Theater

"Losing It" im Ateliertheater

Ein Stand-up-comedian, der nicht mit Gags und Pointen, sondern mit harten historischen Fakten um sich wirft. Auf der Bühne geht es nicht um Frechheit und Schadenfreude, sondern um das Scheitern der deutschen Kriegsführung im Jahr 1942. Klingt schräg. War noch nie da. Ab 9. März soll sich das ändern. Der Historiker Florian Graf lädt zu seinem ersten "Standup History"-Programm ins Ateliertheater.

"Statt Pointen werden Zusammenhänge gesetzt", erklärte der 38-Jährige am Dienstag bei einem Pressetermin in der Wiener Kleinbühne. Mit seiner Erfindung der "Standup History" wolle er Wissenslücken schließen und dem Publikum die Chance geben, in einer lockeren Atmosphäre Fragen zu stellen, die es sich sonst nicht zu fragen traut. "Ein wenig Vorwissen ist notwendig, um von meinem Programm profitieren zu können", meinte Graf.

Auf die Idee, Bildung auf diese Weise als Unterhaltung zu verkleiden, sei er während eines Aufenthalts in den USA gekommen, als er von Musikerfreunden nach seinen besonderen Talenten gefragt wurde. Seine ersten Auftritte hatte er als belehrender Pausenfüller auf diversen Konzerten. Im Ateliertheater wird er mit "Losing It - Hitler im Sommer 1942" erstmals als "seriöser Standup-Historiker" auf der Bühne stehen.

Laut Graf funktioniert das neue Format nur, wenn das Publikum einen Bezug zum präsentierten historischen Thema hat. Also hat er sich ein zentrales Ereignis der NS-Zeit zum Thema genommen: Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion vor dem Hintergrund einer gründlichen Analyse des Alltags Hitlers soll im Mittelpunkt seines Vortrags stehen. Die im Sommer 1942 wider jeglicher Vernunft getroffenen Entscheidungen läuteten das Ende des Dritten Reiches ein. Rund ein Viertel der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Österreicher starben im Kaukasus oder in und um Stalingrad. Er arbeite dabei mit dem neuesten Stand der Forschung, so Graf, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Heeresgeschichtlichen Museum arbeitete. Den Vortrag begleitendes Bildmaterial und eine Bibliografie der verwendeten Fachliteratur, die Besucher online zum Download finden, sollen den wissenschaftlichen Aspekt des Programms betonen.

Sich dem Zweiten Weltkrieg mit einem Format zu nähern, dass normalerweise für Lacher sorgen soll, ist ein risikobehaftetes Vorhaben. Mit Stand-up-Comedy per se hat "Standup History" deshalb nichts zu tun - abgesehen von seiner äußerlichen Form, bei der eine Person locker auf der Bühne stehend in ein Mikro spricht und erzählt. "Geschichte ist höchstens tragisch-komisch", so Florian Graf, dem es vor allem darum geht, Mythen und Legenden aus der Welt zu schaffen und das Publikum zum Fragenstellen zu animieren. Ob Hitler drogensüchtig war und wie viel Unwahrheit tatsächlich hinter dem Mythos von Hitler als "größtem Feldherr aller Zeiten" steckt, sind nur einige der Themen, die er behandeln möchte. Wie sich der Abend inhaltlich entwickelt, soll von den Fragen aus dem Publikum abhängen. Florian Graf will sich jedenfalls in "Losing It" erlauben, den Faden zu verlieren.

Das Format, das in dieser Form einzigartig ist, sei speziell für Schülerinnen und Schüler interessant, glaubt er. "Eine Kooperation mit Schulen ist in Planung", erklärte Aleksandra Andrejewna, die seit März 2018 gemeinsam mit Talita Simek das Ateliertheater leitet. Um auf das pädagogische Potenzial der "Standup History" hinzuweisen, wird eigens Informationsmaterial für Schulklassen zur Verfügung gestellt, in dem die NS-Geschichte im Wiener Gemeindebezirk Neubau beleuchtet wird. Florian Graf selbst will dem eingeschlagenen Weg treu bleiben. Er befindet sich gerade in Ausbildung zum Museumspädagogen.

Quelle: APA

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