Theater

Berliner Theatertreffen eröffnet: "Wir haben Sie vermisst"

Mit Christopher Rüpings Inszenierung "Das neue Leben", einer Produktion des Schauspielhauses Bochum, ist das Berliner Theatertreffen am Freitagabend eröffnet worden. Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer sagte, es fühle sich toll an, so viele Menschen wieder in einem Saal zu haben: "Wir haben Sie vermisst." Nach zwei digitalen Festivalausgaben seien sie wieder zurück. Aber die Pandemie, die vielen weiteren Krisen und vor allem der Krieg seien präsent.

Yvonne Büdenhölzer spricht zur Eröffnung des Berliner Theatertreffens SN/APA/dpa/Monika Skolimowska
Yvonne Büdenhölzer spricht zur Eröffnung des Berliner Theatertreffens

Die deutsche Kulturstaatsministerin Claudia Roth sagte, die geschlossenen Theater hätten nicht nur Existenzen gefährdet, sondern auch viele Themen im Dunkeln gelassen. Nun könne sich Bühnenkunst wieder als Stimme unserer Demokratie zeigen. Theater sei Grundnahrungsmittel, sagte die Grünen-Politikerin. Es sei systemrelevant. In den vergangenen beiden Jahren hatte das Festival wegen der Ausbreitung des Coronavirus nur digital stattgefunden.

In vielen Theatern ist noch Zurückhaltung beim Publikum spürbar. Regisseur Rüping hatte zuletzt auf Twitter auf das Thema aufmerksam gemacht - mit dem Stichwort #publikumsschwund. Am Thalia Theater in Hamburg hatte Rüping vor einer Woche seine Inszenierung "Brüste und Eier" vorgestellt. Vorab hatte er getwittert, es werde voraussichtlich die erste Premiere sein, seit er Theater mache, die nicht ausverkauft sein werde. "Bricht mir das Herz."

Am Ende seien doch mehr als 600 Zuschauer in der Premiere gewesen, teilte Geschäftsführer Tom Till mit. Das sei zwar immer noch unter ihrem Standard, aber auch keine Katastrophe. "Christopher Rüpings Tweet hat an der Abendkasse offenbar geholfen." Die Besucherzahlen haben sich aber auch dort anders entwickelt als erwartet. "Als wir diese dritte Corona-Spielzeit 2021/22 geplant haben, dachten wir, im Herbst ist es schwierig und ab Beginn des neuen Jahres läuft es dann so gut wie früher", so Till. "Es kam genau anders rum." Der Herbst sei hervorragend gelaufen mit Auslastungen von 80 Prozent und mehr. Mit Beginn der Omikron-Welle sei die Nachfrage zurückgegangen - und auch mit Beginn des Krieges in der Ukraine. "Die Leute haben Angst und Sorge, halten ihr Geld zusammen, wissen nicht, wie es weitergeht", sagte Thalia-Intendant Joachim Lux.

Auch beim Berliner Theatertreffen verlief der Ticketverkauf zurückhaltender als üblich. "Wir haben beim Theatertreffen zum jetzigen Zeitpunkt nicht die Verkaufszahlen, die wir zuvor hatten, als wir 2019 das letzte Mal analog stattgefunden haben", sagte Büdenhölzer der dpa. Zur Eröffnung war das Haus der Berliner Festspiele voll, aber für einige Veranstaltungen in den kommenden Tagen waren zunächst noch Karten zu haben. Büdenhölzer, die das Theatertreffen seit 2012 verantwortete und mit Ende dieses Festivals die Leitung zurücklegt, sieht unterschiedliche Gründe für die langsamere Buchung beim Publikum. Nach zwei Jahren Pandemie seien manche Menschen noch nicht wieder an dem Punkt, zurück im Theater zu sein. "Das hat auch damit zu tun, dass andere Dinge in den Fokus gerückt sind. Netflix. Zuhausebleiben." Einige mieden auch volle Räume noch. Andere wiederum störten sich am Tragen einer Maske oder hätten andersherum gerne eine Maskenpflicht. Sie denke, dass auch der Angriffskrieg Putins und die damit verbundene weltpolitische Lage eine Rolle spielten.

Wie steht es also um die Zukunft des Theaters? "Der Abgesang des Theaters wurde schon oft beschrien. Und ich bin der Überzeugung, dass das Theater eine so große Relevanz hat, dass es auch diese Krise überleben wird", sagte Büdenhölzer. "Ich glaube aber tatsächlich, dass sich das Theater - unabhängig von der Pandemie - verändern muss, um auch jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer an Theaterhäuser zu binden." Das habe damit zu tun, welche Themen man erzähle, müsse aber auch schon mit Theaterbesuchen in der Schule beginnen.

Beim Theatertreffen gastieren die von einer Jury ausgesuchten zehn bemerkenswertesten Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Volkstheater Wien ist mit Claudia Bauers "humanistää! - eine abschaffung der sparten" nach Ernst Jandl sowie der Koproduktion "All right. Good night." von Helgard Haug und der Gruppe Rimini Protokoll eingeladen. Das Festival läuft noch bis zum 22. Mai.

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