Kultur

Uraufführung von Lisa Lies "Kaspar Hauser" im Wiener Schauspielhaus

"Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen!" nennt die norwegische Autorin und Regisseurin Lisa Lie ihre Deutung des berühmten Mythos, die am Mittwochabend im Schauspielhaus Wien Uraufführung feierte. Ins Zentrum und dann doch nur an die Ränder stellt sie dabei eine an Medea gemahnende Mutterfigur, dazwischen rast sie durch nichts weniger als die Evolution.

Das Stück lässt etwas ratlos zurück.  SN/schauspielhaus/matthias heschl
Das Stück lässt etwas ratlos zurück.

Es ist ein starkes Stück Text, mit dem Lisa Lie in ihre fast zweistündige Inszenierung einführt. Hoch oben auf einer Pappmaschee-Skulptur, die das Zentrum der sonst leeren Bühne bildet, thront die Schauspielerin Vassilissa Reznikoff und philosophiert - zunächst flüsternd, dann bestimmt - über die Bürde der Mutterschaft. In dichten, poetischen Bildern zeichnet die Autorin ein Bild zwischen befürchteter Gluckenhaftigkeit und eingetretener Ablehnung.

Das Motiv der Kindsweglegung nimmt rasch Formen an und wird in zahlreichen Schattierungen neu durchdacht, bis diese Mutter schließlich die Reste der verstoßenen Kinder heimlich aus den Müllsäcken kratzt. Ein Bild, das sitzt. Ihr Motiv? Keines der zahlreichen Kinder konnte sie behalten, alle wiesen - innerliche wie äußerliche - Deformierungen auf, ans Behalten war nicht zu denken. Was sollen die Leute sagen.

Nach diesem intensiven Auftaktmonolog kippt der Abend jedoch ins Bodenlose und exerziert die gesellschaftliche Evolutionsgeschichte mit schrägen Bildern und noch absurderen Dialogen durch. Den Anfang machen die Höhlenmenschen - hierfür schlüpft Reznikoff gemeinsam mit ihren Kollegen Kenneth Homstad, Jesse Inman und Gabriel Zschache ins Fell. Minutenlang wird das Sammeln und Verlieren von gut zwei Dutzend in Plastik eingeschweißten Salatgurken zelebriert, die die versammelte Horde dann ebenso lang genüsslich, aber mit deutlich tierischem Gestus, verspeisen. Es folgt die Entdeckung von Ton, das Formen von Gefäßen und das Überschlagen der Beine.

Mit einem Sprung geht es weiter zur Tea-Time in einem englischen Schloss, wo die Hausherrin ihre Sklaven schikaniert. Das läuft bald aus dem Ruder: Zu Technobeats und klassischen Klavierstücken tanzen, kopulieren und treten sich die Protagonisten in ihren hautfarbenen Unterhosen und viel barer Haut durch die folgende Viertelstunde. Was dann genau geschieht, lässt sich nicht mehr ganz nachvollziehen. Die Konstellationen gemahnen an eine dekadente Gesellschaft der Postmoderne, die nach immer neuen Formen der Zerstreuung giert - und sei es das Verspeisen längst ausgestorbener Tiere. Dazwischen wird erneut kopuliert, schikaniert und mit weißer Farbe auf Haut experimentiert.

Es geht um Demütigung und Kunst und Gesellschaft und schließlich - endlich - wieder um den Schlussmonolog, in dem noch einmal etwas wie poetische Spannung entsteht. Ein tiefsinniger und zugleich seichter Abend, der ratlos zurücklässt. Dem Kanon der Kaspar Hauser-Literatur wird er sich eher nicht einschreiben. Aber wie heißt es im Schlussbild: "Wenn du mich nicht fickst, stirbst du innerhalb einer Woche."

www.schauspielhaus.at

Quelle: APA

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