Kultur

"Three Billboards": Die Heldin ist Prügel gewöhnt

Für sieben Oscars ist "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" nominiert, in dem Frances McDormand Gerechtigkeit für ihre Filmtochter will. Nun kommt der Western ins Kino.

Eine junge Frau wird verletzt, vergewaltigt, ermordet. Und ein Mann, der mit ihr verwandt oder der in sie verliebt gewesen ist, geht auf Rachefeldzug: Die Filme, die mit diesem Klischeekonstrukt arbeiten, sind unzählbar, Dutzende Schauspieler wie etwa Liam Neeson haben darauf Karrieren aufgebaut. Und dann kommt ein Ire daher, dreht die Sache um, und schafft etwas Unerhörtes: In "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" (etwa "Drei Plakatwände außerhalb von Ebbing, Missouri") unter der Regie von Martin McDonagh ist es nämlich eine Frau, die Gerechtigkeit einfordert, anfangs diplomatisch, dann zunehmend mit Gewalt.

Dargestellt wird sie von Frances McDormand, jener Schauspielerin, die 1997 für "Fargo" einen Oscar bekommen hat und diesmal erneut nominiert ist. Hier spielt sie die Mittfünfzigerin Mildred Hayes, deren Tochter vor über sieben Monaten außerhalb des kleinen Ortes Ebbing vergewaltigt, ermordet und verstümmelt worden ist. Nach wie vor gibt es keine Spur zu einem möglichen Täter, die Polizei unter der Leitung von Chief William Willoughby (Woody Harrelson) hat den Fall als unlösbar abgeschrieben. Ohnehin verhaftet der eifrigste Polizeibeamte, Officer Jason Dixon (Sam Rockwell), lieber Schwarze, notfalls wegen zwei Joints, anstatt echte Verbrecher zu finden. "Wann wirfst du ihn endlich raus?", fragt einer den Chief, und der antwortet: "Würden wir alle rassistischen Cops rauswerfen, blieben nur drei übrig. Und die hassen Schwule."

Es sei "Trumps Amerika", in dem "Three Billboards" spiele, heißt es in vielen Texten zu dem Film. Tatsächlich ist es aber ein normaler Ort wie überall auf der Welt, in dem alle bestraft werden, die nicht konform sind. Der schwule Anzeigenverkäufer (Caleb Landry Jones) bekommt Prügel, der kleinwüchsige Nachbar (Peter Dinklage) wird ausgelacht.

Und als Mildred Hayes sich drei leere Plakatwände kauft und darauf in Riesenlettern auf feuerroten Grund schreiben lässt: "Vergewaltigt während des Sterbens. Und immer noch keine Verhaftung? Wie kommt das, Chief Willoughby?", da erntet sie nicht Solidarität, sondern Verachtung von ihren Mitbürgern. Kann die nicht still trauern? Warum lässt sie die Sache nicht auf sich beruhen? Weiß sie denn nicht, dass der beliebte Chief andere Sorgen hat?

"Three Billboards" beginnt leise, bis seine Heldin mit dem Charisma und der Coolness einer Western-Ikone ihren Kampf um Gerechtigkeit aufnimmt. Doch für eine Frau liegt die Sache etwas anders als für John Wayne, der Frances McDormand als Vorbild dient. Und das gilt erst recht für eine alleinstehende Frau, deren Ex-Mann Charlie (John Hawkes) schnell handgreiflich wird.

Wie grauenvoll normal das für Mildred und ihren Sohn ist, wird in einer wortlosen Szene deutlich, als nach einem Moment der Fast-Eskalation alle drei die umgeworfenen Küchenmöbel routiniert wieder an ihren Platz zurückstellen. Gegen diese Mechanismen beginnt Mildred sich zu wehren, gegen die Selbstverständlichkeit der Annahme, eine Frau sei weniger wert und habe zu kuschen, ganz im Sinne von #MeToo und jenen, die die Nase voll haben vom Andere-Wange-Hinhalten.

Das größte Problem des Films ist dann, wie glatt die eine große Wendung passiert, wie sich da ein wichtiger Antagonist durch ein Fegefeuer zum Verbündeten wandelt und wie unwidersprochen die gewaltsame Rache als einzig wirksame Alternative präsentiert wird. In Konventionen des Westerns gedacht ist das allerdings normal.

Dem Regisseur Martin McDonagh gelingt das Kunststück, einen Western zu machen, in dem Männer heulen dürfen und der Gewalt an Frauen ernst nimmt. Es ist ein wilder, witziger, bösartiger und streckenweise unerwartet zärtlicher Film, der kämpferisch stimmt. Welche Moralvorstellungen "Three Billboards" anwendet, ist eine andere Frage.

Kino: "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri". Western, USA 2017. Regie: Martin McDonagh. Mit Frances McDormand, Woody Harrelson, Sam Rockwell, John Hawkes, Peter Dinklage, Abbie Cornish. Start: 25. Jänner.

Quelle: SN

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