Kultur

Schauspielhaus Wien zeigt Kunstmenschen und Dauer-Soap

Der Mensch in Zeiten seiner technischen Reproduzierbarkeit und das Theater in Zeiten seiner räumlichen Erweiterung: Das Schauspielhaus Wien bleibt auch in der neuen Saison 2017/18 seinen großen Leitlinien treu. "Das ist kein Spielplan, der sich ausruht", zeigte sich Leiter Tomas Schweigen bei der Präsentation am Donnerstag selbstbewusst: "Wir wollen uns selbst und das Publikum überraschen."

"Kein Spielplan, der sich ausruht", kündigt Schweigen an.  SN/APA/ROLAND SCHLAGER
"Kein Spielplan, der sich ausruht", kündigt Schweigen an.

Dafür hat man sieben Uraufführungen und eine Erstaufführung programmiert, wobei ein multimedialer Abgesang auf den Menschen am 28. September den Auftakt darstellt. "Golem oder der überflüssige Mensch" soll eine zeitgenössische Interpretation des Themas des künstlichen Wesens, das sich gegen seinen Schöpfer richtet, darstellen. Gernot Grünewald verschränkt dafür etwa Texte des "Die Sache Makropulos"-Autors Karel Capek mit Google-Gesellschaftsprognosen.

Wienspezifischer ist die "Seestadt-Saga", die ab 19. Oktober 25 Tage in Echtzeit als laufende Reality-Soap konzipiert ist. Entweder folgt man den Social-Media-Profilen der einzelnen Figuren oder wühlt sich durch die eigene Website www.seestadt-saga.at, während ein Mal pro Woche ein "Was bisher geschah"-Kurzvideo Orientierung bietet. Zugleich ist das Geschehen auch real zugänglich, wenn das Publikum einzelne Figuren kontaktiert. "Im Großen und Ganzen ist das aber eine Serie, die gescriptet ist", so Schweigen. Dafür gibt es begleitend eine Schreibwerkstatt mehrerer Autoren.

Unter dem Titel "Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)" ist dann für den 9. November wieder eine Uraufführung von Nachwuchsstar Thomas Köck angesetzt, der dafür Archäologie, Linguistik und Tyrannenmord verschränkt. "Das wird wieder ein sehr reichhaltiges Feld sein, das Thomas hier aufreißt", so Dramaturg Tobias Schuster. Und Köck beackert das Feld auch gleich selbst und zeichnet gemeinsam mit Elsa-Sophie Jach erstmals für eine Regie verantwortlich.

Jakob Noltes "Gespräch wegen der Kürbisse" stellt dann die erste Komödie der Saison dar. Die Inszenierung stellt ab 16. November die erste eines Stücks des deutschen Autors auf einer österreichischen Bühne dar. Weniger humorvoll dürfte es dann am Silvesterabend zugehen, wenn die elektronische Kammeroper "Elektra. Was ist das für 1 Morgen?" von Komponist Jacob Suske das Debüt der Lyrikerin Ann Cotten als Librettistin mit sich bringt.

Über die Problematik der tabuisierten Homosexualität und geduldeten Transsexualität im Iran macht sich Mehdi Moradpour Gedanken, wenn er sich als Autor ab 27. Jänner mit "Ein Körper für jetzt und heute" des Themas annimmt. Um den Humus, aus dem Gewalt entsteht, geht es dann in Enis Macis "Mitwisser", wobei Pedro Martins Beja ab dem 24. März wieder als Regisseur für die Uraufführung ans Schauspielhaus zurückkehrt. Mit einem Monumentalstoff der Antike beschließt man den Premierenreigen der Spielzeit, wenn Hausherr Tomas Schweigen mit "War isn't happening, not true" dem Troja-Mythos auf den Spuren von Homer, Vergil oder Shakespeare und Goethe nachspürt.

Überhaupt sei er in seiner persönlichen Halbzeit zufrieden, unterstrich Schweigen, der seit zwei Jahren das Schauspielhaus führt. An sich pflege man ja eine sehr selbstkritische Art, mit der eigenen Arbeit umzugehen. Dennoch sei die Entwicklung bei der Zahl der Gastspiele oder der Resonanz bei Branchenauszeichnungen hoch erfreulich.

Die Auslastung habe in der abgelaufenen Spielzeit knapp unter 80 Prozent gelegen. "Im Vergleich zu den Vorjahren liegen wir damit am oberen Ende", resümierte die kaufmännische Geschäftsführerin Rita Kelemen, die mit Dezember nach 16 Jahren das Schauspielhaus verlässt. Die Hearings für die Nachfolge sollen hier bereits kommende Woche starten. Insgesamt verzeichnete man in der Spielzeit 2016/17 rund 21.000 Zuschauer, wobei der Anteil der Unter-30-Jährigen bei knapp 50 Prozent liege, freute sich Kelemen. Der Eigendeckungsgrad beim Gesamtbudget von rund 2,3 Mio. Euro liege bei 20 Prozent.

Quelle: APA

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