Kultur

Sprachmacht, Bilderlosigkeit: "Lass dich heimgeigen, Vater"

Josef Winklers Auftragswerk des Burgtheaters ist kein Stück geworden. "Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe" ist eine lange Anklagerede, deren Motor Schmerz und Wut sind. Der Kärntner Dichter arbeitet sich darin aus neuer Perspektive an seiner Herkunft, am Dorf und der übergroßen Vaterfigur ab. Die gestrige Uraufführung im Burgtheater-Kasino war eine Bilderverweigerung.

Uraufführung im Burgtheater-Kasino SN/APA/HERBERT NEUBAUER
Uraufführung im Burgtheater-Kasino

Die katalanische Regisseurin Alia Luque, die 2016 im Vestibül "die hockenden" von Miroslava Svolikovas als Endspiel in alpenländischem Dekor inszeniert hatte, setzt auch diesmal mit annähernd dem gleichen Personal (Tino Hillebrand, Marcus Kiepe, und Branko Samarovski waren schon damals dabei, neu ist Leon Haller) auf eine Choreographie zwischen Exerzieren und Exorzieren. Sie hat den - stark eingestrichenen - Monolog auf fünf Figuren aufgeteilt, die unterschiedliche Alter und Facetten einer Figur darstellen, vom kleinen Buben in kurzen Hosen (bei der Premiere erwies sich der junge Tobias Wolfsegger mit großer Spielfreude als wahres Showtalent und holte sich mehrfach Zwischenapplaus) bis zu Marcus Kiepe in Frauenkleidern.

Kiepes Figur stellt die Verbindung zu dem einzigen Ausstattungsobjekt auf der ansonsten völlig leeren Bühne dar: Auf einem alten Schwarz-Weiß-Fernseher laufen ununterbrochen Ausschnitte von Auftritten und Shows mit den weiblichen Chanson-Stars der 1950er- und 1960er-Jahre. Mal leise als Hintergrund-Rauschen, mal laut als Möglichkeit zum Mittanzen und Mitträumen verkörpern France Gall, Francoise Hardy, Mireille Mathieu und andere nicht nur die ansonsten abwesenden Frauen, sondern auch die latente Sehnsucht nach Offenheit, nach Weite und Welt. Denn das Kärnten, das der spätere Büchner-Preisträger Winkler in seiner Jugend erlebt und in zahlreichen schmerzhaften Büchern, die ihm die Feindschaft und Ächtung der Dorfbewohner eingetragen haben, beschrieben hat, war das glatte Gegenteil: dumpf, eng, katholisch und nationalsozialistisch geprägt.

Aus der Information, dass der aus Kärnten stammende Judenhasser und Kriegsverbrecher Odilo Globocnik, der in seinem Versteck oberhalb des Weißensees von der britischen Armee aufgestöbert worden war, nach seinem Selbstmord auf jenem "Sautratten" genannten Gemeinschaftsfeld begraben worden war, auf dem auch die Familie Winkler ihr Getreide anbaute, dass also der Dichter als Kind buchstäblich wieder und immer wieder über Globocniks verwesende Leiche gegangen sein musste, aus dieser Information hat sich Winkler noch einmal den Furor für einen wahrhaft furiosen Text geholt (der demnächst bei Suhrkamp erscheint, Anm.).

Es ist Luques Verdienst, dass sie den durch die alte Ballade vom Jockel ("Der Herr, der schickt den Jockel aus: Er soll den Hafer schneiden, / Der Jockel schneidt den Hafer nicht / Und kommt auch nicht nach Haus", usw.) streng strukturierten Text einem ganz nahe bringt. Ob es dazu die aus Alltagsbewegungen zusammengesetzten und meist ohne Berührungspunkte parallel ablaufenden Choreografien der einzelnen Figuren gebraucht hätte, ist allerdings fraglich. Die schwarz-weißen TV-Bilder jedenfalls schieben sich in Verlauf der über zweistündigen Aufführung allzu sehr in den Vordergrund. Dennoch großer Applaus. Ob die Dämonen nun endgültig gebannt sind, ist allerdings mehr als fraglich.

Quelle: APA

Aufgerufen am 19.10.2018 um 12:07 auf https://www.sn.at/kultur/sprachmacht-bilderlosigkeit-lass-dich-heimgeigen-vater-20365810

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