Musik

Weltkarriere mit Schatten: James Levine ist gestorben

Der US-amerikanische Dirigent starb im Alter von 77 Jahren. Bei den Salzburger Festspielen der späten Karajan-Ära und an der Metropolitan Opera in New York zählte er zu den vielbeschäftigtsten Künstlern seiner Zeit. Missbrauchsvorwürfe im Zuge der #MeToo-Debatte brachten den Maestro zu Fall.

James Levine (1943 – 2021) SN/AP
James Levine (1943 – 2021)

Einen seiner letzten großen Auftritte konnte man hierzulande auf der Leinwand miterleben, als Robert Lepages "Walküre" 2011 aus der New Yorker Metropolitan Opera in ausgewählte Großraumkinos übertragen wurde. Angesichts dessen monumentalen Maschinentheaters wirkte die musikalische Deutung des Hausherren im Graben angenehm detailgenau, aus funkelnden kleinen Edelsteinen das Große formend.

In Salzburg prägte James Levine vor allem die späte Ära Karajan: Den überwiegenden Teil seiner knapp 140 Festspielauftritte absolvierte der US-amerikanische Dirigent vor dessen Tod 1989, darunter Jean-Pierre Ponnelles aufsehenerregende Inszenierung von "Moses und Aron". Im Verbund mit dem französischen Regisseur verlieh Levine zwischen 1976 und 1988 vier Mozart-Opernproduktionen eine markante musikalische und ästhetische Handschrift.

Der Dirigent, der als Pianist Liederabende von Jessye Norman oder Christa Ludwig mitgestaltete, war sich nicht zu schade, auch bei massenträchtigen Gala-Abenden an der Salzach vor die Kameras zu treten: den Gedenkstunden für Ponnelle und für Karajan, aber auch dem globalen Medienereignis "Mozart aus Salzburg" im Juli 1989. Als "Popstar unter den Klassikinterpreten" bezeichnete SN-Rezensent Karl Harb damals den populären Maestro, der - welch doppeldeutige Wortschöpfung - "Mozart für Millionen" biete. Auch das klassische Massenereignis schlechthin, die Zusammenkunft von Luciano Pavarotti, Plácido Domingo und José Carreras als "Die drei Tenöre", leitete Levine während der Fußball-WM 1998 in Frankreich - vor 150.000 Zusehern.

Die dunklen Schatten in der Bilderbuchkarriere traten erst spät hervor: Vier Männer erhoben 2018 Missbrauchsvorwürfe gegen den Dirigenten, die bis in die 1970er-Jahre zurückgereicht haben sollen. Die Met entließ ihren musikalischen Leiter, der mehr als 2500 Aufführungen am Haus geleitet hatte, daraufhin.

Wie am Mittwoch bekannt wurde, ist James Levine am 9. März im Alter von 77 Jahren gestorben.

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