Theater

Der "Kreisky-Test" hat überzeugt

Das Wiener Performance-Kollektiv Nesterval bieten über die Video-Plattform Zoom immersives Theater und ist fast ausverkauft.

Nicht nur Corona, sondern auch Klimawandel und Rechtspopulismus sind Auslöser für den "Kreisky-Test": Darin wird eine Gruppe von Menschen in einem Bunker einer Testung unterzogen, um in der "Welt danach" ein neues - sozialistisches - System aufzubauen. Was nach einer schrägen Castingshow klingt, ist das Online-Experiment des Performance-Kollektivs Nesterval, das am Mittwochabend Premiere feierte.

Wer die Wiener Theatergruppe kennt, hat das Modewort "immersiv" bereits am eigenen Leib erfahren. Besucht man eine Performance, ist man nicht Zuschauer, sondern Teil des Ganzen. Angesichts der derzeitigen Situation hat das Koproduktionshaus brut Wien den Schritt in den virtuellen Raum gewagt - und gewonnen - zumindest, wenn es um die dramaturgische wie technische Umsetzung geht.

Rund 80 Minuten werden die Theaterbesucher, die mit Mikrofon und Webcam zu Hause vor ihren Computern sitzen, in den "Kreisky-Test" miteinbezogen, und zwar als Tester. Dabei gilt es, sich mit einem wildfremden Menschen in ein Team zu begeben, um gemeinsam die zur Auswahl stehenden Kandidaten zu prüfen. Wer am Ende weiterkommt, um die Welt zu einer besseren zu machen, entscheiden die im Laufe des Abends vergebenen (virtuellen) Münzen.

Auf der Suche nach der Mutter

Zunächst zum Plot: Jonas Nesterval ist, seit er denken kann, auf der Suche nach seiner Mutter Gertrud, die ihn verlassen hat, als er vier Jahre alt war. "Der Vater schweigt, ebenso die Archive und die Partei", heißt es in der Ankündigung. Eines Tages taucht jedoch Material auf, das Gertrud auf Reisen durch Europa gesammelt hat: Interviews und Filmmaterial von Aktivistinnen aus Serbien, Spanien und Italien. "Jonas ist überzeugt, dass seine Mutter im Zentrum der österreichischen Geschichte stand und an einem revolutionären Projekt arbeitete", heißt es. "Und schließlich taucht auch noch das Herzstück ihrer Arbeit auf: der sogenannte Kreisky-Test." Den will Jonas Nesterval nun, da die Welt aufgrund einer Pandemie still steht, anstelle seiner Mutter abschließen.

Acht Schauspieler und 16 Zuschauer

Nur mehr acht Teilnehmer der Reality-Show sind verblieben, die rund 16 Zuschauer der Online-Aufführung sollen sie begutachten. Das geschieht auf der Videokonferenz-Plattform Zoom, die Homeoffice-Profis mittlerweile kennen dürften. Doch verbringt man den Abend nicht im schnöden Gruppen-Talk, sondern wird auf gefinkelte Weise durch zahlreiche Sub-Räume geschickt, in denen man jeweils einen "Kandidaten" näher kennenlernt, um ihn (oder sie) im Anschluss zu bewerten. So geht es nicht nur um direkte Interaktion mit dem jeweiligen Schauspieler, sondern auch um Konsens mit dem jeweiligen Team-Partner. Nach und nach werden Diskussionsgruppen vergrößert, andere Kandidaten zugeschaltet und dann schließlich hinausgewählt. Garniert wird das virtuelle Auswahlverfahren mit sparsam eingesetztem, vorproduziertem Material, in dem man vor allem scheinbar alte Filmaufnahmen der Gertrud Nesterval zu sehen bekommt.

Anders als im Homeoffice üblich sind Bild- und Tonqualität zumindest bei den Schauspielern überdurchschnittlich, was eine intensive Theatererfahrung ermöglicht. Und muss man einmal niesen, schallt es aus den Kopfhörern eben ein "Gesundheit".

Tolles Erlebnis, aber Mangel an Inhalt

Wie oft bei Nesterval erdrückt jedoch das Wie das Was: Ein cooles Theatererlebnis an sich täuscht ein wenig über den Mangel an inhaltlicher Tiefe hinweg. Zwar geht es um eine sozialistische Utopie, das Gesagte lässt allerdings daran zweifeln, dass irgendjemand der Kandidaten eine wirkliche Idee davon hat. Man könnte das natürlich auch auf die grassierende Oberflächlichkeit so mancher Castingshows abwälzen, ein wenig mehr fundierte Ideologie hätte dem Unterfangen jedoch nicht schlecht getan, um als Publikum "die Besten" weiterzuschicken. Bei der Premiere am Mittwochabend wurden Motivationen und Ideologien der Kandidaten unter den Zuschauern zwar heftig diskutiert, angesichts der virtuellen Situation und der mangelnden Zeit blieben die Zuschreibungen jedoch ebenfalls an der Oberfläche. Was blieb, war ein Gewinner - und herzlicher Applaus vor den Bildschirmen.

Theater: "Der Kreisky-Test" von Nesterval. Regie: Herr Finnland, Buch: Frau Löfberg. Weitere Termine in deutscher Sprache: 17. bis 19., 21. und 24. April, jeweils um 15.30 Uhr, 17.15 Uhr, 19.15 Uhr und 21 Uhr. In englischer Sprache am 26., 27. und 28. April zu denselben Zeiten. "Solidaritätstickets" kosten 39 Euro, reguläre Tickets 23 Euro, ermäßigte Karten 18 Euro. Infos und Anmeldung unter www.brut-wien.at, mailto:ticket@brut-wien.at oder Tel. 01/587 87 74 - 10

Quelle: APA

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