Gesundheit

Stallduft ist gesund, Handfön eher nicht

Hygiene ist wichtig. Übertriebene Hygiene schwächt aber unser Immunsystem. Über das richtige Maß im Alltag und warum Ställe so gesund sind und man im Bad zwei Mal "Happy Birthday" singen sollte.

Stallduft ist gesund, Handfön eher nicht SN/bilderbox
Ein gesundes Maß an Schmutz braucht jedes Kind, um ein gesundes Immunsystem zu entwickeln. 


Auf unserer Haut und in unserem Körper befinden sich zig Millionen von Bakterien. Allein auf unserer Stirn tummeln sich 20.000 Keime pro Quadratzentimeter. Die meisten Mikroben dürften wir in der Mundhöhle haben. Ihre genaue Anzahl schreiben wir hier aus Gründen der Appetitlichkeit lieber nicht auf. Oder doch? Na gut: Es sind 10.000.000 Keime pro Milliliter.

Am zweiter Stelle kommen die Unterarme. Und obwohl gelegentlich Menschen dazu aufgefordert werden, sich gefälligst hinter den Ohren zu waschen, siedeln dort die wenigsten Bakterien. Fingerspitze: 20 bis 100 Keime pro cm2. Haare: 20.000 pro cm2. Kurzum: Der Mensch wird ständig mit Millionen von Keimen konfrontiert und sie besiedeln ihn zuhauf. Die meisten davon sind überlebenswichtig, vor allem die im Darm.

"Es ist historisch gar nicht so lang her, da kippten wir den Inhalt der Nachttöpfe einfach aus dem Fenster", schreibt Manfred F. Berger in seinem neuen Buch "Hysterie Hygiene".

Entsprechend oft wurden damals auch Menschen krank und starben. Die Pest war eine spektakuläre, letztlich aber nur eine von vielen Seuchen, die die Menschheit regelmäßig heimsuchten. Berger beschreibt in seinem handlichen Buch die Grundregeln der Hygiene und wie sie entstanden sind. Und er schildert, wie viel übertriebener Unsinn heute im Namen der Hygiene geschehe.

Tatsache ist: Noch nie lebten wir in so hygienischen Zeiten wie heute. In den vergangenen 200 Jahren verdoppelte sich die Lebenserwartung der Bevölkerung in unseren Breiten. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Die moderne Medizin entwickelte das Antibiotikum. Und es gibt sauberes Wasser, das UNO-Generalsekretär Kofi Annan als ein "Grundrecht jedes Menschen" bezeichnet, aber mehr als 70 Prozent der Menschheit nicht haben.

Hygiene wird nicht zu Unrecht sehr ernst genommen. In vielen Fällen aber zu ernst. Manchmal herrscht eine regelrechte Hysterie gegenüber Keimen jedweder Art. Dann schlagen Hygienemaßnahmen nicht selten ins Gegenteil um. Zum Beispiel siedelt auf der Haut eine Unzahl von Mikroben. Sie schützen den Organismus vor Eindringlingen. Wird diese "Standortflora" durch unentwegtes Waschen und Desinfizieren gestört, fällt die Schutzbarriere. Und das wirkt sich ungünstig auf das Immunsystem aus.

Unlängst fanden Forscher heraus, dass auch unser Schweiß eine Art Antibiotikum produziert. Es heißt Dermicin. Diese Substanz wird vom Schweiß aktiviert und tötet gefürchtete Bakterien wie den Krankenhauskeim Staphylococcus aureus, ja sogar Tuberkulose-Erreger, indem es ihre Zellwand zerstört.

Laut Berger aber nimmt der allgemeine Desinfektions- und Waschirrsinn zu. Nicht zuletzt fördert das die Allergien, wie etliche Studien nachweisen. Es scheint, dass eine gesunde Portion Dreck das Immunsystem des Menschen davor bewahrt, wild um sich zu schlagen. Auch das zeigen Studien an Kindern: Hohe Keimkonzentrationen, wie es sie in Ställen gibt, scheinen das Immunsystem besonders gut vorzubereiten. Kinder, die mit keimbelasteter Stallluft oft in Kontakt sind, entwickeln nie oder kaum Allergien.

Der englische Biowissenschafter Matt Sidney weiß eine Erklärung: "In der Steinzeit hatte das Immunsystem reichlich zu tun. Spulwürmer, Bandwürmer, Hakenwürmer und Leberegel mussten unentwegt bekämpft werden. Die Abwehrzellen, die Lymphozyten, hatten keine Zeit, sich um gewöhnliche Katzenhaare oder irgendwelche Milben zu kümmern."

Heute langweilt sich die Abwehrtruppe und das Immunsystem fährt schwere Geschütze gegen solche harmlosen Dinge auf. Doch unsere körpereigene Abwehr ist durchaus lernfähig. Die Lymphozyten erkennen von klein auf, was fremd ist und damit zu bekämpfen. Das kann das Abwehrsystem eben am besten dort, wo es eine hohe Keimdichte gibt.

Der moderne Waschzwang, der von vielen Menschen gepflegt wird, spricht natürlich nicht generell gegen das regelmäßige Reinigen seiner Umgebung und des Körpers, besonders der Hände. Auch dafür gibt es zahllose Studien, die nachweisen, dass durch die richtige Handhygiene die Übertragung von Infektionskrankheiten signifikant reduziert werden kann. Ganz ohne Medikamente.

Allein an den Händen haben Menschen an die 150 verschiedenen Bakterien. Händewaschen gilt aber nur, wenn es mit Seife geschieht. Dabei muss man die Hände gegeneinander reiben und auch die Zwischenräume zwischen den Fingern reinigen. Richtiges Händewaschen dauert 20 Sekunden. Fachleute empfehlen, dabei etwas zu singen. Sein Lieblingslied, oder zwei Mal Happy Birthday. Das dauert etwa so lang.

Doch noch spannender als das Händewaschen ist laut Berger das Abtrocknen der Hände. Auf feuchtem Boden blühen nämlich die allermeisten Mikroben erst so richtig auf. Deshalb sollte man die Hände danach ordentlich abtrocknen. Doch die Handtrockner auf öffentlichen Toiletten sollen denkbar ungeeignet sein. Laut Berger trocknen die Apparate tatsächlich die Hände, verbreiten dabei aber alle Keime im ganzen Raum. Die atmet man beim Trocknen ein.

Berger widmet auch der noblen Stoffserviette einen Abschnitt. Man sollte sie - zumindest im Restaurant - eher meiden, empfiehlt er. Stoffservietten würden meist nicht mit solchen hohen Temperaturen gewaschen, dass alle Keime vernichtet würden, schreibt er. Er weist auch darauf hin, dass man einem Alltagsgegenstand daheim zu wenig Aufmerksamkeit schenkt: dem Putzlappen. Er ist der ideale Wohnort für Mikroben aller Art.

Berger möchte mit seinem Buch keine übertriebenen Ängste schüren. Im Gegenteil. Er versucht zu zeigen, was an hygienischer Vorsorge nötig ist und was man getrost als Propaganda der Putzmittelindustrie einschätzen kann.

Berger Manfred F.: Hysterie Hygiene? Geb., 240 Seiten, 20,40 Euro. Echomedia Buchverlag 2013

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