Gesundheit

Ruhende Zellen lassen sich gezielt entfernen

Forscher nennen solche Zellen "seneszent". Sie können nach Krebstherapien Schaden anrichten. Laborversuche lassen hoffen.

Wieder ein Schritt vorwärts im Kampf gegen Krebszellen. SN/stock.adobe.com/christoph burgstedt
Wieder ein Schritt vorwärts im Kampf gegen Krebszellen.

Sie haben einen für Laien etwas sperrigen Namen, doch sie sind vielversprechend für künftige Krebstherapien: die seneszenten Zellen.

Als Seneszenz bezeichnet man das biologische Phänomen, dass die meisten Zellen von Wirbeltieren nach einer bestimmten Zahl von Zellteilungen oder als Reaktion auf Stress ihr Wachstum einstellen. In den 60er-Jahren beobachtete der US-Gerontologe und Mikrobiologe Leonard Hayflick im Labor, dass sich Vorläufer-Bindegewebszellen höchstens 50 Mal teilen. Danach fallen sie in ein Ruhestadium, in dem sie keinen Nachwuchs mehr produzieren. Forscher sprechen daher von "Seneszenz". Dies ist ein Schutzmechanismus. Ist die Erbinformation einer Zelle irreparabel geschädigt, löst das Schadenssignale aus. Sie spult dann ein Zelltodprogramm ab, die Apoptose, oder fällt in den Ruhezustand. Beides verhindert unkontrollierte Vermehrung oder dass defekte Kopien ihrer Gene in Umlauf gelangen.

Seneszente Zellen spielen in der Altersforschung im Hinblick auf Demenzerkrankungen eine Rolle und zunehmend auch in der Krebsforschung, wie Michael Breitenbach, Professor emeritus für Genetik und Mikrobiologie der Universität Salzburg, sagt. Zusammen mit dem Berliner Pharmakologen und Toxikologen Jens Hoffmann hat er ein Buch herausgebracht, in dem internationale Forscher über neue Ansätze berichten, wie man Krebsgeschehen, etwa Entstehung und Entwicklung, verstehen und berechnen kann.

Die seneszenten Zellen sind eines dieser Modelle. "So wie der Körper hat auch fast jeder Tumor seneszente Zellen, die nicht von sich aus schädlich sind, die aber weder durch Chemotherapie noch Strahlentherapie abgetötet werden. Diese übrig gebliebenen Zellen sind oft die Ursache, dass Patienten Rückfälle und Metastasen haben", sagt Michael Breitenbach. Die Zellen können Peptide, hormonartige Substanzen und entzündungsfördernde Zytokine senden, die Nachbarzellen dazu bringen, krebsartig zu werden und sich zu teilen. In Versuchen an Mäusen ist es gelungen, die schädlichen Zellen mittels Gentherapie zu verändern und sie in den Zelltod zu treiben. Über andere Versuche, solche seneszenten Zellen loszuwerden, berichtet Jens Hoffmann: "Eine Idee ist, Immunzellen zu aktivieren, die seneszente Zellen entfernen. Man versucht, Therapien zu kombinieren. Ein erstes Mittel sorgt dafür, dass sich Tumorzellen in seneszente Zellen verwandeln und sich nicht weiter vermehren. In einem zweiten Schritt sollten diese Zellen dann entfernt werden. In Zellkulturen und Mäusen ist das bereits erfolgreich angewendet worden."

Das Buch "Cancer Models", herausgegeben von Michael Breitenbach und Jens Hoffmann, richtet sich an Fachleute. Es ist unter der ISBN 978-2-88945-701-4 erhältlich.

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