Kultur

"Nocturnal Animals" im Kino: In Schönheit sterben

In Venedig bekam Tom Ford für "Nocturnal Animals" den Großen Preis der Jury. Jetzt startet der Thriller im Kino.

Dass ein Modeschöpfer, der quasi nebenbei eine Regiekarriere begonnen hat, auf die Schönheit seiner Filme Wert legt, liegt in der Natur der Sache. So war schon Tom Fords Regiedebüt "A Single Man" (2009) eine atemberaubend elegant inszenierte, bittersüße Liebesgeschichte um einen trauernden Professor und einen attraktiven Studenten, nach dem gleichnamigen Roman von Christopher Isherwood.

Für seinen zweiten Film "Nocturnal Animals" schrieb Ford das Drehbuch erneut auf Basis eines Romans, nämlich Austin Wrights "Tony and Susan", und wieder gelingt ein visuell reizvolles Werk: Die großartige Amy Adams (derzeit als Sprachwissenschaftlerin im Science Fiction-Film "Arrival" zu sehen) spielt da eine dank fader Ehe unglückliche Galeristin, die vom schriftstellernden Ex-Ehemann (Jake Gyllenhaal) einen unveröffentlichten, reichlich blutigen Roman zu lesen kriegt, in dem sie ihre alte Beziehung wiedererkennt.

Der Film beginnt mit prachtvoll inszenierten Bildern dicker Burlesquetänzerinnen, mit strategisch positionierten Glitzerquasten und Maraboufedern. Die erste Szene öffnet dann in eine Galerie in Los Angeles, in der sich ebenso dicke nackte Frauen auf Podesten räkeln, dazwischen flaniert elegant gekleidetes Galeriepublikum. Es könnte der Beginn zu einem Film sein, in dem es um Körperwahrnehmung und Tabubrüche geht, doch diese Ansätze gehen ins Leere. Stattdessen erzählt der Film eine letztlich triviale Geschichte um eine nicht mehr ganz junge Frau, die über die Beziehungen zu ihren Partnern definiert wird: Susan (Adams) ist die kalifornische Galeristin, die die Ausstellung mit den Burlesquefotos kuratiert hat, und ihr Mann (Armie Hammer) ist erfolgreicher Banker, der unter der Woche weit weg an der Wall Street arbeitet, während sie sich nach Nähe sehnt.

Aber womöglich war diese Ehe ohnehin nur eine Frage gesellschaftlicher Konventionen, und in Wahrheit mochte man einander nie wirklich? Früher, da war Susan mit dem leidenschaftlichen, erfolglosen Schriftsteller Edward (Jake Gyllenhaal) liiert.

Und von ihm findet sie nun in ihrer Post jenen noch unveröffentlichten Roman, an dem er seit Jahrzehnten gearbeitet hatte. Sie beginnt zu lesen. Und erkennt erschrocken ihn und sich wieder, in dieser brutalen Geschichte um eine Familie, in der er (ebenfalls von Gyllenhaal gespielt), sie (die Amy Adams vom Typus ähnliche Isla Fisher) und die fast erwachsene Tochter quer durch die texanische Wüste unterwegs sind. Bis sie von ein paar Rednecks überholt werden, die sie provozieren, bis zur totalen Eskalation. Die Sache geht für die Frauen tödlich aus, für ihn wird die Suche nach den Tätern zur Katharsis. Und die Leserin Susan, die sich immer schwerer dem Sog der blutigen Geschichte entziehen kann, versteht den Roman ihres Exmannes als Rachedrama, durch das er sich neu zu ihr positioniert, und findet zurück zu einem alten Begehren.

Tom Ford verschachtelt hier Stilmittel des Melodramas mit rauen B-Movie-Motiven zu einem Film der bizarren Gegensätze: Da der intellektuelle Hochglanz der Galeriewelt, in der sich Susan zunehmend verloren fühlt, dort die grelle, vulgäre Brutalität der Route-66-Gewaltverbrecher, der die Frauen in der Romanhandlung ausgesetzt sind, als Requisiten für die Selbstfindung des männlichen Helden. Zurück bleiben eine einsame Frau, und ein schaler Nachgeschmack. In Venedig bekam Tom Ford dafür den Großen Preis der Jury.

Film: Nocturnal Animals. Thriller, USA 2016. Regie: Tom Ford. Mit Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Armie Hammer, Aaron Tayler-Johnson, Isla Fisher, Karl Glusman, Laura Linney, Andrea Riseborough. Start: 22. 12.

Quelle: SN

Aufgerufen am 15.12.2018 um 01:01 auf https://www.sn.at/kultur/nocturnal-animals-im-kino-in-schoenheit-sterben-586249

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