Musik

Wolfgang Ambros live in Salzburg: Ein Triumph über die Vergänglichkeit

Ein Meer der Euphorie: Wolfgang Ambros wird in der Salzburgarena beim Auftritt zu seinem 50-Jahre- Bühnenjubiläum gefeiert.

Bevor es dann ganz zum Ende noch auf den Zentralfriedhof und freilich unvermeidlich ins Stubaital oder nach Zell am See auf die Skipiste geht, bevor sich also alles im Rausch des Mitsingens verliert, steht Wolfgang Ambros da. Angelehnt wie den ganzen Abend an einen Hocker. Er kann nicht mehr so lange stehen. Er kam auch gestützt auf zwei Stöcke auf die Bühne in der Salzburgarena, wo er noch vor dem ersten Ton mit Standing Ovations gefeiert wurde. Applaus allein fürs Kommen quasi. Denn hier weiß jeder: Der Rücken des Mannes ist hin. Ambros, im März 70 geworden, steht also ein bisserl verkrümmt da. "Baba und foi ned" ist gerade vorbei. Seine Hände liegen, mit den Handflächen nach oben, als wollte er die Energie aufsaugen, auf seinen Oberschenkeln. Er steht da, angelehnt, und kann nichts sagen.

Ambros hat harte Jahre hinter sich

Jede Härte ist aus den tiefen Furchen im Gesicht gewichen. Er ist gerührt. Harte Jahre hat er hinter sich, privat und gesundheitlich. Und vieles an diesem Abend auf der Tour, die seine 50 Jahre auf der Bühne feiert, macht klar: Einmal geht es noch, einmal noch alle Kräfte sammeln, einmal noch die Stimme aufbauen für so einen magischen Moment, in dem im letzten Akkord eines Songs ein Jubel aufbraust, der nichts ist als eine tiefe Verneigung. Ein Moment, der eine Zeile des Liedes Lügen straft, wenn es da heißt "a Nacht umsonst aufblieb'n, aber so ist des Leben". Die Nacht war nicht umsonst. Sie begann mit dem härtesten Statement zum eigenen Leben: "I bin verwahrlost, aber frei." Und sie endete im Triumph.

Verneigung vor Vorbildern und Weggefährten

Es werde alte Lieder zu hören geben - und ganz alte, hatte Ambros am Anfang kichernd gesagt. Nichts anderes will sein begeistertes Volk hören. Zwischendurch verneigt er sich aber auch vor Vorbildern und verstorbenen Weggefährten. Aus "Sunny Afternoon" von den Kinks wird "Herumliegn in der Sunn", aus "Love Minus Zero/No Limit" von Bob Dylan hatte er schon in den 1970er-Jahren "Wahre Liebe" gemacht. In beiden Fällen scheint es, als hätte er weniger Probleme, den Songs der anderen ein frisches Charisma zu geben als manchen eigenen. Denn vor allem die lustigen Gassenhauer wie "Hoit, do is a Spoit", "Zwickt's mi" oder "Blume aus dem Gemeindebau" geraten bloß zu schunkeligen Mitsingschlagern. Aber die kennt man halt und da will man mitmachen.

Ambros, der wichtigste Liedermacher des Landes

Nun, kennen tut man bei Ambros eh alles. Er ist der wichtigste Liedermacher des Landes, einer, der die Verfassung des Landes und seine Hinterhofabgründe ebenso einfangen konnte, wie er ein paar der feinsinnigsten Liebeslieder singt. Blöd nur, dass sich eben bei einem solchen Lied das Mitmachdilemma besonders brutal zeigt.

Nachdem er den ersten Teil des Konzerts mit dem berührend-getragenen "Von Liebe ka Spur" beendete, rackert er sich mit "Du bist wia die Wintersunn" in den zweiten Teil des Abends. Breit und schunkelig werden die Feinheiten dieses mindestens in den Top Ten der schönsten Liebeslieder deutscher Sprache rangierenden Songs zubetoniert. Kaschiert wird so die einzige schwerwiegende, altersbedingte Schwäche der Stimme: die Melancholie, die manchem seiner Songs innewohnt, kann der alte Ambros nicht mehr erzeugen. Und das Publikum erwartet sie offenbar auch nicht, sondern pascht halt mit.

Dieses Lied gehört nur uns

Das Dilemma zwischen Zwischenton und Begeisterungstaumel wird mit den nächsten Songs untermauert: Nach der traurig überladenen "Wintersunn"-Version tobt das Publikum beim vergleichsweise banalen "Langsam wachs ma z'amm". Eine Frau eine Reihe weiter vorn schreit das Lied mit und ihrem Begleiter laut entgegen, während sie ihn abwechselnd umarmt und ihm auf die Schenkel klopft. Da ist klar: Dieses Lied gehört nur uns. Ambros schafft Verbindungen. Vielleicht gibt es wegen eines seiner Songs auch Kinder, jedenfalls gibt's wohl für jeden in diesem Saal, vielleicht im ganzen Land, einen Moment, der ihn an einen Ambros-Song erinnert. Auskommen tut man diesen Songs ja nicht.

Es geht um die Erinnerung

Es sind Volkslieder, ebenso wie die beiden Songs, mit denen er sich vor Georg Danzer und vor Willi Resetarits verbeugt. Bei Danzers "Jö schau" dreht der Saal durch. Bei "Feia", der anhabig-blusigen Ostbahn-Kurti-Version des Bruce-Springsteen-Songs "Fire", geht das nicht. Dafür schafft Ambros hier, der Song ist ruhig und passt zu seiner rauen Stimmlage, plötzlich eine dichte Innigkeit. Danach dreht er diese Innigkeit ins Unheimliche: "Gezeichnet fürs Leben" klingt, als hörte man jenen Ambros, der diesen wütenden Song vor 40 Jahren stets zu einem Konzerthöhepunkt werden ließ. Eigenartig mutet an, mit welcher Inbrunst auch ein gesetztes, längst alt gewordenes Publikum die Selbstmordfantasie mitsingt. Aber freilich geht es an diesem Abend mehr um Erinnerung als um Lieder, die im Hier und Jetzt siedeln. Das gilt auch für "De Kinettn wo i schlof", jene Geschichte des Sandlers, dem sie die Baugrube zuschütten, in der er übernachtet. Fein gesponnen ist dieser Song von einer fabelhaft aufgelegten Band, die aber eben manchmal zu breitbeinig auftritt.

Blick für Randfiguren

"Feia", "Gezeichnet fürs Leben" und "De Kinettn" - dieses Dreierpack bildet den Höhepunkt des Abends, weil sich da in nur ein paar Minuten Ambros' Inwendigkeit, Rebellentum und auch seine Wehmut und sein vor allem in den 1970er-Jahren ausgeprägter Blick für Randfiguren kraftvoll zeigen. Und schließlich bekennt er auch die einfach schwerste Sache: "A Mensch möcht i bleib'n, ned ois Leich möcht i sterbn". So singt er das in der letzten Nummer vor den Zugaben. Auch so ein Song, bei dem die raue, von den Schlägen des Lebens malträtierte, manchmal wegkippende Stimme im geschundenen Körper nichts ausmacht. Gar nichts. Denn es geht nicht um Genauigkeit, sondern um ein Gefühl, um die Belebung eines ewigen Geistes. Die Euphorie beim "Hofa", der Taumel beim "Zentralfriedhof", die Ausgelassenheit bei "Schifoan" - alles gut und schön. Und doch sind es andere Momente, die bleiben. Die Vergänglichkeit mag an Körper und Stimme von Wolfgang Ambros nagen, an manchen Zeilen tut sie es nie und nimmer: "… ned alles, was an Wert hat, muss a an Preis hab'n". Danke, baba und foi ned.

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