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Anstrengende Wallfahrten über das Hochgebirge

Seit vier Jahrhunderten pilgern die Pinzgauer über die Hohen Tauern und über das Steinerne Meer.

Aber schon seit 4000 Jahren pilgern Menschen zu Gräbern von Heiligen oder Weihestätten für Götter, um für Hilfe aus großer Not zu danken oder Schutz vor Bedrohlichem für Menschen und Haustiere zu erbitten. So pilgerte der zwölfjährige Jesus mit seinen Eltern von Nazareth 120 Kilometer weit nach Jerusalem zum Pessachfest, dem feierlichen Dank der Juden für ihre Befreiung aus ägyptischer Sklaverei.

Christen pilgern seit Jahrhunderten nach Rom oder Santiago de Compostela, aber von derart langen Wallfahrten überdauerten nur ganz wenige, davon zwei in Salzburg. Seit dem 17. Jahrhundert pilgern Pinzgauer von Ferleiten 35 Kilometer weit und über 1500 Höhenmeter Anstieg über das Hochtor in zehn Stunden nach Heiligenblut, um Schutz für ihre Haustiere vor Wölfen und Luchsen zu erbitten. Und sie pilgern seit 1635 von Maria Alm 32 Kilometer weit und über 1400 Höhenmeter in zehn Stunden über das Steinerne Meer nach St. Bartholomä am Königssee zum Dank dafür, dass sie eine Pestepidemie überlebt haben.

Die Wallfahrt nach Heiligenblut findet alljährlich am 28. Juni statt, dem Vorabend des Peter-und-Paul-Festes. Bis zu 6000 Wallfahrer machen sich um 6 Uhr in Ferleiten und beim Rauriser Tauernhaus auf den Weg. Auf dem Elendboden knapp vor dem Hochtor halten sie Mittagsrast und gedenken jener 37 Pilger, die 1683 hier in einem Schneesturm umkamen. In der doppelten Kehre vor dem Hochtor verweisen die unscheinbaren "Knappenstuben" - verfallene Stolleneingänge - auf die hohe Zeit des Tauerngoldes. Im 16. Jahrhundert holten Hunderte Knappen aus den Bergen ringsum jährlich 830 Kilogramm Gold, etwa zehn Prozent der damals bekannten Weltgoldproduktion. Deshalb hieß Salzburg damals auch "das kleine Peru der alten Welt".

Ein Kreuz auf dem Hochtor markiert die Grenze zwischen Salzburg und Kärnten. Einst bekleideten Einheimische den Gekreuzigten, damit er auf 2576 Meter Seehöhe nicht friere. Ein bettelarmer Bauer holte aber diese Kleidungsstücke für seine sechs Kinder, mit der Begründung, dass sie unter Kälte noch ärger litten als der Gekreuzigte. Dafür fasste er eine Prügelstrafe aus: 25 Stockhiebe.

Die Wallfahrt endet gegen 17 Uhr mit einem Gottesdienst in Heiligenblut, das seinen Namen einem Wunder verdankt. Vor einem Jahrtausend stand der dänische Prinz Briccius im Dienst des Kaisers in Konstantinopel. Als Feldherr schlug er alle Gegner des Kaisers. Aber dann kam es zum Bruch: Ein Muslim hatte auf Christus am Kreuz eingestochen und aus den Wunden im Holz tropfte Blut, das Priester in einem kleinen Fläschchen auffingen. Den Kaiser ließ das kalt, nicht aber Briccius. Er gab sein Amt auf, erbat und bekam als Lohn für seine Dienste dieses Blutfläschchen und machte sich auf den Heimweg.

Zum Schutz vor Räubern schnitt er sich die rechte Wade auf, steckte das Fläschchen in diese Wunde und verband sie. Auf dem Rückweg über die Hohen Tauern tötete ihn aber unterhalb des Hochtors eine Lawine. An dieser Stelle wuchsen drei Ähren aus dem Schnee, Einheimische gruben nach und entdeckten den Leichnam, in dessen Herz die Ähren wurzelten. Man bettete den Toten auf einen Ochsenkarren und beschloss, dort eine Kirche zu bauen, wo die Ochsen stehen bleiben. Sie stoppten auf jenem Hügel, auf dem die Kirche von Heiligenblut steht. Dort bestattete man Briccius, doch eines Tages ragte sein rechtes Bein aus dem Grab. So entdeckte man das Fläschchen mit Christi Blut und der kleine Ort bekam den Namen Heiligenblut.

Die Wallfahrer kehren noch am Abend in Bussen zurück in den Pinzgau. Genau umgekehrt verläuft die Almer Wallfahrt. Am Samstag nach dem Bartholomä-Tag (24. August) brechen seit 1635 alljährlich gut 2000 Pinzgauer um 4 Uhr in Maria Alm auf zur Wallfahrt über das beeindruckend trostlose Steinerne Meer nach St. Bartholomä am Königssee, wo sie vom heiligen Bartholomäus den Schutz der Almbauern und Sennerinnen sowie des Almviehs erbitten. Sie gedenken auch jener 71 Wallfahrer, die 1688 im Königssee ertranken, weil ihr offenes Boot gekentert war. Im Ort Königssee stehen dann ab 17 Uhr Busse bereit, um die Pilger wieder nach Hause in den Pinzgau zu fahren.

Diese beiden Wallfahrten gelten als Europas älteste im Hochgebirge. Sie sind auch die härtesten. Zum Vergleich: Das untertunnelte Hochtor in den Tauern ist auf 2576 Metern Höhe (der Hohe Göll misst 2522 Meter). Höchster Punkt der Almer Wallfahrt ist das Riemannhaus auf 2177 Metern, 324 Meter höher als der Untersberg. Der stundenlange Marsch in der Sommerhitze oberhalb der Waldgrenze bürgt also dafür, dass Pilgern anstrengend ist - als Bußübung.

Quelle: SN

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