Kultur

Österreichs Anti-Klimt malt und verspottet sich

Mit großem Aufgebot aus Wien, Salzburg, Linz und Innsbruck wird ein rebellischer, einsamer Maler gewürdigt.

Weil Gustav Klimt an der Ausstellung teilnehmen sollte, sagte Richard Gerstl ab und vertat sich so die einzige Chance, seine Bilder je öffentlich zu präsentieren. Zwei andere Male wurde eine Einladung an ihn wegen Skandalgefahr wieder abgesagt. Anders als Klimt verabscheute er allegorische Themen. Er malte nur, was er sah: Landschaften, Gesichter und Körper. Und während Gustav Klimt sich nie selbst porträtierte, hat Richard Gerstl sein Gesicht, seinen halb oder ganz nackten Körper etwa 20 Mal malend erforscht. Siebzehn dieser Selbstporträts hängen nun in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt.

Das lachende Selbstbildnis aus 1907 sei das radikalste, direkteste und provokativste, schreibt Kuratorin Ingrid Pfeiffer im Katalog. "Der oft mit seinem eigenen Äußeren hadernde junge Mann richtet Hohn und Spott gegen sich. Der Künstler als Narr, mit fast irrem Lachen."

Diese Schau ist epochal. Denn Richard Gerstl ist zwar längst ein Protagonist von Wien um 1900. Er gilt sogar als der "erste österreichische Expressionist". Legendär ist vor allem sein blau leuchtendes Selbstporträt mit nacktem Oberkörper und weißem Lendenschurz im Leopold Museum. Doch erst jetzt findet die erste Retrospektive in Deutschland statt. Diese vereint so viel Gerstl wie noch nie: 53 der 60 erhaltenen Werke sind in Frankfurt.

Dafür ist Österreich Gerstl-leer. Das Leopold Museum hat alle seine Werke Richard Gerstls in die Schirn geschickt. Ebenso haben sich Mumok, Wien Museum, Belvedere und Albertina beteiligt. Aus dem Salzburger Museum der Moderne gastiert das Ölgemälde "Straßenbiegung (Motiv aus Nußdorf mit dem Blick zum Kahlenberg)" in Frankfurt, auch aus Linz und Innsbruck sind Leihgaben entsandt.

Das große Aufgebot für diesen rebellischen Österreicher hat einen zweiten Grund: Danach geht diese Retrospektive in die Neue Galerie nach New York, die selbst ein Konvolut dazu beiträgt. Damit folgen Richard Gerstls Bilder etwa 80 Jahre später ihrem Entdecker und Retter, dem Kunsthändler Otto Kallir.

Dieser hatte 1923 in Wien die "Neue Galerie" gegründet. 1931 sei Richard Gerstls Bruder zu Otto Kallir mit kleinen Landschaftsbildern und der Frage gekommen, ob er diese wegwerfen solle, schildert Enkeltochter Jane Kallir im Katalog. Der Galerist kaufte, restaurierte und präsentierte die Bilder. Doch als er 1938 vor den Nationalsozialisten nach Paris und New York floh, musste er sie zurücklassen.

Bei der ersten Ausstellung 1931 in der Neuen Galerie in Wien war Richard Gerstl bereits 23 Jahre tot. Nachdem Mathilde Schönberg, die Ehefrau des Komponisten, den Seitensprung mit ihm beendet hatte, nahm er sich im Atelier das Leben.

Mit solch tief empfundener Schmach von Zurückweisung erklärt Kuratorin Ingrid Pfeiffer auch die vielen Selbstporträts: Richard Gerstl gehöre - wie Rembrandt oder James Ensor - zu jenen Künstlern, "die sich zumindest zeitweise als Außenseiter wahrnahmen und mit der ausgeprägten Beschäftigung mit sich selbst auf ihre ,Verstoßung' durch die Umwelt reagierten". Zudem habe Richard Gerstl auf das tiefe Unbehagen in Wien um 1900 reagiert - des von Sigmund Freud analysieren Verdrängens ebenso wie gesellschaftlicher Brüche. "Gerstl scheint wie ein Seismograf die unterschwelligen Spannungen seiner Epoche verarbeitet zu haben."

Ausstellung: Richard Gerstl - Retrospektive, Schirn, Frankfurt am Main, bis 14. Mai. Danach: Neue Galerie, New York, 29. Juni bis 25. September.

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