Kultur

Premiere der "Erfindung der Sklaverei" in der Drachengasse

Schon mal unterdrückt worden? Die Figuren in Christiane Kalss' neuem Stück können diese Frage nach turbulenten wie abstrusen Ereignissen durch die Bank mit Ja beantworten. Ihre "Erfindung der Sklaverei", die Montagabend im Wiener Theater Drachengasse Uraufführung feierte, ist eine eigenwillige Analyse des Umgangs mit dem Fremden. Leider stecken aber hinter der Überzeichnung reichlich Plattitüden.

Der gebürtigen Leobnerin Kalss, der ihr Werk im Vorjahr eine Nominierung für den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts einbrachte, gelingen dabei viele eindrückliche Bilder. In Zeiten von beinahe größenwahnsinnig agierenden Staatsmännern und der anhaltenden Angst vor weiteren Flüchtlingsströmen wirft sie derartige Themen auf die kleinste Einheit zurück: einen namenlosen Ort in der Provinz. Hier dreht sich alles um "das idyllische Fleckchen Erde", das der Ort gefälligst bleiben soll.

Darüber wacht eine personifizierte Gemeinde (großartig: Petra Strasser), die sich wiederum mit allerlei Anträgen und Wünschen der Bewohner auseinanderzusetzen hat. Doch im Kleinen ist auch Bürokratie kein Problem und das Fördergeld schnell zugesagt. Ins Wanken bringt dieses Konstrukt die Ankunft von zwei Gästen - oder sind es doch Fremde? Ein Doktor (Gottfried Neuner) und "die Andere" (Nicola Trub) können nicht so schnell klar machen, ob sie nun Touristen oder Besucher sind. Denn eigentlich suchen sie ja Zuflucht. Wovor, das bleibt im Unklaren.

Für Unternehmerin Heidrun (Alexandra-Maria Timmel) kommen sie jedenfalls gerade recht, um in der neuen Geburtsklinik mitanzupacken. Sohn Gernot (Michael Köhler) wiederum, der in leuchtenden, riesigen Meerschweinchen als künftigen Reittieren des Menschen seine Lebensaufgabe sieht, will mit einer Flugzeugentführung helfen und mehr Personal heranschaffen. Klingt nach Terrorismus? Aber wo, für das Wohl der Gemeinde ist auch das denkbar - sagt die Gemeinde.

In diesen gut eineinhalb Stunden, die Regisseurin Sandra Schüddekopf dem Wahnsinn zwischen Screwball-Komödie und Gesellschaftskritik zugesteht, ist sich jeder selbst der Nächste. Die diversen Zeichen "von Wärme, Offenheit und Liebe", die gerne gepredigt werden, mischen sich zudem vorzüglich mit Angst und Wut. Wo Kalss richtigerweise den Finger in die Wunde legt, die Unsicherheit gegenüber dem Anderen, dem Fremden in unterschiedlichsten Facetten vor Augen führt, lässt sie im nächsten Moment aber stets eine Bombe platzen. Zeit, zur Ruhe zu kommen, gibt es hier nicht.

Und so verwundert es kaum, dass Schüddekopf ihre Darsteller mal mit riesigen Gymnastikbällen quer über die Bühne choreografiert oder am Ende Gernots Plan der Meerschweinchenzucht offenbar Wirkung zeigt. Die menschengroßen Tiere sind letztlich nur das Tüpfelchen auf dem i. "Die Erfindung der Sklaverei" macht zwar einiges richtig, belässt es aber leider nicht dabei, sondern sucht stets das nächste Extrem. Da bleibt nicht nur das angestrebte Idyll auf der Strecke.

Quelle: APA

Aufgerufen am 19.11.2018 um 08:50 auf https://www.sn.at/kultur/premiere-der-erfindung-der-sklaverei-in-der-drachengasse-240154

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