Theater

Schamlosigkeit wird zelebriert

Wie lebt sich's frei von Kleidern? 120 Nackte in Wien haben dies drei Abende lang vorgeführt.

Als Angezogener zweieinhalb Stunden lang 120 Nackten zuzusehen, wie sie sich mit großer Selbstverständlichkeit durch eine Menschenmenge bewegen, dabei immer wieder in veitstanzartige Zuckungen verfallen, sich auf den Boden legen, einander Körperpartien in Bewegung versetzen und einem dabei hautnahe kommen - ist das Himmel oder Hölle? Weder noch: Es ist "Habitat/Halle E".

Als Zuschauer muss man sich darauf einlassen. Besser gesagt: Man kann nicht anders. Denn die österreichische Choreografin Doris Uhlich, seit ihrem Stück "more than naked" (2013) auf textilbefreite Arbeiten konzentriert, hat einen bezwingenden Zugang zum hüllenlosen Menschsein gefunden. Hatte sie 2017 beim Donaufestival die Dominikanerkirche in der Kremser Altstadt zum "Habitat" für dreißig nackte Menschen erklärt, so waren es in den drei Aufführungen bis Sonntagabend vier Mal so viele Performer und Performerinnen, die in ihrer bisher größten Choreografie die Halle E im Wiener MuseumsQuartier bevölkert haben.

Die Bandbreite der Tänzer ist enorm - von jung bis alt, sportlich bis füllig, auf den eigenen zwei Beinen oder im Rollstuhl unterwegs. Sie alle sind mit größter Konzentration und Hingabe in ihre Aufgabe versunken. Das Publikum steht ihnen kaum nach. In der großen Halle herrscht eine Atmosphäre des respektvollen Interesses, der nicht-voyeuristischen Neugier. Peinlich wirkt es nie. Es geht um Existenzielles, nicht um Sexuelles, und dass ein paar junge Zuschauer gelegentlich mit rotem Kopf unterwegs waren, war sicherlich der mitunter recht hohen Raumtemperatur zuzuschreiben.

Natürlich riecht es bald nach Schweiß. Denn das Schwingen, Schwitzen und Schnalzen des Fleisches zählt immer zu den Grundbestandteilen von Doris Uhlichs hoher Schule des Körpertanzes. Auch diesmal liegen jede Menge Assoziationen auf der Hand: Einmal wähnt man sich auf einer Rave-Party im FKK-Club, einmal denkt man an Sauna-Abende, Massage-Einheiten oder ans Fitnessstudio. Getanzt im klassischen Sinn wird nie, dafür kommt einem Virginie Despentes' Mammut-Roman "Vernon Subutex" in den Sinn. Dort kulminiert eine Massenbewegung um einen zum Kult-DJ aufgestiegenen ehemaligen Plattenverkäufer in "Convergences" genannten Raves, bei denen die Teilnehmer in Trance geraten. Mit dem ebenfalls nackten DJ Boris Kopeinig an den Turntables stellt sich an diesem Abend mehrfach das Gefühl ein, genau so etwas könnte Despentes vorgeschwebt sein: Happiness als Happening.

Das Publikum kann sich frei im Raum bewegen, an Stufen entlang der Wand Platz nehmen, durch den Saal spazieren oder sich mitten auf der Spielfläche auf den Boden setzen. Das Geschehen erreicht einen überall, die Performer bewegen sich ohne Scheu, vermeiden aber Blick- und Hautkontakt. Die Tribüne ist nur ihnen zugänglich. Dort entstehen im Laufe des Abends einige fleischfarbene Bewegt-Bilder, die an die Arbeiten von Spencer Tunick oder Vanessa Beecroft erinnern.

Manchmal gleicht die Halle E einem Ausstellungsraum voller Statuen, manchmal einer Sporthalle. Doris Uhlich verändert ständig den Rhythmus und bringt immer wieder neue Ideen in das Geschehen ein, nicht alle davon sind gut. Auf den Einsatz von Hebepodien kurz vor dem Ende hätte man etwa verzichten können. Etwas mehr Witz und Selbstironie hätte vielleicht auch gutgetan. Doch am Ende gab es zu Recht riesigen Applaus für die und große Erleichterung bei den Mitwirkenden. "Habitat" zelebriert die friedliche Utopie der Schamlosigkeit. Aus ihr in den Alltag zurückzukehren ist keine einfache Sache.

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Aufgerufen am 28.01.2022 um 05:21 auf https://www.sn.at/kultur/theater/schamlosigkeit-wird-zelebriert-78333262

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