Theater

Rock me, Amadeus: Langes "Zwischenspiel" in der Josefstadt

Mit einem langen, innigen Kuss wird die Geliebte verabschiedet, mit Wangenküsschen die Seelenfreundin begrüßt. Es handelt sich beide Male um dieselbe Person, nämlich um die Ehefrau des Küssers. Das ist der Schlüsselmoment in Peter Wittenbergs Inszenierung von Arthur Schnitzlers "Zwischenspiel", das am Donnerstagabend im Theater in der Josefstadt mit zweieinhalb Stunden doch recht lang geriet.

Künstlerehepaar versucht die offenen Ehe SN/APA/THEATER IN DER JOSEFSTADT/HE
Künstlerehepaar versucht die offenen Ehe

Die 1905 am Burgtheater uraufgeführte Komödie wirkt vom Thema an sich recht heutig: Ein Künstlerehepaar versucht sich am Konzept der offenen Ehe. Radikale Ehrlichkeit und Offenheit statt Betrug und Verstellung. Lizenz zur Untreue bei Erhalt der Freundschaft. Das musste in Zeiten der Monarchie, als die Patriarchen noch buchstäblich auf dem hohen Roß saßen, geradezu revolutionär gewirkt haben und stellt auch im Zeitalter der Gleichberechtigung an alle Beteiligten höchste Anforderungen. Die Chance, im stark abstrahierenden Bühnenbild von Florian Parbs, in dem weiße Lederhocker und drehbare, durchsichtige Glas-Paravents die wesentlichen Stil- und Spielelemente sind, eine heutige Beziehungsgeschichte zu erzählen, lässt sich der Regisseur allerdings entgehen.

Wittenberg hat sich in die unnachahmliche Formulierungskunst Schnitzlers verliebt. Alle Beteiligten sagen an diesem Abend die schlauesten Sachen, drechseln bedächtig an tiefgründigen Sätzen und feinsinnigen Doppeldeutigkeiten, horchen dem Gesagten nach und erfreuen sich daran. Doch nur beim Autor Albertus Rhon, unverkennbar ein Alter Ego Schnitzlers, wirkt das auch passend. Joseph Lorenz räumt daher in dieser Rolle als trocken die Ehekrise des Paares kommentierender Freund Pointe um Pointe ab. Er trifft den Ton quasi im Vorbeigehen. Und kann froh sein, dass seine eigene Frau (Martina Stilp gibt sie ziemlich naiv) vorerst nur schaut und sich (noch) alles gefallen lässt.

Bernhard Schir als komponierender Kapellmeister Amadeus Adams sucht vergeblich einen Königsweg zwischen Stilisierung und Ironisierung. Er ringt um Fassung, aber nicht um Worte. Die kommen ihm in einem Endlosstrom über die Lippen, während er sich meist geschäftig die Hände reibt: Tausend neue Ausreden, neue Finten, neue Volten ersinnt er. Er instrumentiert eine mächtige Schicksalselegie, wo er eigentlich die Sau rauslassen möchte: Rock me, Amadeus! Denn im Grunde, das wird rasch klar, geht es ihm nur um einen Freibrief für einen Seitensprung mit einer nervigen, aber attraktiven singenden Gräfin (Silvia Meisterle hat einen kurzen, aber einprägsamen Auftritt), während die Gattin sich hüten soll, die gleichen Freiheiten in Anspruch zu nehmen.

Die selbstbewusste Sängerin Cäcilie hat freilich nicht vor, sich diesbezüglich Zurückhaltung aufzuerlegen. Maria Köstlinger hat ein wenig Mühe glaubhaft zu machen, dass unter der kühlen Hülle der freundlichen Reserviertheit ein Glutkern nur darauf wartet, hinzuschmelzen. Die Pointe des Stücks liegt darin, dass sie aber wählerischer ist als ihr Noch-Gatte und erst auf den "Richtigen" wartet, mit dem sie sich der Leidenschaft hingeben möchte. Fürst Sigismund, der diese Rolle so gerne einnehmen würde, hat sie jedenfalls nicht erhört. Roman Schmelzer gibt den schönen Sigismund als rechten Hampelmann an den Fäden der Konventionen. Wittenberg treibt die Konfrontation der beiden Männer, in der die klassische Konstellation von Eifersucht und Ehebetrug von Schnitzler mehrfach konterkariert wird, weit in Richtung Lächerlichkeit. In diesen Momenten ist die Komödie wirklich eine Komödie.

Danach folgt aber ein endloses Lamentieren, in dem Amadeus, der ja gehabt hat, was er wollte, seine Frau zurückgewinnen möchte. Sich und dem Publikum tut er damit nichts Gutes. Das Endspiel vom "Zwischenspiel" gerät quälend lang. Ob diese Ehe dennoch in die Verlängerung geht, lässt Wittenberg geschickt offen. Amadeus darf weiter hoffen. Und das Publikum war zufrieden. Viel Applaus.

Quelle: APA

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