Kultur

Teuflisch statisch: Kusejs Burg-Comeback mit "Hexenjagd"

Mit hohen Erwartungen blickten Theaterfans auf die Rückkehr Martin Kusejs ans Burgtheater, das er Donnerstagabend mit einer Inszenierung von Arthur Millers "Hexenjagd" nach achtjähriger Abstinenz beehrte. Der große Wurf, den eine radikale Neubefragung des Stoffs mit sich bringen hätte können, blieb jedoch aus. Vielmehr legte der Kärntner eine brave, wenn auch solide, ästhetische Fingerübung ab.

"Hexenjagd": Solide ästhetische Fingerübung von Regisseur Martin Kusej.  SN/APA (Burgtheater/Werner)/REINHAR
"Hexenjagd": Solide ästhetische Fingerübung von Regisseur Martin Kusej.

Die spannendste Szene des dreieinhalbstündigen Abends lieferte Kusej, der sich nach der Bestellung von Matthias Hartmann zum Burg-Chef aus Wien verabschiedet hatte und mittlerweile Intendant am Münchner Residenztheater ist, gleich zu Beginn: Ein gutes Dutzend junger Mädchen erscheint im Wald, den Bühnenbildner Martin Zehetgruber aus riesigen, schwarzen Holzkreuzen gezimmert hat, die über den gesamten Abend die Szenerie prägen werden. Langsam ziehen sich die Nymphen, die sich auf Stühlen platziert haben, nackt aus und beginnen sich mit ihren Strumpfhosen und auch Seilen zu strangulieren, während sie masturbieren. Hier hat Kusej jenen gefährlichen Trend des "Chokings" aufgegriffen, der in den vergangenen Monaten weltweit Jugendliche das Leben gekostet hat. Das war es dann aber auch schon mit sichtbaren Bezügen zum Heute. Die von Reverend Parris (Philipp Hauß) entdeckten Mädchen verschwinden im ersten Black des Abends, dem noch viele folgen sollen.

Dann nimmt das Unheil, das über die amerikanische Kleinstadt Salem hereinbricht, seinen Lauf. Von Arthur Miller als Parabel auf die Kommunistenverfolgung der 1950er-Jahre während der McCarthy-Ära konzipiert, seziert er im Stück die Hexenverfolgung in der amerikanischen Stadt im Jahre 1692. Kostümbildnerin Heide Kastler nimmt in ihrer Ausstattung Bezug auf die Mode der 50er-Jahre, die kurzen Röcke der Mädchen sind aus heutiger Sicht immer noch züchtig, Sabine Haupt als Ann Putnam trägt ein schwarzes Dirndl. Kaum wiederzuerkennen ist Andrea Wenzl, die unter einer blonden Langhaarperücke die jugendliche Rädelsführerin Abigail gibt, die ihre Freundinnen nach der Nacht im Wald dazu anstiftet, die Bewohner als vom Teufel besessen auszuschreien, um einer Bestrafung ob des nächtlichen Tanzes zu entgehen. Gewohnt vielschichtig schlüpft sie in die Rolle des lasziven, manipulativen Mädchens, das durch die Denunziation auch auf den Tod der Frau ihres Geliebten hofft. Diesen gibt Steven Scharf, der als hin- und hergerissener Christ und Ehemann an diesem Abend eine glänzende Leistung abliefert.

Langsam entspinnt sich in der Kleinstadt ein Klima aus Misstrauen und Missgunst, eine Hexenjagd, wie man sie heutzutage nicht nur in der (rechten) Politik, sondern auch in den sozialen Netzwerken findet. Mögliche Bezüge, die Kusej im Vorfeld zwar in Interviews angesprochen hat, in seiner von langen Schweigepausen und vielen Blacks durchzogenen Inszenierung jedoch - sieht man von der Anfangsszene ab - außen vor lässt. Und so verharrt der Abend in einer längst vergangenen Zeit, in der Bauern, die am Sonntag ihr Feld pflügen, vom Pfarrer gerügt werden und Familienväter ganz selbstverständlich bei ihren Mägden Hand anlegen. Die moralischen Fehltritte, die hier verhandelt werden, wollen nicht so recht in unsere Zeit passen. Allein die Mechanismen von Verrat und Verleumdung bleiben über Jahrzehnte - ja, Jahrhunderte - dieselben.

Und so bleibt dem Zuschauer, sich auf die düstere Ästhetik einzulassen, die die meterhohen Kruzifixe ausstrahlen. Egal ob als Bäume im Wald oder als Säulen im Gerichtsgebäude, das christliche Zeichen hängt wie ein Damoklesschwert über der abgebildeten Gesellschaft. Zwischen dieser Konstruktion spielt sich die Handlung weitgehend statisch ab, die Drehbühne ermöglicht unterschiedliche Perspektiven, aber nur optisch. Dazwischen überzeugen neben Wenzl und Scharf auch Philipp Hauß als raffsüchtiger Reverend, Florian Teichtmeister als zu Hilfe gerufener Exorzist Reverend Hale, der als Außenstehender bald an den Anschuldigungen der Mädchen zu zweifeln beginnt. Starke Momente haben auch Dörte Lyssewski als betrogene Ehefrau Proctor und Michael Maertens als hölzerner Gouverneursstellvertreter, der gemeinsam mit dem Richter (Ignaz Kirchner) auf die Suche nach der Wahrheit geht und am Ende doch nur die Ehre der Gerichtsbarkeit retten will. Eine große Entdeckung ist Marie-Luise Stockinger, die bereits in Molieres "Der eingebildete Kranke" und für ihre Darstellung in Tschechows "Drei Schwestern" heuer für einen Nachwuchs-Nestroy nominiert war. Ihre Darstellung der Mary, die das Konstrukt der Mädchen zum Kippen bringen könnte, hat Tiefe.

Am Ende der dreieinhalb Stunden, in der im Publikum vor allem in den vielen stillen Momenten ausgiebig gehustet wurde, wurde Kusejs "Hexenjagd" schließlich freundlich aufgenommen. Lässt man sich auf die Langsamkeit, ja Bedachtsamkeit ein, in der das Stück entfaltet wird, hat man genug Zeit, sich über die Gültigkeit des Werks im Heute seine eigenen Gedanken zu machen. Und das schadet auch nicht.

Quelle: APA

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