Kultur

Überwachungsangst? "Heilig Abend"-Premiere in der Josefstadt

Eine Frau sitzt zu Weihnachten in einem Vernehmungsraum, ein Beamter in Zivil will wissen, wo die Bombe ist, die um Mitternacht hochgeht. Über der Szene eine digitale Anzeige: 22.30 Uhr. Mit diesem Bild startet Daniel Kehlmann in sein neues Theaterstück "Heilig Abend", das Herbert Föttinger am Donnerstag mit dem starken Duo Maria Köstlinger und Bernhard Schir auf die Bühne der Josefstadt brachte.

Bernhard Schir (Thomas) und Maria Köstlinger (Judith) brillieren.  SN/APA/ROBERT JAEGER
Bernhard Schir (Thomas) und Maria Köstlinger (Judith) brillieren.

Seit seiner Kindheit habe ihn der Film "High Noon" fasziniert, erklärte der österreichische Autor im Vorfeld. Unausweichlich verrinnende Zeit, ein fixer Punkt, an dem etwas passiert. Ob man diese Echtzeit-Situation auch auf die Bühne übertragen könnte, war seine Frage an Direktor Föttinger, als er ihm den Auftrag zu einem Stück gab. Seit gestern ist klar: Es geht, und wie. Es ist die Zuspitzung des Aristotelischen Diktums der Einheit von Raum, Zeit und Ort.

Als Ort hat Walter Vogelweider einen gläsernen Vernehmungsraum konstruiert, aus dem nur die durch Mikrofone verstärkten Stimmen der beiden Protagonisten dringen. Nur ein einziges Mal dreht sich die Bühne und dahinter wird eine Kommandozentrale sichtbar, in der die Bilder aus den Überwachungskameras im Raum übertragen werden. Es ist Herbert Föttinger hoch anzurechnen, dass er es bei diesem Sidekick belassen und ansonsten auf - auf der Hand liegende - Videoprojektionen verzichtet hat.

Überhaupt ist Effekthascherei in dieser 90-minütigen Inszenierung keine Option: Daniel Kehlmann verhandelt in seinem Text die Überwachungsmechanismen zur Terrorbekämpfung sowohl aus staatlicher wie philosophischer Sicht, die drohende Bombe steht zwar im Zentrum der Befragung, das Thema ist jedoch weniger die konkrete Bedrohung als das Verhandeln von Privatsphäre in Zeiten des gläsernen Menschen. Judith, Professorin für Philosophie, hat auf ihrem Computer eine Art Bekenntnis zu einem Anschlag geschrieben, als Anschauungsmaterial für ein Uniseminar zu struktureller Gewalt, wie sie sagt. Woher der Beamte den Text hat? Schließlich sei ihr PC nicht mit dem Internet verbunden. Genau dieser Umstand sei es, der sie verdächtig gemacht habe, so der Polizist, der Judith klar macht, dass man auch ihren Exmann verhaftet hat und davon ausgeht, dass er sie belasten wird, um freizukommen.

Bald wird klar: Die Behörden wissen alles. Welche Texte Judith geschrieben hat, wann und wo sie sich mit ihrem Exmann getroffen hat, wie oft sie ihre Eltern von ihrer Reise nach Südamerika angerufen hat und dass der Exmann sie einst stundenlang in einer Felswand hat hängen lassen, um angeblich Hilfe zu holen. Köstlinger, die ihre Judith als kalte Intellektuelle gibt, die sich keiner Schuld bewusst ist und von oben auf den Polizisten herabschaut, zeigt weder Verzweiflung noch wirkt sie geheimnisvoll. Das macht es für das Publikum unmöglich, sich mit ihr zu solidarisieren. Das ist eine der vielen Stärken dieses Abends.

Bis zuletzt wird man im Unklaren gelassen, ob die moralisch überlegen scheinende Akademikerin tatsächlich jenes Unschuldslamm ist, das sie vorgibt zu sein. Bernhard Schir versucht es als Good Cop und Bad Cop, will Judith etwa mit der Aufzählung der Geliebten ihres Exmannes aus der Fassung bringen und will sogar wissen, ob sie sich unter anderen Umständen vielleicht sogar ganz gut verstanden hätten. Köstlinger macht mit wenigen Gesten und präzisen Aussagen klar: nie im Leben.

Herbert Föttinger setzt auf die beiden größten Ressourcen, die ihm zur Verfügung stehen: Auf Kehlmanns klar gearbeiteten Text und seine beiden Schauspieler, die 90 Minuten lang die Spannung halten, ohne - bis auf zwei Stühle - auf Requisiten zurückgreifen zu können. Am Ende springt die Uhr auf 24 Uhr. "High Midnight", quasi. Was wirklich passiert, bleibt offen. Viel wichtiger war das, was zuvor als Möglichkeit verhandelt wird. Das Publikum würdigte alle Beteiligten mit langem, herzlichen Applaus.

Quelle: APA

Aufgerufen am 22.11.2018 um 11:50 auf https://www.sn.at/kultur/ueberwachungsangst-heilig-abend-premiere-in-der-josefstadt-447763

Schlagzeilen