Literatur

Reinhold Messner - wie überleben 22 Männer in eisiger Kälte?

Reinhold Messner erzählt vom Ausharren in der Antarktis und von den Strapazen des Polarforschers Frank Wild und dessen Gefährten.

Reinhold Messner – sein neues Buch handelt vom Überlebenskampf des Polarforschers Frank Wild und seiner Gefährten. SN/APA/dpa/Frank Rumpenhorst
Reinhold Messner – sein neues Buch handelt vom Überlebenskampf des Polarforschers Frank Wild und seiner Gefährten.

Die "Endurance", das 1916 in der Antarktis vom Packeis zerstörte Schiff, ist unter anderem durch Frank Hurleys Fotografien legendär geworden. Eines seiner atemberaubenden Fotos prangt auf dem Umschlag von Reinhold Messners neuem Buch "Wild" über die Expeditionen des britischen Polarforschers Frank Wild, der es nie aus dem Schatten von "Boss" Ernest Shackleton geschafft hat.

Reinhold Messner scheint berufen wie kaum ein anderer, die Lebensgeschichte dieses Abenteurers zu erzählen, den es immer wieder aufs Neue in Schnee und Eis, bittere Kälte und monatelange Finsternis gezogen hat. Denn der 73-jährige Südtiroler hat selbst im Himalaya bergsteigerische Großtaten geleistet, zudem hat er etwa 1989/90 mit Arved Fuchs die Antarktis zu Fuß durchquert. Die Strapazen, die die Pioniere der Polarforschung auf sich genommen haben, sind ihm daher vertraut. Sie sind es auch, die in dem Buch, das akribisch von den verschiedenen Expeditionen Frank Wilds berichtet, am plastischsten hervortreten - um den Preis der allmählichen Ermüdung des Lesers.

Ausgehend von der in den Felsen von Elephant Island geritzten gereimten Nachricht Hurleys, "We are lost, we all will die, if Wild doesn't keep our spirit high", widmet sich Messner der bisher wenig beachteten Nummer zwei der "Endurance"-Expedition. Dass alle 22 Männer unter Wilds Führung in einem behelfsmäßigen, aus zwei umgedrehten Rettungsbooten gebauten Unterstand vier Monate lang ausharrten und überlebten, sei mindestens genauso hoch zu bewerten wie Shackletons Bravourstück der 1500 Kilometer langen sturmumtosten Überfahrt in einem winzigen Rettungsboot: "Ich weiß, dass Ausharren schlimmer ist, als etwas zu tun", schreibt Reinhold Messner. Er macht die Härte der Wildnis und den Durchhaltewillen derer, die sich ihr entgegenstellen, anschaulich. Doch dort, wo schriftstellerische Raffinesse und Erfindungsgabe den Ereignissen Tiefe und den Protagonisten Eigenleben verleihen müsste, sind seine Mittel begrenzt. Frank Wild wird als treuer Gefährte Shackletons definiert und bleibt als Hauptfigur blass.

Weitab von jener menschenfeindlichen Fels-, Schnee- und Eiswüste, die Frank Wild zeit seines Lebens magisch angezogen hat, ergeben sich überraschende Möglichkeiten zur Konturschärfung einer außergewöhnlichen Persönlichkeit: Nach dem Ersten Weltkrieg sucht er bei der Etablierung von Baumwollplantagen in Südafrika sein Glück: ständige Hitze, Moskitos und Malaria statt ewiges Eis, Pinguine und Skorbut. "Dann steht ein junger schwarzer Läufer vor der Farm. Er hält Wild ein Telegramm hin: Es ist Shackletons Aufforderung, ihn auf seiner nächsten Antarktisexpedition zu begleiten."

Wild lässt alles liegen und stehen, um der Aufforderung zu folgen. Es wird eine letzte gemeinsame Reise - mehr der Nostalgie als der Wissenschaft geschuldet. Ernest Shackleton stirbt auf ihr und wird in einer Walfangstation auf Südgeorgien beigesetzt. Siebzehn Jahre später stirbt Frank Wild (1873-1939) verarmt in Südafrika. Jahrzehnte später wird seine Asche überführt und neben Shackletons Grab beigesetzt. "Frank Wild - Shackleton's Right Hand Man" steht auf der Grabplatte. Er war loyal über den Tod hinaus.

Quelle: SN, Apa

Aufgerufen am 24.09.2018 um 09:35 auf https://www.sn.at/kultur/reinhold-messner-wie-ueberleben-22-maenner-in-eisiger-kaelte-22465567

Kommentare

Schlagzeilen