Gesundheit

Der Arzt muss den Patienten anrühren

Der Patient schildert seine Beschwerden, der Arzt schaut in den Computer - und erstellt die Diagnose und die Therapie-Verordnung. Das ist, ein wenig zugespitzt, eine technisierte Medizin, die nicht mehr "be-handelt".

Der Arzt muss den Patienten anrühren SN/Gina Sanders - Fotolia
Der vertrauensvolle Blick und die Nähe sind das Herz einer menschlichen Medizin. 

Wir erleben eine großartige wissenschaftliche Entwicklung der Medizin. Trotzdem klagen Patienten wie auch Ärzte und Pflegepersonal. Was ist schiefgelaufen und wie kommen wir wieder zu dem so grundlegenden Vertrauensverhältnis von Arzt und Patient?

1. Worüber sich Patientinnen und Patienten beklagen:
Wir werden älter als früher, damit stellen sich aber auch mehr Schmerzen aller Art, vor allem Einschränkungen des Bewegungsapparats, ein. Chronische Leiden wie Arthritis u. Ä. kann man immer noch nicht richtig behandeln. Von neurologischen Beschwerden ganz zu schweigen. Am Ende droht die Demenz.

So erfreulich es ist, dass man viele Krebsarten wirksamer behandeln kann als früher, so wenig weiß die Medizin gegen die Nebenwirkungen der Chemotherapie zu tun.

Viele Patientinnen und Patienten beklagen, dass Ärzte, Schwestern und Pfleger zu wenig Zeit für sie hätten, weil sie jeden Handgriff dokumentieren müssten und daher statt am Krankenbett hinter dem Computer sitzen. Dazu kommt die Erfahrung, "dass der Arzt mich kaum anschaut und mir nicht aufmerksam zuhört, weil seine Aufmerksamkeit dem Computer oder dem Ultraschallbild gehört".

2. Worüber sich Ärztinnen und Ärzte beklagen:
Ebenso wie die Patienten leiden Ärztinnen und Ärzte an ihrer ständigen bürokratischen Überforderung. Viele würden lieber mehr Zeit am Krankenbett verbringen als hinter dem Computer. Dazu kommt der bedrückende Zwang zur "Absicherungsmedizin", die vor allem darauf ausgerichtet ist, nur ja nichts zu übersehen. Diese defensive Medizin hat sich daraus entwickelt, dass Ärzte in den USA von Patienten geklagt wurden, weil sie ihren Zustand angeblich nicht ausreichend abgeklärt hätten.

Viele Patienten konfrontieren den Arzt auch mit konkreten Forderungen, welche Untersuchungen sie benötigten, weil es der Nachbar geraten hat. Vielfach wird "Doktor Google" befragt, bevor man dem eigenen Arzt vertraut. Manche Patienten drohen, den Arzt zu wechseln, wenn man ihre Ansprüche nicht erfüllt.

3. Was in der Medizin trotz großartiger Entwicklungen schiefgelaufen ist
Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass das Herz der Medizin, die innige Beziehung zwischen Arzt und Patient sowie Pflegepersonal und Patient, gelitten hat. Es ist das Bewusstsein verloren gegangen, dass sich ein Mensch in seiner ganzen Existenz bedroht fühlt, wenn er krank wird. Die Krankheit reißt ihn von heute auf morgen aus seinem Alltag heraus und macht ihn zum Patienten. Dadurch tauchen aus dem Unbewussten jene bedrohlichen Gefühle auf, die ihn schon das ganze Leben entmündigt haben. In der Akutsituation versetzen diese Gefühle ihn zurück in das Stadium des unmündigen, seelisch verletzten Kindes.

Der Patient braucht daher Ärzte, Schwestern und Pfleger, die ihn liebevoll auffangen und ihm Leitfigur sind. Er braucht das beruhigende Zuhören, das Anschauen, die Zuwendung mit allen Sinnen und das genaue Untersuchen der Art, wie es das Wort "be-handeln" ausdrückt.

4. Wie wir die Wissenschaft und die Würde in der Medizin retten können
Zu Recht will niemand auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse der modernen Medizin verzichten. Wie kann also eine Medizin betrieben werden, die diesen Schatz pflegt und zugleich die Würde jedes einzelnen Patienten achtet?

Mir scheint es vorrangig, dass der Arzt wieder eine genaue Anamnese erhebt - inklusive Abtasten, Abklopfen und Abhorchen mit dem Stethoskop, um etwa Herzfehler, Lungenentzündung oder Leberzirrhose mit Wasser im Bauch sofort zu erkennen. Das ist die Basis für das Vertrauen zwischen Arzt und Patient. Wiederholt sollten diese exakte körperliche Untersuchung und das stets neue Gespräch darüber mit dem Patienten gepflegt werden. Erst darauf aufbauend kommen Labor, Röntgen und andere technische Hilfsmittel zum Einsatz.

Notwendig ist es auch, die Angehörigen in den gesamten Heilungsverlauf einzubeziehen, weil das familiäre Klima Geborgenheit gibt. Und bitte alles auf Augenhöhe! Das schafft Vertrauen und erspart eine Absicherungsmedizin, die für die Gesellschaft teuer und für den Patienten belastend ist. Eine menschlich ausgeübte Medizin macht den Patienten dagegen mündig, lässt das gegenseitige Vertrauen wachsen, hält Haus mit den finanziellen Ressourcen und ist für alle Beteiligten befriedigender.

Quelle: SN

Aufgerufen am 24.09.2018 um 10:12 auf https://www.sn.at/leben/gesundheit/der-arzt-muss-den-patienten-anruehren-1052656

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