Theater

Dem Tanz entspringt ein Hitlergruß

Luk Perceval spürt der Frage nach: Wann hat begonnen, was jetzt ist?

Hitlergruß und Hakenkreuzfahnen haben auf Theaterbühnen so lange Bärte, dass man wiederholt ins Staunen kommt, wie der Regisseur Luk Perceval dies szenisch so löst, dass man gebannt zuschaut. In seinem neuen Stück "Yellow" über die NS-Zeit in Belgien, das nach einjährigem Warten am Mittwochabend als Onlinepremiere herauskam, lässt er zwei junge Männer spielerisch miteinander rangeln. Sie entblößen ihre Oberkörper, werden kämpferischer, packen einander an Schultern und Körpern. Will da einer den anderen erdrücken oder erdrosseln? Oder ist dies Ausdruck einer ins Zärtliche kippenden Zuneigung?

All dies formuliert Luk Perceval als Szene wie als Tanz - aus Sprache entwachsendem Spiel und aus Körpern entspringender Choreografie. Inmitten dieser präzisen Bewegung sind zwei stramme Arme zunächst nicht verwunderlich. Im ersten Moment ist diese klare Haltung sogar erlösend wie ein Schlussakkord - nach dem Gewusel aus Prahlerei und Bewunderung, Kampfeslust und Kräftemessen, vielleicht sogar homoerotischer Entäußerungsgefahr. Aber plötzlich steht er da: der Hitlergruß. Und alle machen mit.

Luk Perceval kann die Geschichte von Verführten, Aufhetzern, Mitläufern und Widerständlern so eindringlich erzählen, weil er originale Texte aus der NS-Zeit einsetzt: Briefe aus dem Feld und ins Feld, Schilderungen einer jungen Jüdin, die vor ihrer letzten Prüfung von der Universität gejagt wurde, Zeitzeugenberichte. Freilich ist es nützlich, um belgische Umstände und einzelne Personen zu wissen, wie den wallonischen SSler Léon Degrelle und den österreichischen Nazi Otto Skorzeny, die Perceval als hochmütige, selbstgefällige Hetzer zeigt. Trotzdem ist "Yellow" kein historisches Dokumentartheater, sondern ein heutiges Aufspüren des Einstigen entlang der im Stück gestellten Frage: "Wann hat begonnen, was jetzt ist?" "Yellow" ist auch dank fantastischer Schauspieler und als behutsam mit der Kamera eingefangenes Theaterspiel ununterbrochen packend.

Der Stream ist weder unbefristet noch gratis. Wie im wirklichen Theater gibt es für diese Koproduktion mit dem Landestheater Niederösterreich Abendtermine - der nächste am 19. März - und Ticketverkauf. In St. Pölten wird "Yellow" 2021/22 gespielt.

Theater: "Yellow - The Sorrows of Belgium: Rex", von Luk Perceval,

Stream am 19. März, 20 Uhr,
Tickets um 12 Euro, www.ntgent.be

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