Kopf des Tages

Ror Wolf - Der Poet des Fußballs wird 85

Der deutsche Schriftsteller Ror Wolf wird 85. Durch ihn wurde das durch Mythen überhöhte Spiel Deutschland gegen Österreich bei der WM in Argentinien 1978 zu Literatur.

Ror Wolf. SN/swr
Ror Wolf.

Die "Schmach von Córdoba", die die deutsche Fußballnationalmannschaft 1978 gegen Österreich erlitt, wurde für Ror Wolf zur Sternstunde. Als einer der ersten Intellektuellen widmete er sich dem Volkssport: Er nahm Kommentarfetzen und Interviewpassagen, setzte sie zu Hörspiel-Collagen zusammen und wurde als "Fußball-Poet" bekannt. Am Donnerstag (29.6.) wird er 85 Jahre alt.

30 Mal ist er umgezogen

Seit mehr als 25 Jahren lebt Ror Wolf in Mainz. Die Stadt habe er seit fünf Jahren nicht mehr verlassen, sagt Wolf. Er sei nach einer schweren Operation gesundheitlich angeschlagen. Zuvor war er rastlos: Über 30 Mal ist er umgezogen, wohnte in New York, London, Frankfurt. Lässt sich die Arbeit mit Collagen auf seine zahlreichen Lebensstationen beziehen? "Das weiß ich, dass das so ist", sagt Wolf. "Das ergibt sich notwendigerweise aus so einem Leben."

1953 verließ er die DDR

1932 wurde Ror Wolf in Thüringen geboren. Bevor er 1953 die DDR verlässt, arbeitet er zwei Jahre als Bauarbeiter, seine Bewerbungen zum Studium werden zunächst abgelehnt. 1954 beginnt er in Frankfurt Literaturwissenschaft, Soziologie und Philosophie zu studieren. Sein erstes Buch, der Roman "Fortsetzung des Berichts", erscheint 1964, eine auf Papier gebrachte Traumlandschaft in Anlehnung an Franz Kafka.

Das Fußballstadion als Ort der Worte

Anfang der 1970er Jahre betritt er ein ganz anderes Terrain: die Fußballstadien. Vor allem aus dem Stadion der Frankfurter Eintracht schreibt er Texte und nimmt Radiostücke auf, die ihn bekannt machen. In seiner Jugend sei ihm Fußball noch fremd gewesen, erzählt Wolf. Den Sport lernt er bei Fans in Stuttgart kennen, wo er als Hilfsarbeiter tätig ist. Die Weltmeisterschaft 1954 habe dort "Bewegung in die Köpfe gebracht".

Bewegung in die Köpfe

Bewegung in die Köpfe bringt Wolf selbst durch seine Prosa- und Poesie-Texte, die immer wieder herausfordern und die Erwartungshaltung des Lesers brechen. So veröffentlicht er 2012 den Horror-Roman "Die Vorzüge der Dunkelheit", in dem er den Ich-Erzähler auf einen surrealen Streifzug durch Absteigen und Kaschemmen schickt. Anlässlich seines 85. Geburtstags erscheint ein Sammelband mit seinen Gedichten - die sind mal komisch, mal melancholisch, bleiben aber überraschend.

Skurril bis grotesk sind die meisten seiner Bücher. Immer wieder beschäftigt er sich mit der Welt und ihrer Wirklichkeit und dem Auseinanderdriften von beidem. Eine allgemein verbindliche Wirklichkeit gebe es für ihn als Autor ohnehin nicht, sagt Wolf. Es zählt vor allem das Erlebte: "Die Realität ist eine Mischung, die im Laufe der Jahre zustande kommt." Sein rhythmischer Umgang mit der Sprache verschafft ihm in der Literaturkritik den Beinamen "Wortmusiker". Ein Kompliment, das ihm "sehr recht" ist.

Der zersplitterten Gegenwart eine Form geben

Vielfach wird er für seine Werke ausgezeichnet, zuletzt etwa 2016 mit dem Schiller-Gedächtnispreis des Landes Baden-Württemberg. Die Jury urteilte: "Für die zersplitterte Gegenwart, in der wir leben, hat Ror Wolf wie kein anderer literarische Formen entwickelt, die mit den tröstlichen Verbindlichkeiten des konventionellen Erzählens nichts zu tun haben." Auch als bildender Künstler betätigt sich Wolf, schafft auch hier - wie könnte es anders sein - Collagen. Surreal wie in den Büchern geht es zu, Wolf überträgt das Spiel mit dem Verfremden ins Optische. Seine Arbeit an den Bildcollagen sei aber nur eine "gewollte Nebenbeschäftigung" sagt er, ein Ausgleich zum Schreiben.

Derzeit arbeitet Wolf an seiner Biografie. "Ich verstehe das nicht mehr als Arbeit", sagt er. "Ich bin dabei, mich auszuruhen." Dafür geht er Notizen und Bücher durch. In 85 Jahren habe sich so einiges angesammelt. Wann die Biografie abgeschlossen ist? "Ich bin mittendrin", sagt Wolf.

Quelle: Apa/Dpa

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