Gesundheit

Neurofeedback trainiert das Gehirn

Ängste, Süchte, Unruhe, Aufmerksamkeitsdefizite - man kann diesen Problemen ohne Medikamente beikommen. Auch in Salzburg wird Neurofeedback mit ersten Erfolgen angewandt.

Die Salzburger Psychologin Elisabeth Adleff bietet in ihrer Praxis "Neurofeedback Infralow-Training" an. Das ist ein Training mit dem das Hirn lernt sich in Bezug auf das formulierte Anliegen (sei es ADHS, Migräne, Depression, Süchte usf) neu und damit anders zu organisieren als bisher. SN/Christian Sprenger
Die Salzburger Psychologin Elisabeth Adleff bietet in ihrer Praxis "Neurofeedback Infralow-Training" an. Das ist ein Training mit dem das Hirn lernt sich in Bezug auf das formulierte Anliegen (sei es ADHS, Migräne, Depression, Süchte usf) neu und damit anders zu organisieren als bisher.

Elisabeth Adleff hält in ihrer Salzburger Praxis einen Styroporkopf in der Hand, auf dem kleine hellgrüne Gumminoppen kleben. Damit veranschaulicht sie dem interessierten Besucher, wie Neurofeedback angewandt wird.

Die Noppen markieren jene Stellen auf dem Kopf, an denen - beim "echten" Menschen - Sensoren aufgeklebt werden. Es ist im Prinzip wie bei einem EEG beim Neurologen: Die Kontakte erfassen Gehirnströme, diese werden an einen Computer weitergeleitet und auf einem Bildschirm dargestellt.

Der Patient betrachtet nun diesen Bildschirm, ja: er muss es sogar, es ist ein wesentlicher Teil der Therapie. Er sieht allerdings keine Wellenlinien oder andere Diagramme auf dem Display.

Er sieht, wie seine Gehirnströme beispielsweise ein Raumschiff durch einen Tunnel steuern. Je nach Intensität der Gehirnaktivität ändert sich die Geschwindigkeit des Raumschiffs, die Breite oder die Farbe des Tunnels. Das Raumschiff ist nur eine von vielen grafischen Darstellungen, für Kinder gibt es spezielle Programme.

Mit Raumschiffen sind die Patienten in ihrer realen Welt natürlich nicht konfrontiert. Diese Menschen leiden an Migräne, Depressionen, Süchten, Ängsten oder Aufmerksamkeitsstörungen. Aber es gibt auch andere.

Elisabeth Adleff: "Ich arbeite seit Jahren im Coachingbereich. Mit dem Neurofeedback Peak Performance Training optimieren Führungskräfte ihre Leistungen, sind konzentrierter, aufmerksamer und emotional stabiler."

Mit Neurofeedback kann der Patient sein Gehirn so trainieren, dass es sich gleichsam anders organisiert. Dies geschieht völlig ohne Medikamente. Motivation und Trainingsfleiß sind dabei unumgänglich. Ein, besser zwei Mal die Woche soll trainiert werden.

Auch Menschen mit ADHS profitieren von dieser Methode: In einer deutschen ADHS-Studie wurde Neurofeedback mit Ritalin verglichen. "Die Wirkung auf Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Konzentration war in etwa gleich", fasste das Magazin "Geo" (04/15) die Ergebnisse zusammen.

Zwei Jahre nach Ende der Therapie habe sich bei der Hälfte der Behandelten die Störung nicht mehr diagnostizieren lassen. Auch Epileptiker seien in der Lage, Anfällen vorzubeugen.

Die genaue Zahl jener, die etwa in Salzburg von der Aufmerksamkeitsstörung ADHS betroffen sind, kennt niemand. Der allgemeine Prävalenz-Wert für ADHS beträgt im Schul- bzw. Vorschulalter etwa fünf Prozent. Nimmt man diesen zum Maßstab, wären es im Land Salzburg bei rund 100.000 unter 18-Jährigen zirka 5000 Mädchen und Burschen.

Um deren vor allem im Unterricht störende "Zappeligkeit" im Zaum zu halten, wird ihnen oft das nicht unumstrittene Präparat Ritalin verabreicht.

Der Grundgedanke des Neurofeedback ist nicht neu. Als einer der historischen Vorläufer gilt der russische Arzt und Nobelpreisträger Iwan Pawlow, der 1905 experimentell mit einem Hund die "klassische Konditionierung" nachgewiesen hat.

In den 1970er-Jahren erfuhr das Verfahren vor allem in den USA basierend auf dem Biofeedback methodische Verfeinerungen, führte aber wegen der massenhaften Markteinführung chemischer Psychopharmaka ein Schattendasein.

Neurologen wie das US-amerikanische Forscherehepaar Siegfried und Susan Othmer blieben jedoch beharrlich am Ball. Sie entwickelten das sogenannte Infralow-Training (ILF).

Beim ILF-Training wird nicht versucht, von bestimmten Frequenzen willentlich mehr oder weniger zu produzieren, sondern es geht darum, dem Gehirn spezifische Parameter aus dem niedrigen Frequenzbereich wie in einer Art Spiegel zu präsentieren, damit es den eigenen Erregungslevel selbstorganisatorisch besser regulieren kann.

Die Mühe lohnte sich. In jüngster Vergangenheit erfuhr Neurofeedback ein Revival, Image-Schübe kamen aus dem Spitzensport. Von ihrer Arbeit mit Athleten weiß auch Elisabeth Adleff, dass Neurofeedback nicht mit einer einmaligen Trainingssitzung erledigt ist: "Jeder hat alles in sich, trägt alles in sich, um sich selbst zu helfen. Man muss es eben nur zutage fördern."

Für eine Sitzung muss der Patient/Klient mit etwa 100 Euro rechnen. Von der Krankenkasse gibt es keine Rückvergütung, weil es sich um keine gesetzlich anerkannte Therapie handelt.

Bis diese Methode vor dem Gesetz - und damit auch vor den Krankenkassen - besteht, wird es also noch dauern. Aber darum haben die Psychotherapeuten selbst lange ringen müssen.

Sportler und ihre Betreuer haben mit mentalem Training weniger Berührungsängste. Die italienische Fußballnationalmannschaft beispielsweise machte Erfahrungen mit Neurofeedback. Dokumentiert ist das etwa aus 2006. In jenem Jahr gewann die "squadra azzurra" die Weltmeisterschaft.

Aufgerufen am 13.11.2018 um 05:59 auf https://www.sn.at/leben/gesundheit/neurofeedback-trainiert-das-gehirn-589006

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