Theater

Hamlets Rachefeldzug fasziniert auch als Stream

Das Berliner Theatertreffen zeigt die stärksten Stücke des Jahres heuer nur virtuell im Internet.

Sandra Hüller als Hamlet beim Berliner Theatertreffen SN/ju bochum
Sandra Hüller als Hamlet beim Berliner Theatertreffen

Hamlet passt immer. William Shakespeare hat dem Rachefeldzug des dänischen Prinzen gegen dessen mörderischen Onkel eine Spielwiese geebnet, die seit mehr als 400 Jahren Theaterbesucher fesselt. Gert Voss, Lars Eidinger und August Diehl: Die ganz großen Schauspieler unserer Zeit haben eigene Zugänge zu diesem gleichermaßen Wahnsinnigen wie Klarsichtigen gefunden.

Und nun Sandra Hüller. Diese Charakterdarstellerin mit dem traurigen Blick steht einsam auf der Bühne und formt einen äußerlich androgynen Hamlet, der innerlich von Zweifeln zerfressen scheint. Die Tristesse der Situation am dänischen Königshof spiegelt sich im geradezu versteinerten Spiel. Nur wenn der tote Vater aus Hamlet spricht, gewinnt dieses Medium an wütender Energie und Tatkraft.

Regisseur Johan Simons hat mit Sandra Hüller bereits in Kleists "Penthesilea" bei den Salzburger Festspielen gearbeitet, die Schauspielerin musste in der schmucklosen Inszenierung mit den Nuancen ihrer Sprechstimme glänzen. Simons ähnlich puristische Deutung des "Hamlet" am Schauspielhaus Bochum hat das Berliner Theatertreffen eröffnet. Der Coronajahrgang der Leistungsschau deutschsprachiger Theaterhäuser wurde ins Netz verlagert: Bis 9. Mai sind die sechs ausgewählten Inszenierungen als Streams für jeweils 24 Stunden verfügbar.

Viele Theaterfreunde sind mit dieser Form der Rezeption ohnehin vertraut, liefert der Sender 3sat doch Jahr für Jahr TV-Aufzeichnungen vom Berliner Theatertreffen frei Haus. Wer sich mit den Unzulänglichkeiten virtueller Theaterabende abfinden kann, erhält wertvolle Updates über aktuelle Strömungen in der darstellenden Kunst. Darunter fällt heuer Radikales wie die einstündige Arbeit "Die Kränkungen der Menschheit" von Anta Helena Recke, die an den Münchner Kammerspielen mit menschlichen Affendarstellern und ganz wenig Text die Betrachtungsweisen von Kunst zur Diskussion stellt.

Manche Häuser müssen für das virtuelle Theatertreffen auf karges Bildmaterial zurückgreifen. Von Alice Birchs "Anatomie eines Suizids" etwa steht nur ein Mitschnitt der Generalprobe zur Verfügung, die Kraft dieses Theaterabends am Deutschen Schauspielhaus Hamburg eröffnet sich auch in statischer Form. Die britische Dramatikerin porträtiert eine Familie, die über Generationen unter der Last einer Krankheit leidet. Das beginnt mit dem ersten Selbstmordversuch von Claire 1970 und setzt sich bei ihrer Tochter Anna in den 1990er-Jahren als selbstzerstörerischer Drogenmissbrauch fort. Einzig Enkeltochter Bonnie kann sich gegen das Unausweichliche zur Wehr setzen, ihre Mittel sind drastisch.

Katie Mitchell inszeniert diese beklemmende Frauenstudie gewohnt hyperrealistisch und verflicht die drei Texte wie Stimmen einer Fuge. Das ist komplex, fordert die Aufmerksamkeit des Hörers über knapp 100 Minuten, lohnt sich aber: Wie die Schauspielerinnen Julia Wieninger, Gala Othero Winter und Sandra Gerling die sprachliche Polyrhythmik herausarbeiten, ist atemberaubend.

Dass weder über einen weiblichen Hamlet noch über die beim Theatertreffen erstmals angewandte 50-Prozent-Frauenquote diskutiert werden muss, ist Theaterkundigen klar. Die herausragenden Fallbeispiele bestätigen das.

Streaming: 57. Berliner Theatertreffen, täglich wechselnde Produktionen bis 9. Mai: www.berlinerfestspiele.de

KULTUR-NEWSLETTER

Jetzt anmelden und wöchentlich die wichtigsten Kulturmeldungen kompakt per E-Mail erhalten.

*) Eine Abbestellung ist jederzeit möglich, weitere Informationen dazu finden Sie hier.

Aufgerufen am 27.10.2020 um 08:14 auf https://www.sn.at/kultur/theater/hamlets-rachefeldzug-fasziniert-auch-als-stream-87115621

Kommentare

Schlagzeilen