Gesundheit

Welt-Alzheimertag: Pflege im Urlauberparadies

Demenzkranke im Ausland betreuen lassen - geht das? Manche nennen das "Export von Pflegebedürftigen". Ein Besuch anlässlich des heutigen Welt-Alzheimertages in dem Dorf Faham in Thailand.

Welt-Alzheimertag: Pflege im Urlauberparadies SN/APA/AFP/SEBASTIEN BOZON
Symbolbild.

"In guten wie in schlechten Zeiten": Nach mehr als 40 Jahren Ehe stand es für die Schweizerin Christine Sugasi (66) außer Frage, dass sie sich selbst um ihren Mann kümmern würde, als der eine Alzheimer-Diagnose erhielt. "Ich bin früher in Rente gegangen, und anfangs ging es, aber nicht lange", berichtet die Frau aus Lausanne.

Ihr Mann hatte extreme Stimmungsschwankungen, wurde unberechenbar. Sie schaute sich Heime an. "Aber es war für mich undenkbar, dass er weggeschlossen wird". Ihr Mann, der die Natur so liebte. Seit Dezember 2014 lebt er im Dörfchen Faham 20 Kilometer nördlich von Chiang Mai in Nordthailand und ist die meiste Zeit des Tages an der frischen Luft. "Er sieht glücklich aus", sagt Sugasi.

Ihr Mann (77) ist Gast bei Martin Woodtli. Der Sozialarbeiter aus der Schweiz hat mit Kamlangchay eine Einrichtung für gut ein Dutzend Langzeitgäste in verschiedenen Demenzstadien geschaffen, die er mit mehr als 40 Mitarbeitern betreut. Er startete vor zwölf Jahren, nachdem er mit seiner eigenen demenzkranken Mutter nach Thailand ausgewandert war. Er kannte das Land von einem früheren Arbeitsaufenthalt und fand die Betreuung für seine Mutter sehr gut.

Jeder Alzheimer-Patient hat drei persönliche Betreuerinnen und damit rund um die Uhr jemanden an seiner Seite. In Thailand ist das bezahlbar. Die Frauen - und ein paar Männer - haben eine mehrmonatige Ausbildung als Pflegehelfer, aber vor allem viel Geduld. Spazierengehen, Schwimmen, Ballspielen, in den Arm nehmen - sie machen, was dem Gast gefällt.

Skepsis gegenüber Betreuung im Ausland

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft betrachtet Betreuungsmodelle im Ausland mit gemischten Gefühlen, sagt Mitarbeiterin Susanna Saxl. Je nach Stadium der Demenz könne es in Einzelfällen funktionieren. Aber für viele Menschen dürften die fremde Umgebung, die Sprache und das Fehlen der Familie problematisch sein. "Die Angehörigen sind ein so wichtiger Faktor für Demenzkranke", sagt sie. "Auch, wenn sie nicht mehr sprechen, sie haben ein gutes Gespür dafür, wie ihnen Menschen gegenübertreten, wie viel Nähe da ist."

Weil Sugasis Mann meist vornübergebeugt sitzt und nach unten blickt, zieht seine Betreuerin Bennie ein winziges Stühlchen heran und setzt sich, um möglichst in seinem Blickfeld zu sein. Sie spricht englisch, wie Christines Mann. "Sehr nett, Sie kennenzulernen", sagt er zu ihr. "Er kann auch sehr aufgebracht sein, dann sieht er sich auf seiner alten Arbeitsstelle und will nicht gestört werden", sagt Bennie (39). "Wir lassen ihn dann, nach ein paar Minuten ist wieder alles gut."

Thailand als Ruheort für Erkrankte

Marco und Pascal Kühnis wussten vor fünf Jahren, dass ihr Vater, damals gerade 56, nicht mehr lange allein leben können wird. Er hatte eine Alzheimer-Diagnose bekommen. Sie suchten in der Nähe von Zürich ein Heim und wollten ihm vorher noch einmal einen Urlaub gönnen. In Thailand. So kamen sie auf Woodtli. Ihr Vater war drei Wochen dort und wollte dann gar nicht wieder weg. "Zuhause saß er nur noch rum, wollte kaum raus, aber hier ist er richtig aufgeblüht", sagt Pascal.

Als sie zurück in der Schweiz waren, entschieden sie: Vater geht nach Thailand. "Anfangs haben wir noch gesagt: Sollte er körperlich krank werden, kommt er sofort zurück", sagt Marco. Aber sie sind inzwischen begeistert von der Pflege in Thailand. "Die Distanz tut natürlich weh", sagt Marco. "Aber wir kommen einmal im Jahr, und dann sind wir zwei Wochen hier, das ist intensiver als würden wir den Vater einmal die Woche kurz in einem Heim in der Schweiz besuchen."

"Export von Pflegebedürftigen" sagen böse Zungen. Woodtli erlebt aber keine Abschiebementalität. "Die Angehörigen sind höchst engagiert." Viele skypen mit den Gästen und kommen regelmäßig zu Besuch.

Es gibt noch einige andere Einrichtungen für ausländische Demenzkranke in Thailand. Im Care Resort in Maerim rund 35 Kilometer nördlich von Chiang Mai bietet der Brite Peter Brown in seiner Hotelanlage Plätze für Langzeitgäste. 16 leben bei ihm, sagt er. Je nach Pflegebedarf hat er Bungalows oder Zimmer in der "Memory Unit" - "Gedächtnis-Einheit", um das Wort Demenz zu vermeiden. Fünf Zimmer gibt es dort mit einem Wohnzimmer in der Mitte, in dem stets Betreuerinnen zur Verfügung stehen.

Während Woodtlis Mitarbeiterinnen in Jeans und Hemd oder T-Shirt arbeiten, tragen die Betreuerinnen bei Brown eine Schwesternuniform mit Häubchen. In Faham leben die Gäste in einem normalen Dorf, die fünf Hektar große Brown-Anlage mit riesigem Garten hat etwas von Sanatorium. Rund 2700 Euro kostet eine Rundum-Betreuung mit Pflegerinnen im Monat, bei Woodtli ist es ähnlich oder etwas teurer.

Weniger neue Fälle von Alzheimer

Millionen Menschen sind an Alzheimer erkrankt, auch mehr als 100 Jahre nach Entdeckung der Krankheit gibt es kein heilendes Medikament. Die Demenzerkrankung Alzheimer gilt als eine der größten medizinischen Herausforderungen unserer Zeit. Doch in den wohlhabenden Ländern gibt es hoffnungsvolle Zeichen. Die Zahl der Neuerkrankungen scheint sich Studien zufolge zu stabilisieren oder sogar zurückzugehen.

"Diese Erkenntnisse sind vielversprechend", sagt Keith Fargo von der US-Alzheimervereinigung. "Sie legen nahe, dass es wirksam sein kann, Risikofaktoren für Alzheimer und andere Demenzerkrankungen zu identifizieren und zu reduzieren."

So zeigt eine im April im Fachmagazin "Nature Communications" veröffentlichte Studie, dass das Alzheimer-Risiko in Großbritannien binnen zwei Jahrzehnten um 20 Prozent sank. Ähnliche Trends zu der Krankheit, die unter anderem durch einen zunehmendem Gedächtnisverlust charakterisiert ist, wurden in den USA, den Niederlanden, Schweden und Spanien beobachtet.

Die Gründe für diese Entwicklung sind nicht ganz klar. Allgemein werden ein gesünderer Lebenswandel und rege Hirnaktivität als positive Elemente aufgeführt. Wissenschafter vermuten, dass ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen - durch weniger Rauchen, weniger Übergewicht, mehr Sport und eine besser Ernährung - auch ein geringeres Alzheimer-Risiko bedeuten könnte. Auch eine Behandlung von Bluthochdruck und hohen Cholesterinwerten scheint das Demenzrisiko zu senken.

Mehrere Studien zeigen zudem, dass rege Hirnaktivität das Risiko einer Alzheimer-Erkrankung reduziert. Das kann durch eine anspruchsvolle Arbeit, Hobbys wie Lesen und Basteln oder durch Kreuzworträtsel und Sudoku geschehen. "Es ist das alte Sprichwort: Wer rastet, der rostet", sagt David Reynolds von der britischen Organisation Alzheimer's Research UK.

Zugleich warnt Reynolds vor dem Weltalzheimertag am Mittwoch, die ermutigenden Zahlen aus den Industriestaaten dürften niemanden in Sicherheit wiegen. "Wir haben die Flut eingedämmt, aber nicht gestoppt."

So würden die Menschen heute in mancherlei Hinsicht zwar tatsächlich gesünder leben als früher - in anderer Hinsicht aber ungesünder. "Diabetes und Fettleibigkeit sind in den vergangenen 20 Jahren schnell angewachsen." Außerdem dürfte es in den Entwicklungs- und Schwellenländern zu einem Anstieg der Alzheimer-Erkrankungen kommen. Einer der Gründe ist die dort steigende Lebenserwartung - das Alter ist der größte Risikofaktor für eine Erkrankung.

Bereits heute leiden laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit 47,5 Millionen Menschen an einer Form von Demenz, jährlich kommen 7,7 Millionen neue Patienten hinzu. Rund zwei Drittel der Patienten haben Alzheimer.

Quelle: SN, Afp, Apa, Dpa

Aufgerufen am 21.09.2018 um 12:20 auf https://www.sn.at/leben/gesundheit/welt-alzheimertag-pflege-im-urlauberparadies-1046890

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