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Auf den Zahn gefühlt

Zahnbürste und Zahnpasta sind Dinge des täglichen Gebrauchs, über die man nicht viel nachdenkt. Ist auch nicht nötig. Das machen Wissenschafter, wie ein Besuch im Forschungszentrum von Procter & Gamble in Kronberg bei Frankfurt zeigt. Hier wird fleißig geputzt, auch von Robotern.

Auf den Zahn gefühlt SN/kosmetik transparent/getty images
Zwei Mal am Tag Zähne putzen ist für sieben von zehn Österreicher die normalste Sache der Welt. Sie tun das mit Zahnbürsten und Zahnpasten, deren Erforschung und Entwicklung ein ziemlich großer Aufwand ist.

Ein Roboter putzt Zähne. Nicht seine, künstliche. Präzise, unermüdlich, hunderte Male hintereinander schrubbt er die kleinen Flächen sauber. So wird überprüft, wie schnell eine Zahnbürste verschleißt, und auch, wie gut eine neu entwickelte Zahnbürste Zahnbelag entfernt. Wenn der Roboter zu putzen beginnt, ist ein Großteil der Arbeit der insgesamt 900 Wissenschafter (Chemiker, Elektrotechniker, Physiker, Biologen und Ärzte, aber nicht alle arbeiten an Zahnbürsten und -pasten) im Forschungs- und Entwicklungscenter von Procter & Gamble - der Konsumgüterkonzern mit Stammsitz in Cincinnati besitzt die Marken Braun Oral-B und Blend-a-med - in Kronberg in Deutschland weitgehend erledigt. Dann sind noch die Techniker an der Reihe, die sich mit Kameras in Superzeitlupe die Schwingungen und Drehungen der Bürstenköpfe (die Auswahl und Anordnung der Borsten ist eine überaus diffizile Angelegenheit, quasi eine Wissenschaft für sich) ansehen, um zu überprüfen, ob die Borsten auch wirklich jeden Zahnzwischenraum erreichen. Wenn die Resultate zufriedenstellend sind, kommt vielleicht ein neues Produkt auf den Markt. Wenn nicht, geht alles wieder von vorne los.

Ganz nah am Konsumenten

Warum ständig neue Zahnpflegeprodukte entwickelt werden, liegt an den sich ändernden Bedürfnissen der Konsumenten. Konsumenten spielen im Alltag der Wissenschafter eine wichtige Rolle. Ihnen wird mit Hilfe von Konsumentenforschung, Labortests und in klinischen Gruppen ganz genau auf den Zahn gefühlt. Um zu untersuchen, wie Zähne geputzt werden, werden Probanden eingeladen und beim Zähneputzen mit versteckter Kamera auf Video aufgenommen. Manchmal werden sie auch zu Hause besucht, denn "eine Mutter putzt sich, wenn sie allein ist, doch anders die Zähne als wenn sie das in Gesellschaft ihrer Kinder tut", sagt Produktforscherin Roxana von Koppenfels. Die von ihren "Kunden" auch ganz genau wissen will, ob die Zahnpasta gut schmeckt und ob sie ein gutes Gefühl im Mund hinterlässt, wie eine Zahnbürste in der Hand liegt und welches Putzgefühl sie beschert. Das Putzresultat wird in der Zahnklinik am Forschungsstandort überprüft. Zwei Zahnärzte stehen dafür zur Verfügung. Unter standardisierten Bedingungen werden die Zähne vor und nach dem Putzen mit fluoreszierenden Farbstoffen gefärbt, unter UV-Licht zeigt sich dann, wie gründlich Probanden putzen.

Aus Putzfehlern entstehen Zahnbürsten

So erhalten die Wissenschafter ein Gerüst aus Daten und Fakten, aus denen neue Produkte entstehen können. Ein Beispiel. Zu den häufigsten Fehlern beim Zähneputzen, sagt der Zahnmediziner Daniel Grotzer, zählt, zu kurz und zu fest, ohne System und mit der falschen Technik und auch weniger oft als zwei Mal pro Tag zu putzen. Rund 80 Prozent der Probanden putzen nicht gründlich genug, 60 Prozent putzen die hinteren Backenzähne gar nicht oder nicht lang genug. Auffällig ist auch, dass Rechtshänder links besser putzen und Linkshänder rechts. Um diese "Fehler" zu verringern, hat Braun - die Marke ist gehört seit 2005 zu Procter & Gamble - die elektrische Zahnbürste "Genius 9000" entwickelt, eine Art Navigationssystem für den Mund mit Positionserkennung mittels Sensoren im Handstück, die mit dem Fraunhofer-Institut entwickelt wurde, einer Bildanalysefunktion via Smartphone und einer dazugehörenden App. So wird es möglich, das eigene Putzverhalten präzise zu verfolgen und gegebenenfalls zu verbessern.

Ein Meilenstein für den Marktführer, der einen Vorsprung vor dem Hauptkonkurrenten Philips sichert. Ein Meilenstein war auch schon "Broxodent", die erste elektrische Zahnbürste, die Philippe-Guy Woog 1954 in der Schweiz für die Firma Broxo entwickelt hat. Ebenso "Mayadent", die erste kommerzielle elektrische Zahnbürste, die Braun 1963 auf den Markt brachte. Der echte Durchbruch der elektrischen Zahnbürste kam dann aber doch erst in den 1980er-Jahren mit der Entwicklung rotierender Bürstenköpfe, die Zahnbelag mit komplexen Bürstenbewegungen noch gründlicher entfernten und so dem Putzen mit der Handzahnbürste echte Konkurrenz machten. Fast jeder zweite putzt sich seine Zähne heute mit elektrischen Zahnbürsten.

Ein ziemlich weiter Weg, den die Zahnbürste - archäologische Funde aus dem Jahr um 3.000 v. Chr. belegen, dass die früheste uns bekannte Zahnbürste ein kleiner Stock zum Kauen war, um 1500 wurden dann im Kaiserreich China Zahnbürsten mit Borsten aus den Nackenhaaren von Schweinen entworfen - hinter sich hat. Ein Weg, da sind die Wissenschafter in Kronberg sicher, der noch lange nicht zu Ende ist.

Zahnpasta muss mehr können

Das trifft auch auf die Zahnpasta zu, die ihre Karriere in der Antike als Zahnpulver (aus verbrannten Knochen, Horn, Muschelschalen, Bimsmehl, etc.) begann und heute weit mehr kann als nur Zahnbelag entfernen. Können muss. Denn Konsumenten wollen nicht nur saubere, sondern auch weißere Zähne. Sie wollen, dass eine Zahnpasta die Bildung von Zahnstein verhindert. Sie legen Wert auf gesundes Zahnfleisch und einen frischen Atem.

Zahnpasta besteht aus Putzkörpern, Feuchthaltemitteln, Wasser, Farbstoffen, Tensiden, Geschmacksstoffen und Wirkstoffen. Der Geschmack ist für Konsumenten besonders wichtig, denn schmeckt die Zahnpasta nicht, wird nicht gern und auch nicht gut geputzt. Europäer etwa haben hier eine Vorliebe für milden Minzgeschmack, Amerikaner mögen es, wenn ihre Zahnpasta nach Zimt, auf jeden Fall aber süß schmeckt. Farbige Streifen haben keine Putzwirkung, sie dienen lediglich der Ästhetik.

Der Geschmack ist wichtig, mehr Aufmerksamkeit schenken die Wissenschafter aber den Wirkstoffen. Für die neue Zahnpasta von Blend-a-med (die Marke wird heuer übrigens 65 Jahre alt) haben sie in zehnjähriger Forschungsarbeit stabilisiertes Zinnfluorid und Polyphosphat entwickelt. Zinnfluorid schützt vor Zahnfleischproblemen, Karies, Zahnschmelzerosion und hilft bei empfindlichen Zähnen, worunter immerhin jeder Fünfte leidet. Polyphosphate wiederum sind hochentwickelte Mikrokügelchen, die sich wie Brausepulver während des Putzens auflösen und Verfärbungen durch Tee, Kaffee oder Rotwein auf den Zähnen auflösen und, indem sie einen unsichtbaren Film auf den Zähnen bilden, deren Neubildung verhindern.

Schöne Zähne machen attraktiv

Wozu der ganze Aufwand - die Jahre der Forschung, die Entwicklung unzähliger Prototypen - gut ist? Ein strahlendes Lächeln und schöne Zähne zählen zu den wichtigen Faktoren für Attraktivität: 90 Prozent aller Männer finden ein schönes Lächeln und gesunde Zähne attraktiv, bei den Frauen sind es sogar 91 Prozent.

Österreich: Zähne und Zahlen

Sieben von zehn Österreichern putzen zumindest zwei Mal täglich ihre Zähne. Drei von vier Personen tun das gerne, weil es ihnen ein sauberes und gepflegtes Gefühl vermittelt. Mehr als 60 Prozent putzen ihre Zähne normalerweise zwei bis drei Minuten lang. Beliebteste Tageszeiten für das Zähneputzen sind morgens nach dem Frühstück und abends. Das sind Ergebnisse einer repräsentativen Online-Erhebung mit mehr als 1.500 Österreichern im Alter zwischen 14 und 65 Jahren, die die Branchenplattform Kosmetik transparent in Auftrag gegeben hat. Für Zahnpflegeprodukte wie Zahnpasten, (elektrische) Zahnbürsten und Zahnseide geben die Österreicher rund 170 Millionen Euro im Jahr aus.

Zahnputzvorlieben

Manuelle Zahnbürsten werden häufiger (50 Prozent) verwendet als elektrische (44 Prozent). Der Rest setzt auf Ultraschall-Zahnbürsten. Knapp jeder Dritte meint, die Zahnbürste sollte monatlich gewechselt werden. Neun von zehn Österreichern verwenden zum Putzen eine Zahncreme. Frischegefühl, ein Rundumschutz und die Inhaltsstoffe sind bei der Wahl einer Zahncreme besonders wichtig. 20 Prozent der Befragten vertrauen bei der Wahl ihrer Zahncreme auf eine Empfehlung ihres Zahnarztes. Spezielle Funktionen wie Whitening-Effekt oder Anti-Zahnstein spielen für rund 16 Prozent eine Rolle. Fast ein Drittel greift zu Mundspülungen oder Mundwasser. Zahnseide hat Potenzial nach oben: Derzeit reinigen 18 Prozent der Österreicher ihre Zahnzwischenräume mit Zahnseide. Rund 13 Prozent verwenden dafür eine Interdentalbürste oder Zahnseidesticks. Die Munddusche ist mit sieben Prozent eher ein Randprodukt in der täglichen Zahnpflege der Österreicher. Produkte für die Zahnaufhellung finden mit rund sechs Prozent derzeit eine geringe Anwendungshäufigkeit.

Zahnputzrituale

Kosmetik transparent hat auch nachgefragt, ob die Österreicher spezielle Zahnputzrituale verfolgen. Und tatsächlich hat jeder Dritte hat ein solches Zahnputzritual: Am häufigsten wird dabei durch die Wohnung spaziert.

Zahnpflege ist interessant

45 Prozent der Österreicher interessieren sich für Zahnpflege allgemein, gefolgt von Zahncremen, Zahnbürsten, Mundspülungen und Mundwasser. Zahnpflege für Kinder ist für rund 18 Prozent ein Thema. Zahnschmuck spielt mit drei Prozent eine untergeordnete Rolle im Interessens-Ranking. Der Zahnarzt ist mit Abstand die beliebteste Informationsquelle (60 Prozent).

Trend: Zahnaufhellung

Das Bleichen von Zähnen wird als führendes Trendthema in der Zahnpflege bewertet, gefolgt von elektrischen Zahnbürsten und weißen Zähnen. 76 Prozent der Befragten haben bisher keine Erfahrungen mit Zahnaufhellung. Vier von zehn interessieren sich aber für eine Zahnaufhellung. Rund acht Prozent wollen sich dafür dem Zahnarzt anvertrauen. Rund fünf Prozent greifen zu Bleichgels, -cremen oder -streifen. Drei von vier Personen hatte bereits eine Mundhygiene-Behandlung.

Kinder und Zahnpflege

Die Österreicher schenken ihren Kindern mit durchschnittlich einem Jahr die erste Zahnbürste. In diesem Alter putzen mehr als 90 Prozent der Eltern dem Kind die Zähne. Jedes zweite Elternpaar handhabt das auch noch ein Jahr später so. Ist das Kind drei bis vier Jahre alt, putzt noch rund ein Drittel dem Kind die Zähne, sechs von vier helfen mit. Im Alter von fünf bis sieben Jahren putzt ein Viertel der Kinder selbst und wird dabei von Mutter oder Vater beaufsichtigt. Bei den Acht-bis Zehnjährigen putzen 46 Prozent unter Aufsicht der Eltern und fast 26 Prozent schon alleine. Mit 11 bis 13 Jahren sind es bereits mehr als 70 Prozent, die vollkommen selbstständig ihre Zähne putzen. Mit steigender Selbstständigkeit bei der Zahnpflege nimmt die Putzfreude allerdings ab: Während 31 Prozent der Drei- bis Vierjährigen noch sehr gerne putzt, ist das bei den 11- bis 13-Jährigen nur noch knapp 16 Prozent der Fall. 98 Prozent der Ein- bis Zwei-Jährigen verwenden eine Kinderzahnbürste. Im Alter von fünf bis sieben Jahren sind das noch rund 89 Prozent, bei den Elf- bis 13-Jährigen nur noch 27 Prozent. Auch die Kinderzahnpasta findet die höchste Anwendung bei den Kleinen: 93 Prozent der Drei- bis Vierjährigen hat eine Kinderzahnpasta, bei den Elf- bis 13-Jährigen nur noch 39 Prozent. Kindermundspülungen verwendet ein Viertel der Acht- bis Zehnjährigen, aber nur noch sechs Prozent der 11- bis 13-Jährigen.

Quelle: SN

Aufgerufen am 19.11.2018 um 06:31 auf https://www.sn.at/leben/lifestyle/auf-den-zahn-gefuehlt-813943

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