Musik

Mitten im Festspieltrubel wächst ein Königreich fürs Bababa

Moritz Schädler kommt in der Galerie Vonier ganz unschuldig als One-Man-Band daher, kreiert aber ein großes Popuniversum.

Moritz Schädler, alias, MoreEats ,tupft Popfarbe in die Galerie Vonier in Salzburg. SN/privat
Moritz Schädler, alias, MoreEats ,tupft Popfarbe in die Galerie Vonier in Salzburg.

Moritz Schädler hat einen Vorschlag zur deutschen Sprache. "Das B sollt in die Familie der Vokale aufgenommen werden", sagt er. Weil das "B" nämlich so weich und anschmiegsam sei, sagt er. In der Popmusik hat das "B" große Bedeutung als Element der Lautmalerei. Da seien etwa "Barbaba-Babara Ann" von den Beach Boy oder Jerry Lewis" "Tutti frutti"-Einstieg "A wop bop a loo bop a wop bam boom" erwähnt. Ein "bop" oder "ba-ba-ba" im richtigen Moment zaubert in der Popmusik Gemeinschaft. Da kann man sich schnell einigen, auch zum Mitsingen. Und so singt Schädler über eine "Bababa-Bar", die er als Zufluchtsort schildert, in der mehr passiert als im Alltag, in der die Realität weggeschluckt wird und in der sich Träume ausbreiten. So funktioniert die Songs von Schädler, der aus Liechtenstein stammt, seit langem in Zürich daheim ist und unter dem Namen MoreEats auftritt. Ein Album hat er bisher veröffentlicht. "Quality Time" heißt es. Nach diesem Motto spielt er auch live.

Allein im Eck mit der ganzen Welt

Er steht allein da im Eck der Galerie. Er lässt keine rocknrollig Geste aus, von breiter Beinstellung, lockerer Hüfte bis zum Windmühlenschwungarm in Erinnerung an Pete Townsend. Er spielt eine E-Gitarre, aus der er sanfte, umarmende Sounds holt. Er hat ein Effektgerät dabei, das herrliche Echos baut. Dazu mischt Beats aus der Konserve, mit denen den 1980er Auferstehung feiern. Ein weißes T-Shirt trägt er zu einer weißen Hose. "Ich hab mich heute als Maler angezogen", sagt er. Passt. Er spielt in der Galerie von Sophia Vonier. Die Galeristin bemüht sich seit ein paar Monaten frische Farbtupfer in die Salzburger Barockwelt zu setzen. Das gelingt mit der Ausstellung junger Künstlerinnen und Künstler, viele davon mit lokalem Bezug. Und es gelingt mit einem Auftritt wie dem von MoreEats. Schädler ist der personifizierte Gegensatz zu der schön herausgeputzten Festspielwelt ein paar Meter weiter. Es regnet, als Schädler drin in der Galerie endet. Die Lust, mit der er spielt, hallt nach. Gegenüber im Festspielhaus ist die Oper aus. Auf der Gasse vor der Galerie zieht bedächtig ergriffen von "Medee" das Oper-Publikum vorbei.

Lo-Fi-Pop als große Lebensoper

Lo-Fi-Pop ist das, was Schädler macht. Ihn umgibt nicht der Glamour einer großen Kunsttradition, die sich in ihrem Rahmen stets wertvoll und anspruchsvoll, aber eben doch als ständige Wiederholung darstellt. Schädler ist umwoben vom Glanz der Eigenständigkeit, einer kompromisslosen Schöpferkraft, eines unterhaltsamen Eigenbrötlertums. Sein Sound, seine Performance und sein Umgang mit unsterblichen Elementen des Pop erinnern an die Zeit des Anti-Folk-Movement, das sich Mitte der 1980er Jahre in New York bildete.

Erinnerung an den großen Adam Green

Geboren in diesem Anti-Folkgeist waren später auch die frühen Solo-Alben von Adam Green - und nicht nur wegen des gespielten Dilettantismus" und seiner Spontanität erinnert Schädel an Green. Da ist auch eine Lässigkeit, mit der er banale Themen des Alltags aufgreift und daraus als One-Man-Band-Songmaschine himmelhohe, wolkenleichte Traumgebilde baut. In den Songs kommen und gehen die "Babys", es wird auf Flugplätzen gewartete und es kann einem auch der selige Falco mit seinem "Kommissar" unterkommen. Es wird zu einem perlenden Sound aus der Synthiesamplemaschine sanft geflirtet. Es gibt harte Akkorde für bittere Abschiede und ein Schweben in der weichen Stimmen, wenn es um euphorische Hoffnungen geht. Schädler erzählt von seinem "Kingdom", in dem er "Fürst of Pop" ist. Charmant überhöht ist das alles. Immer bewegt sich alles auf einem doppelten Boden, und so stets auch knapp an der Grenze zum Glaubhaften. Da begegnet man Musik, deren Raffinesse und Anspielungsreichtum ihre Eingängigkeit nicht schmälert. Irrsinn und Traumland, Versprechen und Verzweiflung - da wird große Popmusik große Lebensoper, auch wenn nur einer allein da steht und spielt.

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Aufgerufen am 07.12.2019 um 12:37 auf https://www.sn.at/kultur/musik/mitten-im-festspieltrubel-waechst-ein-koenigreich-fuers-bababa-74553160

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