Leben

Intensive Momente am Berg

Nadine Wallner feierte als Freeriderin große Erfolge, krönte sich auf Ski unter anderem zwei Mal zur Weltmeisterin. Nach einer schweren Verletzung entdeckte sie auch das Klettern - am Fels oder im Eis - für sich. Heute versucht sie beides bestmöglich miteinander zu kombinieren - und ist seit dem vergangenen Jahr auch als Bergführerin auf den Gipfeln dieser Welt unterwegs.

Nadine Wallner unterwegs SN/red bull content pool/markus berger
Nadine Wallner unterwegs

Es sind diese einzigartigen und intensiven Momente in der freien Natur, die dafür sorgen, dass es Nadine Wallner immer wieder in die Berge zieht. "Mein Papa war Berg- und Skiführer, Ski fahren war ein zentraler Bestandteil meiner Kindheit", erzählt Wallner. Nicht nur ihre Eltern, auch ihren älteren Bruder, der wie sie selbst in jungen Jahren ein hoffnungsvolles Alpin-Skitalent war, beschreibt sie als sehr sportlich. Bereits mit drei Jahren stand Wallner das erste Mal auf Ski. Nach einem Trainingssturz musste ihr die Milz entfernt werden. Sie verpasste die gesamte Skisaison und schlug sich zudem mit Knieproblemen herum. In weiterer Folge beendete sie mit 16 Jahren ihre alpine Skikarriere. Doch Wallner, die schon früh Erfahrungen im freien Gelände sammelte, blieb dem Skifahren treu. "Meine Eltern waren nie aufs Alpin-Skifahren fixiert, da sie beide immer viel im Gelände unterwegs waren, und haben mich immer unterstützt."

Erste Erfolge und schwerer Sturz

In der Akademie in St. Christoph am Arlberg ließ sich die Vorarlbergerin zur Skilehrerin und Skiführerin ausbilden und im Jahr 2011 wandte sich Wallner dem Freeriden zu. Wallner, die von Christoph Ebenbichler trainiert wird, testet beim Freeriden gern ihre eigenen Grenzen in der Natur ihrer Heimat aus - für sie damals wie heute ihr ureigener Ausdruck persönlicher Freiheit. In dieser Sportart feierte sie in den vergangenen Jahren viele Erfolge: Das erste Mal auf der Freeride World Tour aufhorchen ließ sie im Jahr 2013. Wallner gelangen zwei zweite Plätze im kanadischen Revelstoke und im französischen Chamonix, außerdem gewann sie als bis dahin jüngste Athletin den Weltmeistertitel in Fieberbrunn. Diese Tour umfasst fünf Stopps und stellt die Weltmeisterschaft der Freerider dar. Ein Jahr darauf wurde der Event witterungsbedingt nach Kappl verlegt und Wallner konnte dort ihren Titel erfolgreich verteidigen. Im Jahr 2014 war Wallner im Rahmen von Dreharbeiten einer Videoproduktion in Alaska unterwegs. Dort verletzte sie sich nach einem Sturz schwer, zog sich offene Brüche im linken Schienbein und Wadenbein zu. "Ich bin 250 Meter abgestürzt, die Bindung ist nicht mehr aufgegangen", sagt Wallner, die die nächste Saison auf der Freeride World Tour auslassen musste.

Der Weg zurück und Lieblingsspots

Wie ist es ihr denn während dieser Zwangspause ergangen? "Es war im Endeffekt gar nicht so schlimm, ich habe mir einfach immer kleine Tages- und Wochenziele gesetzt. Solang etwas weitergeht, ist es nicht so dramatisch. Ich hatte jedoch am Beginn keinen Erfahrungswert, wusste zunächst nicht, welches Ausmaß die Verletzung tatsächlich hat", erklärt Wallner. Insgesamt benötigte sie zwei Jahre für die vollständige Genesung. Doch dank enormer Willenskraft und ihrer großen Leidenschaft fürs Skifahren und für die Berge feierte sie im Jahr 2016 ein erfolgreiches Comeback auf der Freeride World Tour: Dabei schaffte sie zwei Podestplätze, ein Mal Platz zwei in Fieberbrunn und Platz drei im schweizerischen Verbier. Obwohl sie gleich wieder aufs Podest fuhr und körperlich gesund war, dauerte es etwas, um auch mental alles zu verarbeiten. "Es brauchte eine ganze Saison, um über den Crash in Alaska hinwegzukommen." Ihre Lieblings-Freeridespots in Österreich, die auch gut durch Seilbahnen erschlossen sind, liegen am Arlberg, "da kenne ich jeden Stein", und in der Silvretta, weil es da "von leichten Skidurchquerungen bis hin zu sehr exponierten Sachen viele Möglichkeiten gibt", sagt sie und ergänzt: "Zu beiden Gebieten habe ich eine kurze Anreise mit dem Auto, das schätze ich sehr." Anderen Freeridern legt sie auch Touren in Osttirol, vor allem Matrei und Lienz, ans Herz. Im Ausland ist sie gern rund um Sulden (Südtirol) bzw. in Chamonix, Verbier und St. Moritz unterwegs.

In Bezug auf die perfekten Lines beim Freeriden hat Wallner von klein auf viel von ihrem Vater gelernt, den sie als eines ihrer großen Vorbilder bezeichnet. "Ich habe da ein super Gefühl für den Schnee und die Lawinenkunde mitbekommen." Ebenfalls als sehr hilfreich bezeichnet sie zahlreiche Sessions mit befreundeten Snowboardern, mit denen sie sich intensiv ausgetauscht hat. "Ich war beeindruckt davon, wie sie Lines finden, befahren und was man alles fahren kann", sagt Wallner.

Klettern als zweite Leidenschaft

Während ihrer langen Verletzungspause entdeckte Nadine Wallner auch das Klettern für sich: Weil sie nicht Ski fahren konnte, begann sie mit dem Klettern, um den Muskelaufbau zu unterstützen. Nach ersten Klettereien im Fels hatte Wallner Lunte gerochen und intensivierte nach und nach ihr Training. Im Mai 2018 kletterte sie bereits ihre erste 8a (Grenzgänger, Voralpsee) und doppelte einen Monat später mit der Begehung von Euphorie (8b/+), ebenfalls am Voralpsee, nach.

Nadine Wallner unterwegs SN/red bull content pool/markus berger
Nadine Wallner unterwegs

Ihr nächstes großes Projekt war die Route Prinzip Hoffnung, eine der berühmtesten Tradrouten Europas. Die Route kann lediglich spärlich durch Keile und Friends abgesichert werden. 2019 gelang ihr sogar die Rotpunktbegehung der von Beat Kammerlander erstbegangenen Route. Sie ist damit die zweite Frau, die die Begehung der Route schaffte. Die Athletin von Marker Dalbello Völkl profitierte auch von Trainingsstunden mit Barbara Zangerl, einer der besten Kletterinnen der Welt. Nachdem sie deren Schwester Claudia am Fels getroffen hatte, verabredeten sie sich zum Bouldern in der Halle. Am nächsten Tag erschien Wallner um 7 Uhr früh zum gemeinsamen Training und übersprang in weiterer Folge schnell ein paar Schwierigkeitsgrade. Im Gegenzug nahm Wallner die professionelle Kletterin zum Skifahren mit.

Vor allem dank ihrer Bergführerausbildung, die sie im vergangenen Jahr erfolgreich abschloss, ist sie auch bereits mit Eisklettern in Berührung gekommen. Ein spektakuläres Fotoshooting von Red Bull führte die heute 32-Jährige in den Natureispalast am Hintertuxer Gletscher. "Das war eine cooles Erlebnis, aber auch harte Arbeit." Freunde würden sie gern öfter zum Eisklettern mitnehmen, ihre Zeit lasse dies jedoch meist nicht zu. Am ehesten gehe es sich noch während eines trockenen Frühlings oder im Herbst aus.

Gemeinsame Seilschaft mit anderen Bergsteigerinnen

Wallner sieht sich auch als Vorbild für andere Sportlerinnen: Das beweist unter anderem ihre Teilnahme an der 100% Women Peak Challenge, die von Mammut ins Leben gerufen wurde und vom 8. März bis 8. Oktober 2021 stattfand. Das Ziel dieser Challenge besteht darin, möglichst viele Frauen auf alle 48 Viertausender der Schweiz zu führen. Insgesamt gelang dies mehr als 700 Bergsteigerinnen aus 20 unterschiedlichen Ländern, die die Gipfel in reinen Frauenseilschaften bestiegen. Gemeinsam mit Caro North leistete Wallner hier als Bergführerin einen wertvollen Beitrag. "Ich habe den Kick-off in Saas-Fee gemacht und über den Sommer den einen oder anderen Viertausender bestiegen", so Wallner, die zuletzt - neben ihrer Freeride-Karriere - immer mehr Aufträge als Bergführerin bekommen hat. "Die Gemeinschaft am Berg ist etwas sehr Schönes. Als Bergführer wird man dafür sensibilisiert, stets auf andere Rücksicht zu nehmen."

Ihre höchsten Berge hat Wallner vor einigen Jahren in Peru bestiegen. "Wir wollten Skibergsteigen, aber die Bedingungen vor Ort haben das leider nicht zugelassen", sagt Wallner und fügt hinzu: "Stattdessen waren wir dann klassisch Bergsteigen und Klettern. Wir haben eine Big Wall erklettert und waren auf über 5300 Metern unterwegs." Aufgrund einer guten Akklimatisierung vor Ort hatte sie mit der Höhe keine Probleme. "Kälte und Wind sind in Südamerika beim Bergsteigen auch nicht das große Problem."

Kraft sparen dank guter Ausdauer

Wallner ernährt sich laut eigener Aussage recht ausgewogen und gesund. "Ich bin keine Vegetarierin, esse aber wenig Fleisch." Außerdem nimmt sie viel Gemüse, Nudeln, Reis und Salat zu sich. Bei sportlichen Touren hat sie oft einen Energydrink dabei, trinkt ansonsten aber hauptsächlich Wasser. Sie kocht auch selbst gern und probiert neue Sachen aus.

Nadine Wallner unterwegs SN/marker dalbello völkl/pally learmond
Nadine Wallner unterwegs

Um nach anstrengenden Touren oder Wettkämpfen bestmöglich zu regenerieren, setzt Wallner auf Faszienrollen und Dehnen. Während beim Klettern vor allem Schulter- und Fingergelenke beansprucht werden, sind es beim Freeriden die Hüft-, Sprung- und Kniegelenke. "Ich nehme mir ausreichend Zeit für Warm-up und Cool-down." Kniebeugen stehen dabei genauso auf dem Trainingsplan wie Rumpfstabilisationsübungen.

Viel lieber zieht es Wallner aber beim Sport in die freie Natur. Im Winter, so sagt sie selbst, gibt es keinen Tag, an dem sie nicht draußen Sport macht. Das Fithalten während der Coronapandemie ist Wallner gut gelungen - als Outdoorsportlerin war sie deutlich weniger von der Schließung bestimmter Wettkampfstätten betroffen als andere Athleten. "Ich bin seitdem ein noch größerer Fan vom Skitourengehen, das ist der perfekte Ausdauersport für mich. Da kann ich mich stundenlang konditionell austoben. Und je besser die Ausdauer ist, desto mehr Kraft hat man beim Freeriden dann auch für die Abfahrt", erklärt Wallner. Sehr gern ist sie dabei am Abend unterwegs, vor allem Sonnenuntergänge haben es ihr angetan.

Nadine Wallner unterwegs SN/red bull content pool/josef mallaun
Nadine Wallner unterwegs

Für ihre sportliche Zukunft wünscht sich die Vorarlbergerin, dass sie das Freeriden einfach noch mehr mit dem Klettern kombinieren kann. "Es gibt auf jeden Fall die eine oder andere Wand, die ich erklettern möchte. Und ich habe einige Steilabfahrten im Kopf, die ich mir für die nächsten Jahre vorgenommen habe", sagt Wallner. Oberste Priorität haben aber immer der Spaß und die Sicherheit - denn sportlich hat Wallner in den kommenden Jahren noch einiges vor.

Aufgerufen am 17.01.2022 um 10:47 auf https://www.sn.at/leben/intensive-momente-am-berg-114394876

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