Kultur

Premiere von "Engel mit der Posaune" in der Josefstadt

Der Zerfall der Monarchie, Erster Weltkrieg, die Entwicklung der Sozialdemokratie, Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg: In seinem Roman "Der Engel mit der Posaune" versuchte Ernst Lothar im Jahr 1944 im amerikanischen Exil, seinen Lesern Österreich zu erklären. Mehr als 70 Jahre später inszeniert Janusz Kica den Stoff am Theater in der Josefstadt. Ein schwieriges Unterfangen.

Maria Köstlinger als "Henriette Stein" und Xaver Hutter als "Graf Traun".  SN/APA/HERBERT NEUBAUER
Maria Köstlinger als "Henriette Stein" und Xaver Hutter als "Graf Traun".

Es ist ein in mehrerlei Hinsicht historischer Stoff, mit dem das Theater in der Josefstadt am Samstagabend die neue Saison eingeläutet hat: Die Dramatisierung von Lothars epochalem Roman arbeitet nicht nur österreichische Vergangenheit auf, sondern erzählt selbst Geschichte. Lothar leitete vor seiner Flucht vor den Nationalsozialisten gemeinsam mit Max Reinhardt das Theater in der Josefstadt, nur drei Jahre nach Kriegsende entstand - mit Paula Wessely in der Hauptrolle - die berühmte Verfilmung des Stoffs. Für die nunmehrige Uraufführung hat die Autorin Susanne F. Wolf sich auf den Roman rückbesonnen und versucht dessen - in der Verfilmung doch recht verwaschenen - Kern herauszuarbeiten. Dass auch sie die immense Vielschichtigkeit des über 500 Seiten starken Werks nicht eins zu eins auf die Bühne übertragen kann, liegt angesichts der Aufführungsdauer von drei Stunden auf der Hand.

Doch ist dem Duo Wolf/Kica deutlich mehr gelungen als der Filmversion von Karl Hartl, der die Monarchie durchaus romantisierte und den Ende des 19. Jahrhunderts aufkeimenden politischen Komplex rund um den Klassenkampf weitgehend aussparte. Mit Maria Köstlinger hat man eine widerspenstige Henriette Alt gefunden, in deren Lebensgeschichte sich die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts vereinen. Wo Wessely noch glaubwürdig die brave Ehefrau verkörperte, der Betrug und Ausbruch aus der Ehe mehr oder weniger passieren, lässt Köstlinger von der ersten Sekunde an eine berechnende Metaebene mitlaufen, die das sich radikal verändernde Frauenbild im Laufe einer einzigen Generation widerspiegelt.

Die altehrwürdige Klavierbauer-Familie Alt wohnt auch bei Kica in der Seilerstätte 10, doch das gutbürgerliche Haus in der Wiener Innenstadt ist ein düsterer, im Versinken begriffener Ort. Karin Fritz hat dafür ein sprechendes Bühnenbild geschaffen: Das vierstöckige Haus ist ganz in Schwarz gehalten, das offene Erdgeschoß versinkt im Boden, sodass die Protagonisten bei ihren Auf- und Abtritten den Kopf einziehen müssen. Das Mobiliar ist spärlich und besteht aus Konzertflügeln, Klavierhockern und rollenden schwarzen Sofas. Bei den Kostümen nimmt sie dezente Anleihen an der jeweiligen Zeit und macht den Fortgang der Geschichte auch konsequent modisch nachvollziehbar. Und so wirken die Familienmitglieder Alt meist wie Statisten in einer Umgebung, die sich immer mehr entfremdet.

Kica, der in den vergangen Jahren mit Inszenierungen von Stücken wie Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang" und Hofmannsthals "Der Schwierige" immer wieder Zeitenbrüche verhandelt hat, setzt in diesem statischen Raum auf Bewegung: In Kürzest-Szenen wirft er Schlaglichter auf die Biografien der Protagonisten, dreht das Geschichtskarussell in rasendem Tempo weiter und spannt so den Bogen vom Jahr 1888 bis ins Jahr 1938. Die zentralen Szenen werden ausgespielt - Henriettes Verlobung mit dem Klavierfabrikanten Alt (Michael Dangl), die Verstrickung Henriettes mit dem Kronprinzen Rudolf, die Anfangs-Euphorie zum Kriegsausbruch, die Ernüchterung danach. Während im ersten Teil des Abends Henriette im Zentrum steht, die Franz Alt aus reinem Kalkül ehelicht, verschiebt sich die Handlung schließlich in die nächste Generation. Im Zentrum stehen die ungleichen Brüder Hans und Hermann Alt (beide stark: Alexander Absenger und Matthias Franz Stein). Der eine Muttersöhnchen und späterer Sozialdemokrat, der andere strammer Nachkomme des korrekten Vaters und Nationalsozialist der ersten Stunde. Über allem bedrohlich schwebend: die jüdische Abstammung Henriettes. Dazwischen: Silvia Meisterle als unbedarfte Tochter Martha Monica, lebendiges Zeugnis außerehelicher Ausbruchsversuche.

Das Ensemble stemmt die Inszenierung, die sich selten Zeit für Spannungsaufbau und Figurenentwicklung nimmt, bravourös. Die stickige Luft der letzten Jahre der Monarchie, der Geist der Erneuerung, gepaart mit Konfusion über neue Verhältnisse - all das bringen Köstlinger, Dangl und Co. auf den Punkt. Was Kica jedoch nicht gelingt, ist, über eine gut gemachte Geschichtsstunde hinaus zu kommen. Ein auf der Hand liegender Bezug zu zeitgenössischen Umbrüchen bleibt unausgeschöpft. Das störte das Premierenpublikum jedoch hörbar nicht. Ensemble, Autorin und Regie empfingen am Ende des Abends ausgiebigen, herzlichen Applaus.

Quelle: APA

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