Musik

Opern-Uraufführung: Ein Mädchen aus dem Eis bricht das Eis

Im Mai 2020 am Salzburger Landestheater, schon jetzt im Internet zu sehen: der Opern-Thriller"Anthropocene" von Stuart MacRae.

Das zarte Mädchen, dem glasklarste Koloraturen abverlangt werden, heißt beziehungsvoll Ice. Denn aus diesem kommt es auch. Eingeschlossen in einen gefrorenen Block landet es auf einem Forschungsschiff namens "Anthropocene", dem Stolz von Captain Ross. Dieses aber steckt, weil man zu lang auf zwei Forscher warten wollte oder musste, selbst im arktischen Eis fest. Die Klimakatastrophe tut schon ihr Werk, denn die Polkappen schmelzen unweigerlich ab.

Umso heißer geht es nun zwischenmenschlich zur Sache. Leidenschaften brechen auf, Beziehungen werden infrage gestellt. Eine Liebesgeschichte, wie sie die Oper braucht, ist ebenso vorhanden wie Intrige und Mord. Und am Ende wird auch noch ein Mensch geopfert. Denn nur Blut kann das Eis auftauen, um das Schiff wieder flottzukriegen, wie die selbst aufgetaute Ice sagt. Aber lassen sich die Seelenverhärtungen wirklich noch lösen?

Der Plot, den die britische Autorin Louise Welsh für die vierte Zusammenarbeit mit dem 43-jährigen schottischen Komponisten Stuart MacRae erdacht hat, hat die Ingredienzen für einen brauchbaren Opernthriller. Und die Schreibweise MacRaes bedient denn auch alle Mittel, die dafür vonnöten sind. Wenn das Eis klirrt, sirren die Streicher in höchsten Lagen, wenn der Sturm tost, wirbelt auch der Orchestersatz, wenn sich zwei Liebende zum Duett finden, wird die lyrische Emphase bedient, sogar eine Oboe d'amore gehört zum Instrumentarium, wenn Dramatik bedient werden muss, wird der Klang entsprechend aufgedreht. Immer aber bleibt die musikalische Sprache an der Handlung, illustriert sie sorgfältig und vermeidet eine allzu platte Untermalung. Dass es für die acht Vokalsolisten attraktive Partien gibt, um sich einzeln und im Ensemble in Szene zu setzen, zeigt, dass der Komponist sein Handwerk beherrscht.

Was da also in knapp einem Jahr auf das Salzburger Publikum zukommt, wenn das Landestheater die kontinentaleuropäische Erstaufführung auf der auch in den Spielplänen der Vergangenheit gut situierten Position der zeitgenössischen Oper präsentiert, kann sich hören lassen. Wer das Werk nämlich bereits "vorhören" möchte, dem steht auf dem Klassikkanal operavision.eu bis 16. November kostenfrei die Uraufführungsinszenierung der Scottish Opera in voller Länge von mehr als zwei Stunden zur Verfügung. Dabei kann man ausgezeichnete, charakterstarke Sängerinnen und Sänger kennenlernen, voran die famose Koloratursopranistin Jennifer France. Hier bricht Ice mühelos jedes Eis.

TV: "Anthropocene", Oper in drei Akten von Stuart MacRae, Libretto: Louise Welsh, Produktion der Uraufführung: Scottish Opera, abrufbar auch www.operavision.eu. Erstaufführung am Salzburger Landestheater: 2. Mai 2020.


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