Musik

schtum wollen "mit neuen Formen ein Bedürfnis stillen"

Manu Mayr und Robert Pockfuß sind zwei äußerst umtriebige Protagonisten der heimischen Musikszene. Was wäre also naheliegender für den Bassisten und den Gitarristen, als sich zusammen zu tun? "Der Reiz ist, mit den Instrumenten diese elektronischen Sounds auszuarbeiten", beschreibt Mayr den Gestus ihrer Band schtum. Beim Kremser donaufestival ist das Duo am Sonntag live zu erleben.

schtum punkten mit "zwei Instrumenten und all den Gerätschaften" SN/APA/GEORG HOCHMUTH
schtum punkten mit "zwei Instrumenten und all den Gerätschaften"

Begonnen hat alles vor etwas mehr als zwei Jahren. "Wir haben uns schon länger beobachtet", erinnert sich Mayr im APA-Interview. "Irgendwann gab es einen Knackpunkt, als ich gemerkt habe, welch guter Komponist Robert ist. Das hat mich dann sehr interessiert. Komponisten haben immer ein Gespür für große Formen - und das habe ich überhaupt nicht", lacht der Bassist. "Dann hatte ich schon ein paar Ideen im Hinterkopf, wie wir die technische Umsetzung des Ganzen machen könnten."

Im Herbst 2017 gab es dann die Live-Premiere beim JazzWerkstatt Wien Festival, seitdem sind einige Auftritte und auch Stücke hinzugekommen. Anfang Juni erscheint die Debüt-Vinyl "Feed" mit sechs Songs, in denen es nach Herzenslust knackt und fiepst, das Feedback für allerlei besondere Konstellationen sorgt, aber auch eine Prise Drone verwendet wird. Der eingangs erwähnte Verweis auf elektronische Musik, er passt gut und kann schtum doch nur in Ansätzen beschreiben. Während diese Sounds oft eine Spur "zu glatt" sind, wie Mayr betont, können die beiden "eine noch direktere Beziehung" herstellen.

"Für uns ist einfach aufregend, dass wir mit dieser Konstellation - zwei Instrumente und all die Gerätschaften - dem Sound, der uns taugt, ziemlich nahe kommen", stimmt Pockfuß seinem Kollegen zu. "Mit diesem Setting hängt der Ton immer vom jeweils anderen ab. Das ist jedes Mal aufregend. Das Spielen ist so anders wie in normalen Bands." Bei schtum mischen sich nicht einfach zwei Signale. "Nein, sie werden zu einem Signal vereint", nickt Mayr. "Dadurch entsteht eine ständige Abhängigkeit. Wenn der eine aufhört zu spielen, steht der andere komplett nackt da. Der Sound verändert sich. Es bleibt nicht das eine übrig, sondern der Gesamtsound ändert sich ständig."

Das hat durchaus Groove, wenngleich dieser eigenwillig sein mag, wie etwa im pulsierenden "Rift" oder dem kantigen "Surge", zu dem Billy Roisz und dieb13 ein psychedelisches Video gestaltet haben. "Was uns innerlich tanzen lässt: Der Sound ist nichts statisches", charakterisiert Mayr die Musik. "Wir haben das Gefühl, dass wir ihn bewegen wollen und das auch können. Für uns ist es nämlich auch Tanzmusik."

Am Freitag kommt beim donaufestival die Auftragsarbeit "KULTUR" des ansässigen Duos El Conde de Torrefiel zur Uraufführung. Tanya Beyeler und Pablo Gisbert haben sich als El Conde de Torrefiel in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht, der weit über die alternative Performanceszene hinausreicht. Ihre "performative Installation" verlasse den klassischen Theaterraum, "explizite Szenen" sind zu erwarten, und im öffentlichen Raum komme es letztlich zu einer Überlagerung mit einer nachgestellten Castingsituation, heißt es über das Programm "KULTUR". Wem das zu vage formuliert ist, der kann sich an einer Zahl festhalten: Einlass gibt es nämlich erst ab 18 Jahren.

Doch das zweite Wochenende in Krems lockt nicht nur damit, sondern auch mit einem technoiden Doppelgänger, zuckenden Körpern und der Lust am gepflegten Lärm. Nicht zum ersten Mal in der Wachau zu Gast ist etwa das Rimini Protokoll, das sich heuer mit Autor Thomas Melle zusammengetan hat. "Unheimliches Tal" ist die von Stefan Kaegi konzipierte Produktion tituliert, die dem Publikum im Forum Frohner eine Begegnung mit einem menschlich wirkenden Roboter beschert.

Ebenfalls eine alte Bekannte ist Ligia Lewis, die nach "minor matter" im Jahr 2017 heuer mit ihrer neuen Arbeit "Water Will (in Melody)" zugegen ist. Schaurige Bilder von märchenhaftem Gestus werden hier Teil "einer Slapstick-Fantasie aus schwarzem Latex und weißen Handschuhen", wird versprochen. Für Lewis und ihre drei Kollegen scheint das eine durchaus fordernde Angelegenheit zu sein, wenn sie ihre Körper zucken und sich krümmen lassen, um den Abschluss der Farbtrilogie "Blue, Red, White" voranzutreiben.

Musikalisch offenbart sich die in Krems so gern bemühte Schnittmenge aus vertrackter Harmonie und Soundrausch in allerlei Facetten: Das Münchner Kollektiv Ark Noir lässt etwa Jazz und Techno aufeinandertreffen, die kolumbianische Produzentin Lucrecia Dalt ist gleichermaßen Geschichtenerzählerin wie Beattüftlerin, und Sean L. Bowie alias Yves Tumor muss in Avantgardekreisen ohnehin niemandem mehr vorgestellt werden. Hier kreuzen sich Horror und Pop, Aggression und Liebkosung in besonderer Manier. Ebenfalls noch am Freitag lassen Godflesh mit ihrem Industrial die Wände erzittern.

Quelle: APA

KULTUR-NEWSLETTER

Jetzt anmelden und wöchentlich die wichtigsten Kulturmeldungen kompakt per E-Mail erhalten.

*) Eine Abbestellung ist jederzeit möglich, weitere Informationen dazu finden Sie hier.

Aufgerufen am 31.10.2020 um 05:29 auf https://www.sn.at/kultur/musik/schtum-wollen-mit-neuen-formen-ein-beduerfnis-stillen-69539890

Kommentare

Schlagzeilen