Kultur

Was können Roboter und intelligente Computer über die Menschen erzählen?

Die Ars Electronica sucht heuer das "Andere Ich". Was aber verraten Ängste wie Hoffnungen in Bezug auf "Artificial Intelligence" (AI) über den Menschen selbst?

1979 war es noch ein Spiel mit fernen Zukunftsvisionen: Zur Eröffnung der ersten Ars Electronica stieg in Linz ein Roboter aus dem Flugzeug und schüttelte dem Bürgermeister artig die Hand. Heute wird die Frage, ob intelligente Maschinen uns das Leben verschönern oder unsere Jobs übernehmen und ob uns hochvernetzte Computersysteme unser Monopol aufs Denken streitig machen, längst auf allen Kanälen diskutiert.

Was aber verraten Ängste wie Hoffnungen in Bezug auf "Artificial Intelligence" (AI) über den Menschen selbst? Ger fried Stocker, künstlerischer Leiter der Ars Electronica, widmet diesem Aspekt die 38. Ausgabe des Festivals.

Die Frage nach Chancen und Gefahren der Künstlichen Intelligenz ist allgegenwärtig. Bei der Ars Electronica steht das Kürzel "AI" aber nicht nur für "Artificial Intelligence", sondern auch für das "Andere Ich". Warum? Gerfried Stocker: Mit dem Untertitel wollen wir klarmachen, dass es bei uns nicht um die nächsten Technologie- und Wirtschaftsgespräche über Perspektiven der Künstlichen Intelligenz geht. Wir sind ein Kunst- und Kulturfestival. Unser Zugang sind kulturelle und gesellschaftliche Fragen, also auch Fragen der Ethik und der Verantwortung. Wie können wir die Entwicklungen gestalterisch nutzen? Darüber sprechen etwa Experten auf den Gebieten der Ethik, der Philosophie, der Roboterpsychologe im Festival-Symposium, darum geht es auch in künstlerischen Experimenten auf dem Feld lernfähiger Maschinen.

Sie lenken also den Blick von der Technologie zurück auf den Menschen? Ja. In all diesen Debatten, wovor wir uns bei der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz fürchten müssen, gibt es ja eine ganz einfache Antwort: Vor uns selbst. Wir sind es ja, die diese Technologie entwickeln, wir werden es sein, die diese Technologie perfektionieren und zum Einsatz bringen. Angesichts der potenziellen Auswirkungen dieser Anwendungen ist es wichtig, dass wir aufhören, die Verantwortung von uns zu schieben. Es sind unsere Produkte, unsere Entscheidungen - und es ist unsere Verantwortung.

In der Science-Fiction kommt die unheimliche Bedrohung oft von außen. In der Realität ist es umgekehrt? Es geht nicht darum, die berechtigen Ängste vor dem Potenzial dieser Technologie kleinzureden. Aber bevor wir uns davor fürchten, wohin die Entwicklung autonomer Systeme in 100 Jahren führen könnte, sollten wir die nächsten zehn, 20 Jahren nutzen, um die Gestaltung dieser Entwicklung so zu beeinflussen, dass die düsteren Szenarien Science-Fiction bleiben.

In einem der Vorträge im Festivalprogramm geht es um Roboterrecht, also um die berühmte Frage, wer Schuld trägt, wenn ein selbstfahrendes Auto einen Unfall verursacht? Schuld ist ein rein menschliches Konzept, und das ist ja das Spannende an dem ganzen Themenkomplex: Selbst wenn man pragmatische, technische Fragen erörtet, lauert dahinter immer eine philosophische Frage. Und immer wieder kommen wir darauf, dass es eigentlich um uns geht und darum, wie wir die Künstliche Intelligenz einsetzen wollen. Alle Fragen, die wir uns als Gesellschaft jetzt so lange nicht gestellt haben, wie wir denn mit dieser digitalen Invasion umgehen wollen, die liegen jetzt gleichsam auf dem Silbertablett vor uns.

Welche Antworten kann die Kunst beitragen? Die Frage der Ebenbürtigkeit oder Konkurrenz von Mensch und Maschine war immer ein künstlerisches Thema, auch, als wir noch gar keine Roboter bauen konnten. Im Roman "Frankenstein" ging es 1818 freilich nicht um ein digitales System, aber bereits um die Frage: Kann der Mensch etwas schaffen, was ihm über den Kopf wächst?

Waren Roboter und AI auch Themen, die Künstler bei der Ars Electronica von Beginn an beschäftigten? Beim ersten Festival 1979 stieg am Linzer Flughafen ein Roboter aus dem Flugzeug und wurde vom Bürgermeister Franz Hillinger begrüßt. Der Roboter hat damals freilich noch ausgeschaut wie eine Konservendose. Aber das Kernthema des Festivals, dass mit künstlerischen Mitteln eine Art Probeszenario durchgespielt werden kann, um zu zeigen, wie es sein könnte, wenn Roboter einmal so weit sind, dass sie wirklich mit dem Flugzeug ankommen, war damit schon bei der ersten Ars Electronica zu sehen. Die Wissenschaft kann sich so eine spekulativ-spielerische Freiheit nicht leisten. Die Kunst aber schon. Das macht Science-Fiction ja auch als Kunstform so interessant.

Als Festival für Zukunftsfragen landet die Ars Electronica aber derzeit immer öfter in der Gegenwart. Liegt das an der Geschwindigkeit, mit der das Zukunftsthema Digitalisierung bereits alle Lebensbereiche erfasst hat Die digitale Invasion ist eine große Triebkraft für das Wachsen des Festivals. Weil die Fragen im Moment so stark präsent sind, wird den Leuten klar, dass man sich aktiv damit beschäftigen muss, das ist ein starker Rückenwind für uns. Im Vorjahr hatten wir 90.000 Besucher. Heuer kommt sogar der Leiter des Olympischen Komitees für Tokyo 2020 nach Linz, um sich unsere Verbindungen zwischen Technologie, Wissenschaft, Kunst und Kultur anzuschauen.
Beim aktuellen Festival lässt sich das Wachstum für mich mit einer anderen Zahl am besten ausdrücken: Wir haben heuer 1050 Vortragende, Präsentatoren und Künstler, die zur Ars Electronica kommen und das Programm mitgestalten.

Das Programmieren eines Festivals über Künstliche Intelligenz ist aber eine Fähigkeit, die bis auf Weiteres Menschen vorbehalten ist? Oder setzen sie auch AI-Werkzeuge ein? Wir arbeiten da eigentlich mit sehr analogen Mitteln, indem wir unsere menschlichen Netzwerke nutzen. Aber ich habe keinen Zweifel, dass gerade eine Tätigkeit wie die kuratorische Zusammenstellung eines Festivals eigentlich eine perfekte Geschichte für Künstliche Intelligenz wäre! Die Frage wird aber immer sein, ob wir das wollen. Das ist in der ganzen Debatte über Künstliche Intelligenz ein entscheidender Paradigmenwechsel: Von einer Frage nach der technischen Kompetenz, also von einem "Wird das möglich sein?", sind wir zu einer Frage nach der menschlichen und gesellschaftlichen Entscheidungskompetenz gelangt, zu einem "Wollen wir das?"

Festival: Die Ars Electronica wird am Donnerstag eröffnet. Bis 11. 9. geht es in Ausstellungen, Symposien, Vorträgen und Workshops um das Thema "AI - Das andere Ich".
Programm: www.aec.at

Aufgerufen am 13.11.2018 um 03:49 auf https://www.sn.at/kultur/was-koennen-roboter-und-intelligente-computer-ueber-die-menschen-erzaehlen-17065951

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