Gesundheit

Wann hört das endlich auf?

Pollenallergiker können den Frühling kaum genießen. Und viele Ratschläge sind schlicht für die Katz. Warum gibt es noch immer kein Mittel, das vollständig hilft?

Eigentlich könnte man sich nach dem strengen Winter freuen, dass jetzt endlich der Frühling da ist.

Für jeden fünften Österreicher aber hat gerade jetzt die Zeit des größten Leidens im Jahr begonnen. Die ersten Qualen brachten wie immer Hasel und Erle, jetzt ist die Birke im Anflug, später kommen die Gräser dazu: Der Allergiker niest auf Teufel komm raus, die Augen jucken, die Haut kribbelt und viele Pollen-Opfer fühlen sich matt wie bei einem grippalen Infekt.

Warum es dazu kommt, ist schnell erklärt: Das Immunsystem spielt verrückt. Es glaubt, mit den Pollen sei ein böser Feind im Anmarsch. Der Körper schüttet Histamin aus und löst so die allergischen Reaktionen aus, es kommt zu einer Schwellung des umgebenden Gewebes, Sekret wird abgesondert, um den angeblichen Feind zu bekämpfen.

Keine einfache Antwort gibt es jedoch auf die Frage, was dagegen hilft. Stattdessen bekommen die am Blütenstaub Leidenden die immer gleichen Ratschläge:

Tipp 1: Den Kontakt mit den Pollen vermeiden. Klingt einfach. Aber wer will sich schon in der schönsten Jahreszeit in der Wohnung einsperren?
Tipp 2: Antihistaminika besorgen: Diese bremsen die allergischen Reaktionen, manche Medikamente machen aber müde. Und es werden nur die Symptome bekämpft, nicht die Ursache.
Tipp 3: Nasen- oder Augentropfen verwenden. Die bringen starken Allergikern auch keine Erlösung.
Tipp 4: Kortison-Sprays einsetzen: Die sollen zwar stärker wirken, bekämpfen aber ebenfalls nur die Symptome.
Tipp 5: Eine mehrjährige Immuntherapie beginnen. Diese hilft zwar wirklich in vielen Fällen. Allerdings kann die Wirkung nach ein paar Jahren bereits wieder nachlassen - und die quälende Nieserei beginnt von vorn.

Auch Homöopathie und Akupunktur sind alles andere als eine Garantie gegen allergische Reaktionen. Auf den einschlägigen Ratgeberseiten im Internet finden sich darüber hinaus etliche absurde "Weisheiten", die in der Praxis kaum umzusetzen sind. Da lautet etwa ein Ratschlag, man möge doch die Katze, die die Pollen in die Wohnung schleppt, gründlich reinigen (viel Spaß bei der Katzendusche, mehrmals täglich). Oder der Tipp: Flüchten Sie in den Urlaub. Planen Sie in der Pollenhauptsaison einen Urlaub ein. Ab einer Seehöhe von 1500 Metern und am Meer bzw. auf küstenfernen Inseln sind Sie vor den Pollen sicher. Wo man drei, vier Monate Pollensaison-Urlaub hernehmen soll und wer sich in dieser Zeit um die Kinder kümmert, sagen die Experten wohlweislich nicht dazu.

Die ernüchternde Nachricht ist: Eine Medizin, die durchschlagend hilft und alle Leidenden vollständig von den Pollenqualen befreit, gibt es noch immer nicht. Und das, obwohl man schon seit über hundert (!) Jahren mit Impfungen experimentiert. Bereits im Jahr 1911 versuchte ein britischer Forscher, Allergiker zu therapieren, indem er einen Impfstoff aus Gräserpollen in kleinen Dosen einsetzte.

"Im Prinzip macht man heute das Gleiche", sagt Richard Weiss, Leiter der Arbeitsgemeinschaft "Molekulare Impfstoffe und Immuntherapeutika" an der Universität Salzburg. Warum aber gibt es dann noch keinen Impfstoff, der dafür sorgt, dass der Körper nicht mehr allergisch reagiert auf Hasel, Erle, Birke oder Gräser?

Tatsächlich ist die Wissenschaft in der Diagnose schon ziemlich weit. Unzählige Allergene wurden bereits identifiziert - das sind jene Proteine im Pollen, die die allergische Reaktion beim Menschen auslösen. Im Fall der Birke etwa reagieren 60 Prozent der Allergiker gegen ein einzelnes Allergen mit Namen Bet V 1. Was es aber noch nicht gibt, ist ein Wirkstoff, der gezielt gegen diese einzelnen Allergene eingesetzt wird - man spricht in diesem Fall von rekombinanten Allergenen. Warum dauert das so lang?

Ein Grund sei, dass die EU die Zulassungskriterien für Allergie-Impfstoffe verschärft habe, sagt Weiss. Die Pharmafirmen seien momentan damit beschäftigt, Zulassungen für die klassischen Therapien zu bekommen. Da bleibe kaum Geld für die Forschung an neuen Medikamenten. "Eine klinische Studie für die Zulassung eines Extrakts kostet rund zehn Millionen Euro."

An der Medizinischen Universität Wien suchen Wissenschafter ebenfalls fieberhaft nach einem Impfstoff - in diesem Fall nach einem Mittel für Gräserallergiker. Ziel ist es, "ganz spezifisch mit den Allergenen zu impfen, auf die der Patient allergisch reagiert", sagt Allergieforscherin Petra Zieglmayer. Ein Zulassungsverfahren, das mehrere klinische Studien umfasse, dauere aber viele Jahre, weil die Immunsysteme der Patienten und deren Erfordernisse für eine effektive Immuntherapie sehr unterschiedlich seien. Außerdem sei es ein komplexes Unterfangen, Allergene so herzustellen, dass sie "in immer gleicher Qualität" verfügbar seien.
Wann der gesuchte Gräser-Impfstoff auf den Markt kommen wird, ist noch unklar. Vor 2023 sei nicht damit zu rechnen, dass der Zulassungsprozess abgeschlossen sei, sagt Zieglmayer.

Die klassische Immuntherapie ist heute in vielen Fällen zwar durchaus wirkungsvoll. Bei dieser Therapie wird dem Patienten über Jahre ein Pollenextrakt, das die entsprechenden Allergene beinhaltet, in kleineren Dosen eingeimpft oder eingetropft, für Gräserallergiker gibt es mittlerweile auch Tabletten. So soll sich der Körper langsam an die Allergene gewöhnen.

Allerdings stimme der Einwand, dass viele Patienten nach ein paar Jahren wieder zur Auffrischungsimpfung müssten, sagt Weiss. Manche Pollenallergiker kämen auch mit Antihistaminika oder Kortison-Nasensprays einigermaßen zurecht. Starke Allergiker würden auf diese Weise aber nicht beschwerdefrei. "Es gibt nicht die eine Therapie, die allen hilft."

Ähnlich sieht das Thomas Hawranek, Leiter der Allergieambulanz an der Universitätsklinik für Dermatologie an den Salzburger Landeskliniken. Die heute übliche Impftherapie sei "bei sehr vielen sehr wirksam" und die Patienten seien auch dankbar dafür. Die Erfolgsrate liege zwischen rund 60 Prozent (Hausstaubmilben) und etwa 90 Prozent (Pollen). "Impfungen bei Insektengiftallergie sind noch deutlich wirksamer." Mittel, die eine Krankheit zu hundert Prozent beseitigten, seien aber selten.

Vielleicht gibt es irgendwann ein solches schlagkräftiges Mittel für Pollen-Geplagte. Bis es aber auf dem Markt ist, werden noch viele Frühlinge ins Land ziehen.

Aufgerufen am 28.10.2021 um 03:15 auf https://www.sn.at/leben/gesundheit/wann-hoert-das-endlich-auf-69690169

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