Gesundheit

Wenn der Rücken nicht mehr mitmacht

Was kann man gegen Rückenschmerzen tun und warum sollte man nur im Notfall operieren?

Chronische Rückenschmerzen sind das Volksleiden Nummer eins. Die Hauptursache dafür ist schnell ausgemacht: Bewegungsmangel. Ein operativer Eingriff an der Wirbelsäule dürfe nur das letzte Mittel der Wahl sein, betont Peter A. Winkler, Chef der Neurochirurgie am Uniklinikum Salzburg, im SN-Interview.

Wird heute zu schnell an der Wirbelsäule operiert? Peter Winkler: Das kann man generell so nicht sagen. Es gibt natürlich verschiedene Gesundheitssysteme in Europa. Im Gegensatz zu Österreich gibt es Länder mit stärkeren wirtschaftlichen Zwängen, wo die Indikationen für eine Operation relativ weit gestellt werden. Wenn jemand starke, chronische Schmerzen hat, wird eher daran gedacht zu operieren. In Österreich ist aber durch die Mischfinanzierung des Gesundheitssystems, 70 Prozent Steuerzahler und 30 Prozent Krankenkassen, der Kostendruck auf die Kliniken nicht so stark wie dort, wo der Großteil des Geldes von den Kassen kommt. Deshalb kann man nicht sagen, dass in Österreich zu viel operiert wird, schon gar nicht in den öffentlichen Krankenhäusern.

Ist in Österreich evaluiert, was Operationen an der Wirbelsäule tatsächlich bringen? Wir operieren erst dann, wenn es nicht mehr anders geht. Um es auf den Punkt zu bringen: Alle anderen therapeutischen Möglichkeiten müssen vorher versucht worden sein. Ich und auch keine(r) meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würde auf die Idee kommen, "nur" aufgrund von Schmerzen zu operieren, wenn sie nicht so stark sind, dass auch die schwersten schmerzstillenden Medikamente nicht mehr greifen.

Wenn neurologische Ausfälle da sind, muss man operieren. Man darf heute kein Defizit mehr in Kauf nehmen. Früher gehörte es dazu, dass man ab einem gewissen Alter mit dem Stock in die Kirche ging. Heute wird das aber nicht mehr akzeptiert.

Rückenschmerzen können die unterschiedlichsten Ursachen haben. Weiß man, wenn eine Operation unumgänglich ist, immer genau, wo die Wurzel des Übels liegt? Das Kreuz mit dem Kreuz, heißt es ja. Bevor operiert wird, muss klar sein, woher der Schmerz kommt. Bei den neurologischen Ausfällen ist das noch klarer. Wenn die Bandscheibe zum Beispiel ausgeleiert ist und sich aus dem Verbund sogar loslöst und im Wirbelkanal liegt, hat der Nerv keinen Platz mehr und wird gegen den Knochen gepresst.

Eine Akutindikation, bei der man auch nachts operieren muss, ist zum Beispiel, wenn es in der Schamregion "bamstig", also "pelzig", wird und die Blase nicht mehr funktioniert. Wird nicht umgehend etwas getan, droht dem Menschen ein Leben mit dem Katheter. Im schlimmsten Fall funktioniert auch die Stuhlentleerung nicht mehr.

Mein Lehrmeister hat gesagt: Die Operation ist immer ein Übel. Aber ein notwendiges Übel, aus der man eine Kunst machen kann. Wir gehen heute mikrochirurgisch an die Wirbelsäule mit der gleichen Sorgfalt heran wie an den Kopf.

Wann ist eine Operation nicht notwendig? Und kann man Bandscheibenvorfälle auch konservativ behandeln? Also wenn ich nur Kreuzschmerzen habe, gibt es andere Methoden. In vielen Fällen kann man durch Ruhe, Stufenbettlagerung und Gehen, Gehen, Gehen viel erreichen. Also möglichst viel Bewegung ist ebenso wichtig wie das Abnehmen.

An der Vorderkante der Bandscheibe haben Sie zum Beispiel beim Skifahren einen Druck bis zu 1000 Kilogramm. Die Bandscheibe muss das als Stoßdämpfer aushalten. Natürlich kann es sie dann einmal nach hinten rauspressen. Aber aufgrund von Schmerzen allein wird so gut wie nie operiert.

Es gibt aber auch vom Eingriff her einfache ambulante Verfahren, mit denen man vorgewölbte Bandscheiben zum Schrumpfen bringen kann. Kann das helfen? In der sogenannten freien Medizinwirtschaft werden solche Verfahren natürlich angeboten. Dazu gehört zum Beispiel die Chemonukleolyse.

Wenn bereits ein sogenannter Sequester vorliegt, können Sie das sofort vergessen. Das heißt, ein Stück hat sich schon vom Bandscheibengefüge verabschiedet, liegt frei im Wirbelkanal und drückt die Nerven zur Seite. Hier muss man eingreifen. Aber sogenannte Protusionen, Vorwölbungen der Bandscheibe, muss man nicht alle operieren. Um Gottes willen, bloß nicht. Wir operieren keine Röntgenbilder, wir machen keine Bildkosmetik, wir operieren Menschen.

Was kann man dann in diesen Fällen machen, wenn eine Operation nicht unbedingt notwendig ist? Erst einmal konservative Therapien über Hausärzte, Physiotherapeuten und Orthopäden - da kann man sehr viel machen. Und noch einmal gesagt: Man muss auch einmal ein gewisses Schmerzniveau übertönen und zum Beispiel trotzdem jeden Tag auf den Mönchsberg gehen. Ich rede jetzt gescheit daher, weil ich das nach einem Zwölf-Stunden-Tag auch nicht schaffe. Aber Bewegung ist ganz wichtig.

Kommen Rückenschmerzen nicht auch von Muskelverhärtungen oder Problemen mit dem Bindegewebe? Ja. Die Faszien, die die Muskelschläuche umhüllen, können natürlich schmerzen. Deshalb sage ich: Es gibt so viele Ursachen für Kreuzschmerzen. Manchmal muss man das ausstehen, viel gehen oder auch vorübergehend medikamentös unterstützend eingreifen. Dann löst sich das wieder. Aber ich bin dagegen, sofort etwas zu machen, vor allem auch minimalinvasiv. Diese Probleme sind mit guten konservativen Ansätzen behandelbar.

Sie haben Bewegung angesprochen: Wie gut entlastet eine kräftige Rückenmuskulatur die Bandscheiben? Sehr. Wir sehen oft Schnittbilder mit weißem Fettgewebe dort, wo Muskeln sein sollten. Wenn man sich nicht bewegt, sackt man in sich zusammen. Wenn man sich mindestens eine halbe Stunde am Tag bewegt, vermeidet man den Teufelskreis, dass irgendwann eine Bandscheibe abschlafft, rausbricht, und dann kommt die nächste und die übernächste und so fort.

Also Bewegung, Bewegung, Bewegung?! Absolut, man soll manchmal auch einen toten Punkt überwinden. Mir sagen oft dicke und vollschlanke Patienten, wenn ich sie zu Bewegung auffordere, dass sie Schmerzen haben und weiter zunehmen, weil sie sich nicht zu körperlicher Aktivität überwinden können. Aber da ist man schon im Teufelskreis drinnen, aus dem man schwer herauskommt. Daher ist es so wichtig, frühzeitig darauf zu achten, dass man nicht in diesen Teufelskreis kommt.

Aber ich sage auch allen Patienten, die wir operieren und die danach schmerzfrei sind: Jetzt nehmen Sie aber bitte auch 20 Kilogramm ab. Schauen Sie, dass Sie die Bauchmuskulatur straffen und die Rückenmuskulatur stärken.

Zu diesem Thema gibt es auch einen Podcast: www.sn.at/podcasts

Aufgerufen am 27.10.2020 um 02:07 auf https://www.sn.at/leben/gesundheit/video-wenn-der-ruecken-nicht-mehr-mitmacht-68293504

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