Kultur

Stephan Balkenhol in Salzburg: Eine neue Venus führt auf alte Fährten

Den Bildhauer Stephan Balkenhol begleitet seit Langem eine antike Dame. Jetzt hat er sie in Holz geschnitzt.

Wie lässt sich die weibliche Fruchtbarkeit neu entdecken? Wie hat sich Sexualität seit der Antike verändert? Der Bildhauer Stephan Balkenhol hat sich auf die Suche gemacht und bringt seine Erkenntnisse in Skulpturen zum Ausdruck, die die Galerie Ropac seit gestern, Dienstag, ausstellt.

Unter Ihren "Neuen Skulpturen" gibt es eine "Venus von Willendorf". Wie kamen Sie auf diese antike Dame? Stephan Balkenhol: Diese Skulptur begleitet mich seit meiner Studienzeit. Ein Professor hat mir einen Abguss geschenkt, den ich bis heute behalten habe. Mich fasziniert daran, dass sich das Weibliche auf die Fruchtbarkeit fokussiert. Heute steht das Sexuelle - eine Dimension der menschlichen Existenz - oft in einer Schmuddelecke.

Es gibt in dieser Ausstellung auch eine überlebensgroße Vase mit antiken Motiven. Was fasziniert Sie an dieser kunstgeschichtlichen Periode? Die Venus, die Vase und eine Phallus-Herme sind Paraphrasen antiker Vorbilder. Ich finde es psycho logisch interessant. Sexualität hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Der Penis ist ein Erfolgsorgan geworden. Für Männer innerhalb einer Leistungsgesellschaft kann das ein Problem sein. Christliche Moral, Erziehung, Verbote und der Drang, diese zu überschreiten, haben das Ihrige getan. Das ist spannend zu untersuchen.

Es ist also eine Forschungsreise ins Heute anhand alter Vorlagen? Meine Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass ich die Welt untersuche, indem ich sie mit Skulpturen widerspiegle. Es ist immer eine Erkundung existenzieller Fragen.

Ihre Menschen haben meist ein neutrales Aussehen. Haben Sie einen bestimmten Menschen vor Augen? Manchmal bei weiblichen Skulpturen, aber in der Regel interessieren mich eher die Haltung und der Ausdruck. In jedem Fall sind es keine Porträts bestimmter Personen.

Die Männer Ihrer Skulpturen tragen meist die sogenannte Balkenhol-Uniform, also weißes Hemd und schwarze Hose. Frauen hingegen tragen bunte Kleider. Unbestimmtheit lässt mehr Raum für Interpretation. Das weiße Hemd und die schwarze Hose sind sozial allumfassend. Ein Proletarier besitzt sie genauso wie ein Banker. Insofern umschließt diese Kleidung alle sozialen Schichten.

Auch das Alter ist relativ unbestimmt. Ich will einen aktuellen Charakter erschaffen, von dem ausgehend man sich alles andere vorstellen kann. Ebenso wenig gebe ich den Skulpturen einen expressiven Ausdruck. Es ist nur eine minimale Bewegtheit, die vom nächsten Moment spricht.

Wie bestimmen Sie die Farbigkeit? Es darf keine Konkurrenz zwischen Farbigkeit und Skulptur geben. Farbe ist ein wichtiges Element. Außerdem wird das Material Holz etwas zurückgenommen.

Die Farbe gibt Stimmung vor und besitzt eine räumliche Wirkung. Schwarz zieht sich beispielsweise zusammen, Hell dehnt sich aus.

Ihre menschlichen Skulpturen sind über- oder unterlebensgroß. Weshalb haben sie nie eine natürliche Größe? Wenn sie lebensgroß gearbeitet sind, erweckt man den Eindruck, dass da eine tatsächliche Person stünde. Ich will kein Trompe-l'œuil eines Menschen erzeugen, sondern Menschenbilder.

Es handelt sich immer um eine Skulptur, das ist wichtig. Die eigentliche Größe legt der Betrachter fest. In der Vorstellung wirken kleine Skulpturen oft monumentaler.

Ihre Skulptur auf dem Salzburger Kapitelplatz thront auf einer goldenen Kugel. Wie konzipieren Sie solche Arbeiten? Wesentlich ist es, den Ort vorher anzuschauen. Der Ort bringt eine Geschichte und eine Möblierung in Form von Architektur mit. Die Skulptur muss interaktiv mit diesen Gegebenheiten zusammenarbeiten. Auf dem Kapitelplatz war das barocke Ensemble, der Kontext mit dem Dom sehr inspirierend. Wenn es glückt, ist es eine Hochzeit zwischen Situation und Skulptur, eine Mischung aus Selbstverständlichkeit und Irritation. Kunst ist keine Dekoration, sondern soll Bewusstseinsprozesse anregen.

Ausstellung: Stephan Balkenhol, "Neue Skulpturen", Galerie Thaddaeus Ropac, Mirabellplatz, Salzburg, bis 28. Oktober.

Zur Person Stephan Balkenhol

In den 1970er-Jahren, als junger Kunststudent, blieb Stephan Balkenhol trotz starker Strömung hin zur Abstraktion dem Figürlichen treu. Heute findet man seine unter- und überlebensgroßen Männchen mit weißem Hemd und schwarzer Hose weltweit in renommierten Kunstsammlungen.

Viele seiner Skulpturen sind neutral in Ausdruck und Ästhetik. Anders ist sein Porträt von Richard Wagner. Zum 200. Geburtstag des Komponisten schuf er 2013 in dessen Geburtsstadt Leipzig ein Denkmal - in Alltagskleidern seiner Zeit, überragt von einem überlebensgroßen Schatten des alten Komponisten.

In Salzburg wachen zwei seiner Skulpturen über markante Plätze der Altstadt. Der "Mann auf der Kugel" - offiziell trägt diese Skulptur den Titel "Sphaera" - steht auf dem Kapitelplatz. Sein weibliches Pendant steht unter der Edmundsburg in der Felswand. Diese Auftragswerke der Salzburg Foundation entstanden 2007 und sind seit 2013 im Eigentum der Sammlung Würth.

Auch im Foyer des Hauses für Mozart hängt seit einer dortigen Ausstellung 2011 eine reliefartige Skulptur Stephan Balkenhols.

Quelle: SN

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