Theater

O'zapft ist: Aufsteirern in einer Welt voller Krisen

Eine soghafte Untergangsrevue mit Verweisen auf Ödön von Horváth: "Oktoberfest. Kasimir und Karoline gehen zum Aufsteirern" vom Theater im Bahnhof im Grazer "Kulturjahr 2020" uraufgeführt.

Kasimir (Matthias Ohner) und Karoline (Pia Hierzegger) haben sich nichts mehr zu sagen SN/tib/gellner
Kasimir (Matthias Ohner) und Karoline (Pia Hierzegger) haben sich nichts mehr zu sagen

Was eint das Münchner Oktoberfest und das Volkskulturfest "Aufsteirern" im heurigen Jahr? Beide finden coronabedingt nicht statt. In Deutschland gibt es Ersatz durch "Oktoberfest 1900", eine ARD-"Event-Serie", die von der Entstehungsgeschichte des weltgrößten Volksfestes berichtet, in Österreich wird die steirische Volkskultur ebenfalls via Bildschirm präsent sein: "Aufsteirern - Die Show". Der Vergnügungswille mit Bier und Tracht fließt auch in das neue Theaterstück des "Theater im Bahnhof" ein: "Oktoberfest. Kasimir und Karoline gehen zum Aufsteirern". Eine "Kreation Kollektiv" sehr frei nach Ödön von Horváth Volksstück, welches anno 1932 - also kurz nach der Weltwirtschaftskrise - folgendem Motto folgte: "Und die Liebe höret nimmer auf."

"Abstand" und "Eigenverantwortung"

Regisseur Ed. Hauswirth lässt das Publikum nach einem kurzen Prolog in Kleingruppe auf dem Schloßbergplatz die Stufen hinauf in den Dom im Berg gehen, wo das elfköpfige Ensemble sich den Weg durch das labyrinthartige, auf Bodennähe heruntergelassene Rig bahnt. Kopf runter und Sich-Bücken zwischen Traversen und Scheinwerfer, immer wieder begleitet von Ausrufen wie "Abstand" und "Eigenverantwortung". Die Pandemie ist am Theater omnipräsent, einige in Publikum, das im Meterabstand platziert wurde, tragen in Graz, wo die CoV-Ampel gelb leuchtet, Masken. Sicher ist sicher.

An zwei Wänden im Stollenraum sind Videos vom "Aufsteirern" des Vorjahres zu sehen, durch Zeitlupe und Einfärbung werden aus jenen, die in Lederhose und Dirndl den urbanen Raum bevölkern, Spaßzombies. Ebendort sind auch Kasimir (Matthias Ohner) und Karoline (Pia Hierzegger) in ihrer Tarnmuster-Bekleidung präsent, sie haben - analog zum literarischen Ausgangsstoff - Beziehungs- und andere Probleme. Der Bankbeamte Kasimir hat seinen Job gekündigt, er hat kein Interesse auf Gaudi-Amüsement im Bierzelt, nach einem Streit mit Karoline hat diese andere Männerbekanntschaften. Die musikalische Untermalung und verbale Wiederholungen suggerieren eine Art Messe, aus dem Volksstück wird ein Hochamt über die Verflechtungen aus Ökonomie, Politik und Sex. Und das alles im Schatten der Pandemie.

Weniger wert als ein Mundschutz

"Ich bin weniger wert als ein getragener Mundschutz", sagt Kasimir einmal, der zwischen stoasteirischer Einfalt und nüchterner Selbstreflexion pendelt: Bisweilen fragt man sich, was den Loser einer turbokapitalistischen Gesellschaft je mit der selbstbewussten, feministischen und pointiert-scharf formulierenden Karoline verbunden haben soll. Die von Hauswirth erzeugten Stimmungen und Atmosphären sind eindringlicher als die Beziehungsgeflechte zwischen den in die steirische Gegenwart gebeamten Horváth-Figuren wie etwa Kommerzialrat Rauch, Landgerichtsdirektor Speer, Merkl Franz oder Erna mit ihren extravagant-witzigen Kostümen inklusive gehäkelter Genitalien (Ausstattung: Johanna Hierzegger, Helene Thümmel). Mehr soghafte Untergangs-Revue als Melodram mit fein ziselierten Charakteren. Während einer "Volkskultur-Challenge" inklusive Tempelhüpfen auf der Bühne flimmern Bilder, die steirische Trachtenpärchen zeigen, die für ein Foto in die Tiefe - auf Matten - springen. "Wir haben keine Coronakrise, wir haben eine Gesellschaftskrise", heißt es im Stück.

Ein Fest, das da Leben heißt

Kasimir und Karoline haben sich nicht mehr zu sagen, außer Beschuldigungen und Worte, die von Unverständnis künden. Ein Hauch Wehmut ist dann doch aus dem Karolines Mund zu hören: "Wir hätten einfach eine zweite Welle gebraucht." Nichts da. Am Ende zeichnet sich ein Sieg der Technik ab, die Bierkrüge werden bereits von Robotern serviert und eine tolldreiste, mobile Weltmaschine gibt surrend und krachend den Takt für die menschlicher Statisterie in einem gewaltigen Fest, das da Leben heißt, vor. O'zapft ist! Ein gelungener Kommentar im Rahmen des in Graz ausgerufenen Kulturjahres 2020, in dem das Motto so lautete: "Wie wir leben wollen". Die Antwort fällt angesichts von Wirtschaftskrise, Coronakrise, Beziehungskrisen sowie Brot-und-Spiele-Ablenkungen und anderem Entertainmentterror kurz und bündig aus: So nicht.

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