Popdissertationen. Was Frau Ciccone tut, wird im Boulevard ausgewalzt, und wenn sie als Ikone der Popwelt auftritt, hauen auch die Kunsttheoretiker in die Tasten. Heilige. Hure. Heldin.

Diese Frau, sie feiert heute ihren 60. Geburtstag, ist nie nur eines. Nun ja, eines schon: der wichtigste Popstar der vergangenen dreißig Jahre - nicht im Sinn einer neuen Ästhetik, auch nicht im Sinn einer Revolution der Klänge oder Bilder, sondern im Sinn dauernder Grenzüberschreitung und der Zusammenführung aller möglichen Künste in ihrem Schoß.

Sie öffnete mit den Tritten ihrer High Heels jene Türen, durch die Britney Spears und Christina Aguilera, Pink und Miley Cyrus und alle anderen Lady Gagas in die Arena der grellen Scheinwerfer stürmen konnten.

Madonna ist alles: Tänzerin, Sängerin, Schauspielerin. Sie schuf Musikvideos, in denen sich Kunst versteckte. Sie kreierte opulente Bühnenshows, immer waren die ganz große Oper. Sie löste Grenzen zwischen Trash und Hochkultur auf. Und womöglich vor allem anderen ist sie als Gesamtkunstwerk eine erfolgreiche Geschäftsfrau.

Ihre Währung heißt harte Arbeit. Und sie erhöhte ihren Marktwert seit dem 27. Juli 1983, als ihr Debütalbum "Madonna" erschien, mit jedem neuen Album, weil sie geschickt in steigende Kurse investierte. Egal, ob es sich dabei um religiöse Trends wie Kabbala handelte oder um wenig bekannte musikalische Genies, die sie als Produzenten holte. Egal, ob sie Rückgriffe auf heiße Discozeiten und Abba-Seligkeit machte, ob sie Aerobic wiederbelebte oder sich rockend in eine Lederjacke warf, ehe diese Sounds, Bewegungsmuster oder Accessoires dann (und auch wegen ihr) im allgemeinen Bewusstsein wieder hochkochten.

Madonnas Kunst liegt dabei nicht nur darin, dass sie Identitäten wechselt. Sie versöhnt die Kultur des Undergrounds mit dem Geschäft des Mainstreams. Sie spielt mit Andeutungen von Religionskritik so perfekt, wie sie Klischees über Homosexualität bedient.

Wie locker sie das seit 35 Jahren alles schafft, lässt ihre Musik in vielen Momenten ahnen, aber ihr Körper lässt es sehen. Der Softbody der aufreizenden, immer zu allem bereiten Herrscherin lockt an. Und dann begegnen wir einem Hardbody. Letzterer entspringt dem Kampf um ewig äußerliche Jugend. Doch die Zeit bleibt nicht stehen, da kann sich Madonna noch so lasziv auf dem Tanzboden winden und im Bett räkeln.

Der Zeitfluss nagt gar nicht so sehr an der Figur. Da lässt sich vieles richten, und schöner als beim Auftritt als schwarze Madonna bei der heurigen Gala im Metropolitan Museum of New York war sie lange nicht mehr. Obwohl auch das schwer zu sagen ist, denn sie hat sich rar gemacht in den vergangenen zwei Jahren. Was im Gegensatz zum Körper die Musik betrifft, so ist aber seit Längerem klar, dass hier die Zeit auch für Madonna nicht stehen bleibt.

Einst gab sie den Takt vor, mit dem die Zeit mithalten musste. Doch auf den drei Alben der vergangenen zehn Jahre "Hard Candy" (2008), "MDNA" (2012) und "Rebel Heart" (2015) offenbarte sie Orientierungslosigkeit. Diese Irrfahrten sind immer noch glänzend und eindringlich produziert, sie taugen als Hits ebenso wie als Stoff im Popdiskurs, doch sie spülen keine unterirdischen Strömungen mehr an die Oberfläche.

Madonna muss jetzt ausbaden, was sie selbst angerichtet hat: Jede ästhetische Nische des Pop ist nur mehr eine Marktlücke. Einst war Madonna die Größte unter jenen, die sich in diesen Nischen bedienten, sie mit ein bisschen Tabu und Skandal auffetteten. Ja, sie war die Einzige. Das ist sie nicht mehr. Und die meisten ihrer Nachfolgerinnen plagiierten, was Madonna schuf. So wird Madonna abgeschafft.

Das sollte sie nicht daran hindern, Alben zu veröffentlichen und auf Mega-Tourneen zu gehen. Das ist immer noch besseres Entertainment als jedes Lady-Gaga-Event. Im Schatten der Abschaffung von Madonna manifestiert sich ein weit bedeutenderer Untergang: Weil alles ausgereizt ist, weil auch jeder Untergrund nur mehr als Geschäftsfeld beackert wird, bedeutet der Verlust aller Grundlagen des Madonna-Seins auch eine Entwertung des Pop.

"Ich bin nicht Jeanne d'Arc", sang Madonna auf dem bisher letzten Album "Rebel Heart". Historische Vergleiche scheute sie nie. Sie nahm's als Maria Magdalena des Pop ja auch mit Jesus auf, als Hure mit Nonnen und als Domina mit allen. Madonna stellt sich mühelos in ein Umfeld aus Heiligen und Kämpfenden. Jedes Foto, das von ihr existiere, raube einen Teil von ihr, singt sie in "Joan of Arc" aber auch. Wann immer hasserfüllt über sie geschrieben werde, ziehe das ihre Seele in den Dreck.

Üblicherweise putzte Madonna solchen Dreck leicht weg. Wie sie das aber auf dem Album vor drei Jahren sang, klang es schier wehleidig - bloß keine Jeanne d'Arc sein, bloß Ruhe haben. Dazu klingt eine akustische Gitarre, wie bei "Live to Tell", einem Song von 1985. Betont wird, balladenhaft sanftmütig, nicht die Hoffnung jedes Kämpfens, sondern die Kraft der Demütigung. Was also ist da los? Hat sie gemerkt, dass die Rolle als Antreiberin nicht mehr funktioniert? Und wenn ja: Was dann?


Aufgerufen am 15.12.2018 um 05:37 auf https://www.sn.at/kultur/musik/madonna-60-ist-kein-alter-38815909

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