Kultur

Parndorfer Flüchtlingstragödie auf der Bühne

Einen "kulturellen Gedenkstein" für 71 im August 2015 in einem an der Autobahn A4 bei Parndorf abgestellten Lkw tot aufgefundene Flüchtlinge wollte die Theaterinitiative Burgenland setzen. Das Resultat - ein von Peter Wagner inszeniertes Stück namens "71 oder Der Fluch der Primzahl" - ist am Mittwochabend in der Parndorfer Volksschule zur Uraufführung gelangt.

Das Stück erntete am Ende stehende Ovationen.  SN/APA/SABINE MAIER
Das Stück erntete am Ende stehende Ovationen.

In Koproduktion mit dem Offenen Haus Oberwart und der Gemeinde Parndorf ist eine Art Multimedia-Performance entstanden, eine Collage aus filmischen, literarischen und musikalischen Beiträgen. Das Kernstück des über zweistündigen Abends bilden auf der Bühnenrückwand eingespielte, in Schwarz-Weiß gehaltene Interviews mit Menschen, die persönlich mit dem tragischen Vorfall befasst waren. Mitarbeiter des Landeskriminalamtes kommen ebenso zu Wort wie ein Staatsanwalt, ein junger Sanitäter, eine freiwillige Helferin oder Gerhard Zapfl, Bürgermeister der Gemeinde Nickelsdorf. Er berichtet u.a., in den Tagen der ersten massiven Flüchtlingsbewegungen im Herbst 2015 keinerlei Unterstützung seitens politischer Verantwortungsträger erfahren zu haben. Im Gegenteil: Das Büro Faymann habe ihm ausgerichtet, der Kanzler sei für ihn nicht zu sprechen.

Diese authentischen Aussagen und Erfahrungen berühren zumeist durch schlichte, unpathetische Sachlichkeit, hinter der dennoch intensive Betroffenheit spürbar wird - ohne dass sie eigens demonstriert werden müsste. Das bleibt eher den Literaten vorbehalten: Insgesamt 21 burgenländische Autorinnen und Autoren - von Clemens Berger über Karin Ivancsics bis Petra Piuk und Sophie Reyer - steuerten Texte unterschiedlicher Qualität bei und entgingen dabei nicht immer der Versuchung zu unangebracht moralinsäuerlicher Bemühtheit. Ein bildender Künstler findet in "Guernica"-Attitüde zu makabrer Ästhetisierung der im Lkw-Laderaum verwesten Leichen und schwärmt von der "Poesie, wie diese Menschenmasse niedersinkt". 

Peter Wagner hat wacker versucht, die immense inhaltliche Herausforderung einerseits formal zu gestalten und die vielen heterogenen Elemente zwischen Prolog und Epilog in fünf Akte zu fassen, andererseits durch choreografische Elemente und diverse Regiegags die reine Zelebration von Textlitaneien durch fünf Schauspieler zu durchbrechen. Für professionelle, farbige, jedoch stilistisch uneinheitliche Live-Musik sorgt Ferry Janoska. Er kam der Vorgabe nach, kein Requiem, sondern "Lebensmusik" zu komponieren. Die Schlusshymne "Ich zähle um mein Leben" trieft dann aber in songcontest-reifem Schwulst.

Paradoxe Einsicht am Ende: Die Toten erhalten anlässlich ihrer Rückführung ganz einfach jenes One-Way-Ticket - wenn auch in die andere Richtung -, das ihnen als Lebende verwehrt blieb. "Real Geschehenes fiktiv zu verarbeiten" stellt jedenfalls eine heikle Gratwanderung dar, die vom Premierenpublikum letztlich mit Standing Ovations bedacht wurde. Das Buch zum Stück mit allen Interviews und den kompletten Texten ist in der Edition Marlit erschienen.

Quelle: APA

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