Leben

Freestyl-Snowboarder in Schnee und Luft

Vor 60 Jahren von Surfern entwickelt, die sich im Schnee ausprobieren wollten, ist Freestyle-Snowboarden mittlerweile olympisch. Coach Friedl May und seine Athleten bereiten sich auf die Olympischen Winterspiele vor.

Freiheitsgefühl beim Freestyle-Snowboarden. SN/andri kaufmann janutin/prime park sessions/theo acworth
Freiheitsgefühl beim Freestyle-Snowboarden.

Wenn Leon Gütl sich sein Snowboard anschnallt und damit durch die Lüfte wirbelt, dann spürt der 20-Jährige noch immer das Gefühl von Freiheit und Abenteuerlust. Ein Gefühl, das ihn seit elf Jahren am Snowboarden fasziniert - und ihn heute zum Berufssnowboarder macht. Der gebürtige Salzburger und Österreich-Deutsche ist Teil des deutschen Snowboard-Nationalteams. Sein Bereich: Freestyle. Anders als in anderen Wintersportdisziplinen, bei denen auf Zeit gefahren wird, liegt der Fokus beim Freestyle-Snowboarden auf möglichst kreativen und kunstvollen Bewegungen.

"Mich fasziniert die Freiheit und die Verspieltheit beim Freestyle-Snowboarden." Friedl Mayr, Freestyle-Snowboard-Coach

Gütl ist viel auf Ski unterwegs, als er in Obertauern zum ersten Mal auf die Snowboardszene aufmerksam wird. "Ich habe gesehen, dass da Leute sind, die etwas anderes machen, als einfach nur die Piste herunterzufahren. Das hat mich neugierig gemacht", berichtet er. Gütl probiert es aus, auf einem statt auf zwei Brettern zu fahren. "Es war ein Gefühl wie verliebt sein. Ich wollte nichts anderes mehr machen. Das ist bis heute so." Im Herbst 2013 nimmt Gütl gemeinsam mit seinem Freund Noah Vicktor an einem Wettkampf am Berg Götschen bei Bischofswiesen teil. Dort trifft er zum ersten Mal auf Friedl May, der gerade als Coach im deutschen Snowboard-Freestyle-Nationalteam begonnen hat. May ist zu diesem Zeitpunkt auf der Suche nach Athleten - und findet sie in Gütl und Vicktor. Gemeinsam mit Annika Morgan und Leon Vockensperger sind sie im Jahr 2013 das neue Nachwuchsteam von Snowboard Germany.

Sprünge, Hindernisse und Abenteuer

Backside Double Cork 1080, Cab 1260 Indie Grab und Backside 180 Japan Grab - so lauten nur ein paar der Tausenden an Trickvariationen, die Freestyle-Snowboarder auf dem Brett absolvieren. Während Begriffe wie Backside, Cab und Indie Grab die verschiedenen Details der Tricks benennen, bezieht sich die Zahl auf die Anzahl der Saltos und Rotationen, die der Fahrer in der Luft ausführt. "Eine ganze Umdrehung sind 360 Grad, und alle Umdrehungen werden dann addiert", erklärt May. Bei einem einzigen Sprung können das bis zu fünf dieser Umdrehungen sein. Die Sprünge seien ein entscheidender Teil des Freestyle-Snowboardens, aber nicht der einzige. "Auch das Überwinden von Hindernissen auf möglichst kreative Weise gehört dazu."

Das Freestyle-Snowboarden unterteilt sich in mehrere Subkategorien, von denen drei Teil der kommenden Olympischen Winterspiele sein werden: Halfpipe, Slopestyle und Big Air. Während bei Halfpipe die Athleten durch eine abwärtsgeneigte halbe Röhre fahren und an den Seiten senkrecht herausspringen, um an der gleichen Stelle wieder zu landen, ist beim Big Air nur ein großer Sprung von einer hohen Schanze zu bewältigen. Slopestyle wiederum meint einen Parcours aus Hindernissen, den die Snowboarder möglichst kreativ und technisch anspruchsvoll absolvieren sollen.

Das Training findet nicht nur am Snowboard statt

May trat früher selbst bei Wettkämpfen an und wechselte vor neun Jahren die Seiten vom Athleten zum Coach. Die Nachwuchsathleten von damals betreut er noch immer. Diese sind nun erwachsen und konnten bereits einige Erfolge einfahren. Zuletzt wurde Vockensperger Zweiter beim in der Szene bedeutenden Worldcup im Schweizer Ort Laax. Seine Faszination für den Snowboard-Sport hat sich May auch nach 25 Jahren auf dem Brett bewahrt. "Mich fasziniert beim Freestylen vor allem die Freiheit und die Verspieltheit, mit der man mit den unterschiedlichsten Geländevariationen, Hindernissen und Schanzen umgeht", erzählt der 37-Jährige. Zudem biete die Disziplin ein enorm abwechslungsreiches Training. "Wir fahren nicht nur Snowboard, sondern wir hüpfen Trampolin, gehen wakeboarden, skaten, surfen und machen klassisches Athletiktraining." Allerdings habe sich das Training gerade in der jüngsten Zeit stark spezialisiert. So gebe es nun mit den sogenannten Landing Bags - einer Schanze, von der man auf ein riesiges Luftkissen springt - die Möglichkeit, auch im Sommer sehr präzise die Sprünge im Winter zu imitieren.

Experimentierfreudige Surfer im Schnee

Es waren Surfer, die in den 1960er-Jahren beschlossen, nicht nur Wellen zu reiten, sondern auch beschneite Berge. Kurzum wurden Surfboards umfunktioniert und eine Schnur an der Nase der Bretter befestigt, um diese durch den Schnee zu lenken. Ein abenteuerliches Snowboarden ohne Bindung und auf Boards, die für das verschneite Gelände bedingt geeignet waren. Mit den Jahren entwickelten sich die ersten richtigen Snowboards mit Bindung. Bereits in dieser Zeit sei das Freestyle-Snowboarden untrennbar mit dem Brett verbunden gewesen, berichtet May. "Surfer absolvieren ihre Schwünge und Sprünge auf den Wellen und haben diesen Entdeckerdrang auf immer neue Tricks auch in den Schnee gebracht. Es war von Anfang an nicht das Ziel, auf dem Brett einfach nur die Piste herunterzufahren."

Lange Zeit bleibt die Szene des Freestyle-Snowboardens unter sich. Die Wettkämpfe, bei denen wilde Sprünge und Hürden absolviert werden, finden - wenn auch in öffentlichen Skigebieten für jedermann zugänglich - wie in einer eigenen Welt statt. 1998 ist es dann so weit: Das Freestyle-Snowboarden ist erstmalig eine olympische Disziplin. Das Mehr an internationaler Aufmerksamkeit sei seit damals zwar spürbar. Doch noch immer sei die Freestyle-Snowboard-Welt eine ganz eigene. Es sei ein wertschätzender und sich gegenseitig unterstützender Umgang, den die Athleten in dem Sport pflegten, beschreibt May. "Die Disziplin zeichnet sich dadurch aus, dass auch die anderen Wettkampfteilnehmer es bejubeln, wenn du etwas Cooles schaffst."

Nächstes Ziel: Olympische Winterspiele

23 Athleten und fünf Coaches zählt das Freestyle-Team von Snowboard Germany. Gemeinsam mit vielen anderen Wintersportdisziplinen trainieren sie am Zentrum in Berchtesgaden, das mit einer eigenen Privatschule jungen Athletinnen und Athleten die Möglichkeit bietet, Leistungssport und Unterricht zu kombinieren. Gütl, Vicktor, Morgan und Vockensperger zählen zu den dienstältesten Athleten und sind im Worldcupteam. Als solches haben die vier im Februar 2022 zum ersten Mal die Chance, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. "Das hängt von unserem Erfolg bei den nächsten fünf Wettkämpfen ab", so May, "das Wichtigste ist und bleibt aber der Spaß."

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