Gesundheit

Hospiz - "Wir reden hier viel mehr übers Leben"

Ein Hospiz wird vor allem mit Sterben assoziiert. Die Erfahrungen der Betroffenen sind ganz anders.

Hospiz - "Wir reden hier viel mehr übers Leben" SN/haimerl
„Das Schicksal gemeinsam tragen“, sagt Maria Haidinger, Hospiz-Bewegung.

Die erste wissenschaftliche Studie über das Tageshospiz Kleingmain in Salzburg hat zwei Säulen der Hospizarbeit bestätigt: die professionelle medizinische Betreuung vor allem in der Schmerztherapie und die Erfahrung, dass man sich im Hospiz ohne Tabus mit Menschen in derselben existenziellen Situation austauschen kann.

Wie wichtig es ist, zunächst die belastenden körperlichen Symptome in den Griff zu bekommen, hat eine Patientin mit Hirntumor bei einem Interview für die Studie so ausgedrückt: Die passende Einstellung der Schmerztherapie im Tageshospiz sei für sie "das Wunderbarste", weil es "so eine Erleichterung ist, wenn man nicht weh hat".

Die Leiterin der Studie, Sabine Pleschberger vom Institut für Pflege- und Versorgungsforschung in Wien, sieht das Tageshospiz als "einen Ort, in dem ein Stück Sicherheit und Vertrauen wiedergewonnen werden können". Betroffene sagten bei der Befragung, es gebe im Hospiz "ein paar Dinge, die angenehm sind, und zwar, dass du im Hinterkopf immer weißt, dass dir geholfen wird". Das allein sei viel wert, zumal man es fast immer mit denselben Ansprechpartnern zu tun habe. Über diese Beständigkeit der Beziehung sagte ein Patient: "Die Schwestern, die wissen ziemlich genau, wenn sie dir in die Augen schauen, wie es dir heute geht."

Schwerst kranken Patientinnen und Patienten geht es dabei auch um ein Vertrauen ins Leben. Eine gängige Reaktion, die mit "Hospiz" verbunden wird, lautet: "Nein, zum Sterben bin ich noch nicht." Bei den Interviews für die wissenschaftliche Studie haben Betroffene daher mehrfach unterstrichen, wie überrascht sie gewesen seien, dass ein Hospiz kein Ort sei, in dem vorrangig über das Sterben gesprochen werde. Ein Patient sagte dazu: "Mir hat im Tageshospiz mächtig imponiert, als ich das erste Mal dort war, dass gesagt wurde, über das Sterben reden wir nie, außer wenn jemand darüber reden will, aber wir reden viel über das Leben."

Die wissenschaftliche Untersuchung über das Tageshospiz Kleingmain bestätigt damit Aussagen in internationalen Studien, wonach Menschen mit fortgeschrittener Erkrankung wenigstens zeitweise der Patientenrolle entkommen möchten. Dies führe zu einem gesteigerten Selbstwertgefühl. Ein vorrangiger Nutzen von Tageshospizen ist aus Sicht der Patientinnen und Patienten auch, dass sie dort in einem unterstützenden und fürsorglichen Rahmen alles, was sie bedrängt, mit Menschen in ähnlicher Lebenssituation bereden könnten. In einem Hospiz entstehe eine "Community von gleich Betroffenen und gleich Gesinnten". Das steigere den Selbstwert und verringere Ängste.

Die Ärztin und Obfrau der Hospiz-Bewegung Salzburg, Maria Haidinger, spricht von der Erfahrung, "dass ich mein Schicksal gemeinsam mit anderen tragen kann". Dazu gehöre auch, "alles aussprechen zu dürfen oder auch etwas ablehnen zu dürfen". In der häuslichen Pflege hätten Betroffene oft eine Scheu, ihren Angehörigen zu sehr zur Last zu fallen. "Sie versuchen, ihre Angehörigen zu schützen und ihnen nicht alle körperlichen Schmerzen oder seelischen Nöte aufzuladen. Im Hospiz können sie darüber ungezwungen reden."

Eine Schlussfolgerung aus der wissenschaftlichen Studie sei, dass im Hospiz Kleingmain noch mehr auf die Kontinuität der Betreuung und Begleitung geachtet werden soll, sagt Obfrau Haidinger. "Wir versuchen die Dienste so zu organisieren, dass jeweils eine ehrenamtliche Begleitperson für zwei Patienten zur Verfügung steht."

Hospiztag in St. Virgil, Donnerstag, 23. Oktober, 9.00 bis 17.30 Uhr, zum Thema "Trauer und Trost". Vortrag von Barbara Pachl-Eberhart: Lebendig ist, wer einmal stirbt.
Tageshospiz Kleingmain, Offene Tür, Samstag, 25. Oktober, 10.00 bis 15.00 Uhr, Buchholzhofstraße 3a, Salzburg Morzg.

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