Kultur

Subtiler "Hiob" gefiel im Grazer Schauspielhaus

Wenn am Broadway die Lichter angehen, gehen für den gottesfürchtigen Schtetl-Emigranten Mendel Singer am Himmel die Sterne aus. Der ungarische Regisseur Andras Dömötör legt im Grazer Schauspielhaus mit seiner Version der Bühnenfassung von Joseph Roths (1894-1939) wohl vielschichtigstem Roman, "Hiob", eine ebenso ausgereifte wie ökonomisch-effektive Theaterarbeit vor.

Der 39-jährige Regisseur legt den Schwerpunkt der Inszenierung auf die Beziehung der Hauptfigur zu seinem jüngsten Sohn Menuchim. Zu Beginn ist der Sohn ein hilfloses, in seiner Entwicklung gehemmtes Bündel, das bis zu seinem zehnten Lebensjahr nur das Wort "Mama" hervorbringt. Am Ende des inklusive Pause zweieinhalbstündigen Theaterabends wird es der Vater sein, der wie ein Baby ermattet, aber glücklich an die Brust des verloren geglaubten und auf wundersame Weise gesundeten Sohnes sinkt.

Die Umkehr der Vater-Sohn-Beziehung gelingt Dömötör mit einem Kunstkniff. Mitten im Stück, nach der Ankunft der Familie in der Neuen Welt Amerika, tauschen die beiden Hauptdarsteller (grandios: Franz Solar als einer der beiden Mendel/Menuchim) die Rollen. Die Wandlung geschieht dabei auf surreale, an die späteren Filme von David Lynch erinnernde Weise.

Insgesamt bleibt Dömötörs Inszenierung dem mit autobiografischen Zügen ausgestatteten Roman Roths treu. Die Bezüge zur biblischen Vorlage, dem Buch Hiob (Ijob) bleiben deutlich, das sozio-historische Umfeld des in die USA emigrierenden Ostjudentums bleibt erhalten. Der Regisseur macht dabei nicht den sonst häufig gemachten Fehler, letzteren Aspekt über Gebühr in den Vordergrund zu stellen.

Die Bühne ist nüchtern gestaltet, auf Effekthascherei wird weitestgehend verzichtet. Dömötör bedient sich lediglich milder Anachronismen: Die Zeit der Handlung wird optisch um 20 Jahre verschoben und erinnert so in punkto Kostüm und Gestaltungselemente hier eher an die Nachkriegszeit der 1950er und 1960er-Jahre denn an die Zeit um den Ersten Weltkrieg.

So läuft Dömötör auch nicht in Gefahr, Roths zeitgelöstem Text mit Gewalt spezifisch aktuelle Themen wie Flüchtlingsthematik oder gar Klimawandel aufzudrängen. Das ist bei "Hiob" auch gar nicht nötig. Denn die Romanvorlage ist an sich schon ein Werk, das sich mit in der Menschheitsgeschichte wiederkehrenden Themen sowie auf höherer Ebene mit der Erwachsenwerdung des Menschen von kindlicher Gottesfurcht zu einem ausdifferenzierten Glauben an sich und die Welt auseinandersetzt.

In der szenischen Umsetzung gelingt dem jungen ungarischen Gestalterteam so mancher denkwürdige Kunstkniff. Die Frage von Mendel Singers Frau Deborah im Stück, ob sie nach Amerika gegangen seien oder Amerika über sie gekommen sei, wird mit dem als Astronauten vom Himmel schwebenden Nachrichtenbringer Mac und der Landung eines Wolkenkratzers als Raumschiff ohne Worte, aber umso eindeutiger beantwortet.

Die schon in Roths Roman allgegenwärtige, philosophische Gretchenfrage nach der Religion erscheint als zwischen "Good" und "God" wackelkontaktierendem Reklameschriftzug am Wolkenkratzer. Am Himmel New Yorks verschwinden angesichts der materialistischen Kunstlichtbuntheit wie eingangs geschildert die heimatlichen Sterne der unendlichen Gottesweite Osteuropas - um in der Erlösungsszene wundersam wiederzukehren.

Verdient ist daher der Applaus des Publikums, der wohl auch dem verlässlich-soliden Schauspielhaus-Ensemble gilt. Allerdings hätten die Ovationen angesichts der exzellenten Inszenierung und der außergewöhnlichen Form von Franz Solar ruhig auch noch ein bisschen enthusiastischer ausfallen können.

Quelle: APA

Aufgerufen am 21.10.2018 um 10:52 auf https://www.sn.at/kultur/subtiler-hiob-gefiel-im-grazer-schauspielhaus-20647543

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