Leben

Es ist einfach eine riesige Reiselust da

Ultra-Endurance-Radler Max Riese bestreitet Rennen unter extremen Bedingungen. Der Salzburger berichtet über Begegnungen im Schneesturm und andere Erlebnisse.

Radeln in Nordafrika: Auf der „Zielgeraden“ des Atlas Mountain Race radelte Max Riese durch Marokko. SN/nils laengner
Radeln in Nordafrika: Auf der „Zielgeraden“ des Atlas Mountain Race radelte Max Riese durch Marokko.

Plötzlich kündigte Max Riese seinen Job. Mitten in der Coronapandemie. In der Krise sah er eine Chance. "Ich sagte mir: Entweder ich riskiere das jetzt oder ich mache es nie!", verrät der Sportler. Zuvor war der gebürtige Deutsche als Produktmanager für ein großes Unternehmen im Raum Salzburg tätig. Schon seit ein paar Jahren frönt Riese dem Ultra-Endurance-Radsport. Mit der Selbstständigkeit hat er diese Leidenschaft zum Beruf gemacht. "gravgrav.cc" nennt sich die internationale Plattform von Riese, die er mit Radkumpels betreibt. Diese widmet sich spezifischen Bereichen des Radsports.

Über Umwege nach Österreich

Nach dem Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands verließen seine Eltern mit ihm die damalige Deutsche Demokratische Republik (DDR). Die Wiedervereinigung brachte nicht nur Chancen, sondern auch viele Herausforderungen für die DDR-Bürger mit sich. Wechselnde Wohnorte der Rieses waren die Folge, eine Zeit lang lebte Max mit seinen Eltern in Hamburg. Später zog es ihn nach Elsbethen bei Salzburg. Dort verbrachte Max Riese seitdem glückliche Jahre. Rieses Verhältnis zum Sport war als kleiner Bub noch nicht so ausgeprägt wie es heute ist. Max probierte sich vor allem in Ausdauerportarten aus - alles ohne Druck, immer mit Spaß! Mit zwölf Jahren begann er mit dem Trailrunning. Im Alter von 14 kam das Radfahren dazu. Nachforschungen von Max Riese ergaben, dass sein Großvater in der DDR ein talentierter Radfahrer war. So fand er Fotos seines Opas, der damals für die Rad-Nationalmannschaft der ostdeutschen Besatzungszone fuhr. Als sein Cousin auf dem Rennrad gestürzt war, bekam Max das Rennrad. "Ich merkte: Cool, damit kommt man ja sehr viel weiter als zu Fuß!" Und damit begann die "Jagd nach dem Geschwindigkeitsrausch". Das Fahren am Rennrad übte als junger Erwachsener eine unglaubliche Faszination auf Riese aus. Und so steigerte er sein Training kontinuierlich und begann für verschiedene Rennradteams zu fahren. Wobei er mit 22 Jahren seine Straßenkarriere aufgrund mehrerer Unfälle jäh beenden musste.

Faszination Bikepacking

Ein Jahr fast kein Sport. So beschreibt Riese die Zeit nach seiner aktiven Karriere im Rennradsport. "Ich habe jedoch gemerkt, dass mir die Sportart furchtbar fehlt", sagt Riese. Mit ehemaligen Teamkollegen unternahm er viele Mehrtagestouren mit dem Mountainbike. Es ging um den Hohen Dachstein und über herrliche Gebirgspässe. Er versuchte sich auch in Mountainbikemarathons wie der Salzkammergut Trophy.

Die legendäre A-Strecke der Salzkammergut Trophy wird mit dem Gravel-Bike bezwungen. SN/christoph oberschneider
Die legendäre A-Strecke der Salzkammergut Trophy wird mit dem Gravel-Bike bezwungen.

Aber das war noch nicht genug. Rieses Glück: Genau zu dieser Zeit kam das Bikepacking so richtig auf. Die Ausrüstung wurde viel besser. Und eine gute Schwerpunktverteilung am Rad sorgte dafür, dass man große Distanzen zurücklegten konnte. Seine erste sehr lange Raddistanz waren 500 Kilometer von Salzburg über Passau nach München und wieder retour. "Meine Freunde und ich wollten einfach wissen, wie weit wir an einem Tag kommen", berichtet Riese und fügt an. "Das war für viele von uns ein richtiger ,Eye-Opener'. So kam ich wenig später zu Ultradistanzradrennen."

"Ich merkte: Cool, mit dem Rad kommt man ja viel weiter als zu Fuß." Max Riese, Ultraradrennfahrer

Zunächst bestritt Riese Eintagesrennen, doch bald kamen Mehrtagesrennen dazu. Immer auf der Suche nach dem nächsten radsportlichen Kick! Ein extremes Ultradistanzrennen findet alljährlich in Kirgisistan statt. Die ehemalige Sowjetrepublik ist für ihre Hochgebirgen und Steppen bekannt. Die Teilnehmer erhalten GPS-Tracker, die via Social Media Rückschlüsse auf den Aufenthaltsort zulassen. "Die Höhenlage und das Wetter sind extrem. Dazu kommen noch die langen Distanzen und die vielen Höhenmeter. Als ich Fotos und Videos davon gesehen hatte, konnte ich es gar nicht glauben, dass so etwas überhaupt möglich ist", sagt Riese. Doch doch… es war möglich! Und mit Platz 20 fuhr Riese in seinem Premierenjahr sogar ein sensationell gutes Ergebnis ein.

Viel Unterstützung

Im Hochgebirge und abseits der üblichen Routen bezeichnet sich Max Riese in seiner Sportart als einer der Besten. "Ich möchte selbst nachhaltigen Tourismus schaffen und die Leute dahin bringen, ihre eigenen Abenteuer am Rad zu erleben." Der große Fahrradboom während der Pandemie hat dafür gesorgt, dass er alles auf eine Karte gesetzt hat. Und bislang geht es für ihn ganz gut auf. Wobei man bei seinen Fotos, Videos und Texten natürlich nicht die harte Arbeit sieht, die da oft dahintersteckt. Ohne die Unterstützung von gewissen Firmen und Sponsoren geht es nicht. Seine Arbeitskollegen sind langjährige Freunde, die sozusagen zur Familie gehören. Sehr wichtig ist auch seine Freundin, eine Italienerin.

Der Radsportler ist mit sich absolut im Reinen. Das Radfahren ist für ihn auch reinigend im besten Sinne. Trotz Verpflichtungen - denn irgendwo muss ja auch das Geld reinkommen - hat Riese einfach Spaß. Er will im Moment leben, trotz aller großen Zukunftspläne. Einfach mal radeln, wo er gerade Lust hat. Seine Limits austesten. Auch neue Kulturen kennenzulernen. Das ist nämlich etwas, das Riese viel Freude bereit. Die Neugierde an fremden Menschen. Und so hat er über die Jahre ein Auge für besondere Personen entwickelt. Überall auf der Welt hat er bei seinen Radreisen Freunde und Unterstützer gefunden. 2019 kam ihm zum Beispiel in Kirgisistan jemand im Schneesturm zu Hilfe. "Ich hatte tagelang nicht geduscht, war voller Dreck. Der Fremde hatte nicht viel, aber nahm mich mit ins Zelt zu seiner Familie. Sie haben das Essen und die Getränke mit mir geteilt", erzählt Riese. In der Schweiz habe er einmal nach einer langen Radtour auf einem öffentlichen Platz übernachtet und wurde von einem alten Ehepaar nach Hause eingeladen.

"Allein mit dem Rad wirkt man wohl besonders verletzlich. Umso hilfsbereiter sind alle um einen herum", erklärt Riese, der die ganze Bikepacking- und Ultra-Endurance-Community als Einheit sieht. Auch wenn jeder um den Sieg kämpft: In den Regeln ist klar festgeschrieben, dass es ein Rennen gegen sich selbst und nicht gegen andere ist. Wenn jemand also Hilfe braucht, dann helfen sich die Athleten gegenseitig aus - auch wenn das das Ende des Rennens bedeutet.

Schlaf und Verpflegung

Oft ist man aber auch einfach auf sich allein gestellt; das gilt vor allem für den Schlafrhythmus."Ich schlafe sehr gerne, brauche bei Rennen mindestens drei bis vier Stunden Ruhe", sagt Riese. Im Gegensatz zur ebenfalls starken Konkurrenz ist das leider ein Nachteil. Denn die Athleten vor ihm kommen mit deutlich weniger Schlaf aus. Und diese Zeit lässt sich auch im Hochgebirge nicht immer so leicht aufholen. Die Themen Schlafen und Regeneration sind für ihn enorm bedeutend. Mit beiden Themen beschäftigt er sich viel. Ebenfalls stark rennentscheidend ist die Verpflegung: "Viele Shops in Kirgisistan bieten zum Beispiel nur Süßigkeiten an. Bei den Rennen wird viel Cola getrunken. Das Essen kann man zwar vorbereiten, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Deshalb muss man vor Ort oft improvisieren", verrät Riese. Umso wichtiger ist für Riese eine Vorabplanung seiner Touren; er schaut sich Details und Versorgungspunkt der Route, die er durchfährt, genau an. Das gibt ihm Sicherheit, denn ein bisschen Angst und Ungewissheit fährt stets mit. Bei Mehrtagesrennen kommt man sowieso nicht darum herum, sich mit Proviant vor Ort einzudecken. Oft kauft Riese bei Tankstellen ein. Manchmal in noch kleineren Shops.

1200 Kilometer gelten als Sprint

Von welchen Distanzen sprechen wir, wenn es um Ultraradrennsport geht? "1200 Kilometer am Rad sind in der Ultraradbranche nur eine Sprintdistanz", sagt Riese und muss schmunzeln. Ein Monat Regeneration nach einem Rennen ist Pflicht. Riese will heuer statt fünf Rennen (2021) nur drei große Rennen bestreiten. Dieses Jahr nimmt er das Transcontinental Race quer durch Europa, ebenso wie ein Rennen in Afrika, das ihn von Südafrika nach Namibia führen wird, in Angriff. Weitere sportliche Ziele für die Zukunft sind die "Tour de White Divide" - dabei geht es von Kanada bis an die mexikanische Grenze - oder Expeditionen in Richtung Polarkreis bzw. Antarktis. Auch Südamerika reizt ihn. Pläne und Visionen hat Riese also genügend!

 
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Aufgerufen am 23.05.2022 um 08:08 auf https://www.sn.at/leben/es-ist-einfach-eine-riesige-reiselust-da-119292448

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