Gesundheit

Die Wissenschaft blickt in die Tabuzone des Mannes

Warum Männer öfter pinkeln und regelmäßig Sex haben sollen - zur Not mit sich selbst. Über männliche Tabuthemen sprachen die SN mit dem Urologen und Buchautor Markus Margreiter.

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Die Probleme der Männer mit ihrer Sexualität nehmen zu. Bereits jeder vierte Mittvierziger klagt über Erektionsprobleme. Was sind die Gründe? Und warum sollten Männer täglich an die Prostata denken? Der Wiener Urologe und Androloge Markus Margreiter liefert Antworten.

Um Gesundheit, Kraft und Potenz des Mannes geht es auch in Markus Margreiters Buch „Mann 2020“, soeben erschienen im Verlag edition a.  SN/lukasbeck.com
Um Gesundheit, Kraft und Potenz des Mannes geht es auch in Markus Margreiters Buch „Mann 2020“, soeben erschienen im Verlag edition a.

Viele Männer meiden den Urologen wie der Teufel das Weihwasser. Warum fürchten sich die Männer vor Ihnen? Margreiter: Ein Grund ist: Der Mann ist nicht gewohnt, zum Arzt zu gehen. Frauen haben von Jugend an regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim Gynäkologen, die zweifelsohne genauso unangenehm oder auch unangenehmer sind als die beim Mann. Ein zweiter Grund ist, dass der Urologe in der Vergangenheit immer sehr mit dem Thema Prostatakrebs und einer unangenehmen und schambehafteten Tastuntersuchung in Verbindung gebracht wurde. Dabei handelt es sich jedoch um eine völlig harmlose Untersuchung.

Haben sich die Leiden, mit denen die Patienten zu Ihnen kommen, im Lauf der Jahre gewandelt? Definitiv. Ein Thema, das in letzten Jahrzehnten sicher zugenommen hat, ist, dass viel mehr Männer, auch in jüngerem Alter, über Erektionsstörungen klagen. Laut einer deutschen Studie aus dem Vorjahr, bei der mehr als 10.000 Personen untersucht wurden, stellte man fest, dass ein Viertel der Männer im Alter von 45 Jahren bereits erektile Dysfunktionen aufweist. Das heißt, diese Männer haben über mehrere Monate anhaltende Probleme, eine Erektion zu erreichen oder aufrechtzuerhalten. Die Hälfte dieser 25 Prozent hat sogar mittlere bis schwere Erektionsstörungen.

Was sind die Gründe? Die Studie zeigte, dass es auch einen Anstieg an krankheitsfördernden Lebensumständen gab: Bluthochdruck, Übergewichtigkeit, vermehrt Blutfette und Stress. Ein Grund ist auch, dass es einen leichten Trend gibt, Tabuthemen wie Erektionsstörungen anzusprechen.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch über Penislängen. Wie oft kommen Patienten mit solchen Themen zu Ihnen? Die Penislänge ist ein Thema, mit dem Männer seltener zum Arzt gehen. Hier wird sehr viel Information über das Internet bezogen. Meist handelt es sich um subjektive Veränderungen. Nur bei wenigen Männern besteht ein echter Mikropenis (kleiner als sieben Zentimeter), wodurch ein normaler Geschlechtsverkehr schwer möglich ist. Diesen Männern kann operativ geholfen werden, um die Funktionalität wieder herzustellen.

Die Vasektomie wird immer populärer - die Durchtrennung der Samenleiter. Männer lassen sich also freiwillig sterilisieren. Wie passt das mit dem Kult um die Manneskraft zusammen? Ich würde es nicht als Widerspruch sehen. Was man sehen muss, ist, dass Männer vermehrt Verantwortung für die Verhütung übernehmen, zum Beispiel, weil die Frau keine Hormone mehr nehmen möchte oder weil Paare schon Kinder haben und die Frau noch in fruchtbaren Jahren ist.

Sie schreiben, Männer sollten jeden Morgen zu ihrer Prostata sagen: "Du bist ein großartiges Organ, ich bin stolz, dass ich dich habe." Warum eigentlich? Ich wollte das Thema Prostata enttabuisieren und positiv besetzen. Wenn man sich regelmäßig bewusst ist, dass man so ein Organ hat und dieses Organ einen großartigen Dienst leistet, wird man es mehr hegen und pflegen. Alles, was man nicht beachtet, macht oftmals umso mehr später Probleme.

Die Prostata pflegen? Wie? Auf der einen Seite gilt die generelle Empfehlung, dass eine gesunde Lebensführung die beste Vorsorge für die Prostata ist. Dazu zählen eine ausgewogene Ernährung und körperliche Aktivität. Studien zeigen, dass regelmäßige Bewegung in Kombination mit gezieltem Beckenbodentraining Beschwerden beim Harnlassen verbessern, die Erektion gut erhalten und Prostatakrebs vorbeugen kann.

Mittlerweile wurde nachgewiesen, dass Männer im Alter zwischen 20 und 50, die mehr als 20 Ejakulationen pro Monat haben, ein geringeres Prostatakrebsrisiko haben. Wie kommt das? Regelmäßige Ejakulationen haben laut Studien tatsächlich einen präventiven Effekt im Zusammenhang mit Prostatakrebs. Der Grund dafür ist jedoch noch nicht geklärt.

Heißt das in anderen Worten: Jeder sollte sich aus gesundheitlichen Gründen notfalls auch zum Sex zwingen? Zwingen ist das Schlechteste. Ich würde es umdrehen und sagen: Regelmäßiger Sex gehört zu einem normalen und gesunden Leben dazu. Das heißt nicht, dass man jedem 45-jährigen Mann aufoktroyieren muss, dass er jeden zweiten Tag eine Ejakulation haben muss. Wenn man aber überhaupt keine Lust mehr auf Sexualität hat, dann sollte man hinterfragen, warum das so ist. Oder mit dem Arzt reden. Es kann zum Beispiel sein, dass der Stress-Level zu hoch ist. Aber ich habe das größte Verständnis, dass es Phasen gibt, in denen so etwas auftritt. Oftmals sind gestörte Sexualfunktionen auch ein erster Indikator, dass körperlich oder psychisch etwas aus der Balance ist.

Sie betonen auch, dass man richtig - nämlich entspannt - pinkeln soll. Und lieber öfter, als zu lange abzuwarten. Das Entscheidende ist: Man sollte schon von Kindesalter an auf die körperlichen Bedürfnisse achten. Wenn die Blase sagt: "Bitte auf die Toilette gehen" und man im Lauf der Zeit aufhört, darauf zu hören, kann das zu Problemen führen. Auch in manchen Berufen ist es so, dass man nicht jederzeit auf die Toilette gehen kann. Das sind dann oft die Männer, die in späteren Jahren kommen, weil ihre Blase starken Schaden genommen hat. Das andere ist: Man sollte sich beim Pinkeln entspannen, damit die Muskulatur des Beckenbodens entspannen kann, sodass die Entleerung normal funktioniert.

Das Sexualhormon Testosteron nimmt beim Mann ab dem 40. Lebensjahr stetig ab. Was raten Sie eigentlich Männern, die auch noch in höherem Alter fit, agil und potent bleiben wollen? Das einfachste Rezept ist eine gesunde Lebensführung und die Vermeidung von Übergewicht, Bewegungsmangel, Stress, Rauchen und zu viel Alkohol. Natürlich auch, rechtzeitig und präventiv zum Arzt zu gehen. Heute können wir mit regenerativen Maßnahmen viel machen, sodass man mit modernen Therapien das Sexualleben und die Hormone wieder in Einklang bringen kann.


Aufgerufen am 20.01.2022 um 05:17 auf https://www.sn.at/leben/gesundheit/die-wissenschaft-blickt-in-die-tabuzone-des-mannes-78131329

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