Gesundheit

Wie gefährlich sind Stickoxide und Feinstaub wirklich?

Eine Gruppe deutscher Lungenfachärzte stellt die geltenden Grenzwerte für Luftschadstoffe wie Stickoxid und Feinstaub in Zweifel. Die gesundheitlichen Folgen seien nicht so schlimm wie behauptet. Wie seriös ist dieser Vorstoß?

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Vor dem Hintergrund drohender Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in deutschen Städten und einer durch den Abgasskandal gebeutelten Autoindustrie ist ein veritabler Streit unter Wissenschaftern entbrannt. Den Auslöser dazu lieferte der pensionierte Lungenexperte Dieter Köhler, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Er zweifelt schon länger den gesundheitlichen Nutzen der aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide an.

Nun haben auf Köhlers Initiative hin von 3800 DGP-Mitgliedern 113 Mediziner ein Papier unterschrieben, das die wissenschaftlichen Grundlagen für diese Grenzwerte infrage stellt. Viele Studien zu den Gefahren durch Luftverschmutzung hätten erhebliche Schwächen und seien einseitig interpretiert worden. Michael Studnicka, Leiter der Pneumologie am Uniklinikum Salzburg, hat selbst mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten wesentlich zu den derzeit geltenden strengen Grenzwerten für Feinstaub und Stickoxide beigetragen. Er hält Köhler entgegen, dass man den Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und menschlicher Gesundheit auf wissenschaftlicher Basis nicht leugnen könne und es auch keine Fachgesellschaft gebe, die das infrage stelle.

Worum geht es im Detail? Die Weltgesundheitsbehörde und die Europäische Umweltagentur hatten zuletzt Zahlen veröffentlicht, nach denen in Europa jährlich rund 440.000 Menschen im Zusammenhang mit verschmutzter Luft sterben. In Österreich sind es geschätzt 5600. Aufgrund der wissenschaftlichen Datenlage wurde in der EU für Stickoxide ein Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel eingeführt. Eingehalten wird er im Gegensatz zu den Grenzwerten für Feinstaub kaum.

Dieter Köhler weist gegenüber den SN zum Beispiel darauf hin, dass andere starke Einflussfaktoren, wie Rauchen, Bluthochdruck, Alkoholkonsum oder sportliche Aktivitäten in den diesbezüglichen Studien viel höher bewertet werden müssten. "Es ist zu vermuten, dass geringste Unterschiede in der Lebensführung beziehungsweise im Gesundheitsbewusstsein zwischen staubbelasteten und weniger staubbelasteten Gebieten die ganzen Effekte des Feinstaubs und der Stickoxide erklären", betont Köhler.

Michael Studnicka kontert: Mit epidemiologischen Studien könne man sehr wohl neben der Luftverschmutzung andere Risikofaktoren wie das Rauchen seriös herausrechnen. Auch wenn es grundsätzlich schwierig sei, zum Beispiel eine kumulative Feinstaubbelastung für einzelne Patienten zu bestimmen.

Das gilt auch für Stickoxide, deren Auswirkungen auf die Gesundheit sich schwer isoliert untersuchen lassen. Epidemiologische Studien zeigen nur auf, dass Menschen in Regionen mit hohen Stickoxidkonzentrationen zum Beispiel häufiger mit Asthma, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder chronischer Bronchitis ins Krankenhaus gehen. Und genau dort setzt Köhlers Kritik an, dass "die Korrelation zwischen Schadstoffwerten und Erkrankungen" nicht automatisch kausal sein müsse. Wäre das so, könnte man auch einfach die höhere Lebenserwartung mit der wachsenden Zahl an Autos in Verbindung setzen.

Daraus fordern die Autoren des Papiers, zu denen neben Köhler Matthias Klingner, der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme in Dresden, sowie Thomas Koch, der Leiter des Karlsruher Instituts für Kolbenmaschinen, zählen, die Studien neu zu bewerten. Andere Interpretationen der Daten seien möglich, wenn nicht viel wahrscheinlicher. Genau das lässt der Salzburger Lungenforscher Studnicka so nicht stehen, weil die vorgebrachten methodischen Einwände sehr wohl in seriösen Studien berücksichtigt seien. Vor allem in der Schweiz habe man mit besonders vorsichtigem Studiendesign zuletzt klar die Verbindung von schlechter Luft und verringerter Lungenfunktion belegt. "Sie haben dort auch gezeigt, dass sich die Lungenfunktion sofort verschlechtert, wenn jemand aus einer Region mit guter Luft in eine Region mit schlechter Luft umzieht und umgekehrt."

Der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und der ADAC haben sofort nach Veröffentlichung des Papiers von Köhler und Kollegen eine Überprüfung der Grenzwerte verlangt. Genau das sei nicht notwendig, erwiderte Greenpeace. Die europäische Umweltpolitik orientiere sich am Vorsorgeprinzip. Studnicka, der jetzt auffällige Parallelen zur Raucherdebatte sieht, als man noch die gesundheitlichen Folgeschäden ständig anzweifelte, meint: "So wie es ein Recht auf sauberes Wasser gibt, hat jeder ein Recht auf saubere Luft."

Aufgerufen am 26.11.2020 um 08:11 auf https://www.sn.at/leben/gesundheit/wie-gefaehrlich-sind-stickoxide-und-feinstaub-wirklich-64569667

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