Lifestyle

Caroline Peters "In klassischen Rollen spielen Frauen entweder Liebchen oder Monster"

Allen Widrigkeiten zum Trotz ist sie die "Jahrundertbuhlschaft": Caroline Peters, eine der populärsten Schauspielerinnen im deutschsprachigen Raum. Das wiederum ist sie aus gutem Grund: Ihre temporeichen, lebensklugen und humorvollen Darstellungen machen ihr Spiel zu einem Erlebnis.

Wie haben Sie die letzten Monate in der Zeit der Coronakrise erlebt, Frau Peters?
Caroline Peters: Es war eine merkwürdige Zeit, in der zugleich sehr viel und sehr wenig passiert ist! Die Phase vor Corona war für mich enorm arbeitsintensiv und dicht. Ich habe so viele Vorstellungen gespielt und Auftritte gehabt wie selten zuvor. Als dann plötzlich alles abgesagt wurde, fühlte sich das im ersten Moment so an, als wäre ich in voller Fahrt - bei Tempo 180 - gestoppt worden. Und das war ein äußert seltsames Gefühl. Alles hat plötzlich und ganz abrupt einfach nur aufgehört. Nach einer Weile hatte ich mich dann aber an diesen anderen Modus gewöhnt und es als äußerst erholsam erlebt, so wenig zu tun. Was allerdings durchgängig geblieben ist, war der unangenehme Zustand des Wartens. Man kann ja nichts wie gewohnt proaktiv angehen. Zudem war jede soziale Begegnung schwierig und gehemmt. Im Verlauf der zwei Monate wurde die Situation auch zunehmend beschwerlicher. Nur die Angst, krank zu werden, hatte ich eigentlich nicht.

Womit haben Sie die Zeit während des Lockdowns verbracht?
Zu Beginn fand ich es wirklich spannend, mich mit Dingen zu beschäftigen, für die ich in meinem regulären Leben recht selten Zeit finde, wie etwa Bücher zu lesen, die ich schon lang einmal lesen wollte. Ich habe auch selbst virtuelle Lesungen via Instagram durchgeführt. Nach und nach hat dann aber schon der Theaterspielentzug eingesetzt!

Gab es für Sie auch Momente der Beklemmung?
Zwischenzeitlich hatte ich schon immer wieder einmal das Gefühl , "abgehängt" zu sein. Als bedrückend empfand ich vor allem, dass der Stellenwert, den Kultur aktuell in unserer Gesellschaft einnimmt, derzeit gefühlt bei einem Wert von minus hundert liegt! Das war und ist wahnsinnig frustrierend. Ich kann mich gerade des Eindrucks nicht erwehren, dass das Kulturgeschehen insgesamt etwas ist, das derzeit nur noch "beziffert" wird.

Sollte die Pandemie einmal ganz überwunden sein, welche gesellschaftlichen und politischen Folgen wird das alles Ihrer Meinung nach noch haben?
Sagen wir es so: Ich würde mir wünschen, dass sich diese Krise positiv auswirkt. Nämlich im Hinblick darauf, dass jeder von uns hinterfragt, ob es denn sein muss, dass man sich im Leben immer optimieren und maximieren muss. Ob wir nicht vielleicht alle ein viel besseres Leben führen könnten, wenn wir nicht ständig auf dem Pfad der Selbstoptimierung wandeln würden. Ich habe allerdings die Ahnung, dass das nicht passieren wird. Ich vermute eher, dass uns sämtliche finanziellen und wirtschaftlichen Sachzwänge à la longue noch mehr einengen werden. Was das Theater betrifft, denke ich, dass die Lust darauf, mit Leuten zusammen zu sein, im selben Raum zur selben Zeit, die real und echt da sind, sicher größer geworden ist.

Sie leben ja seit ein paar Jahren in Wien. Über die Wiener haben Sie einmal gesagt, Sie würden deren Zugang zur Kultur schätzen. Dieser sei ein anderer als der, den Sie aus Deutschland kennen. Inwiefern?
Seit fünf Jahren sind wir (Anm. Lebensgefährte Frank Dehner) nun definitiv Wahlösterreicher, also Wiener. Was den Kulturzugang in dieser Stadt so besonders macht, ist vor allem, dass der nicht schon im Vorfeld selektiv praktiziert wird. In Wien geht man ins Theater, weil man sich grundsätzlich unterhalten will. In Deutschland verhält sich das anders. Da fällt schon bei der Vorauswahl der Konsumenten viel heraus. Dort herrscht noch immer stark die Auffassung, dass es sich bei ernster Kultur um Bildung handelt und Bildung etwas Langweiliges ist. Das ist in Wien einfach ganz anders. Hier gehört es für einen großen Teil der Bevölkerung zum Alltag, ins Theater oder ins Konzert zu gehen.

Gibt es nach fünf Jahren in Österreich noch Dinge, die Sie hier seltsam finden?
Seltsam nicht, aber unterhaltsam. Worüber ich oft sogar lachen muss, ist der völlig andere Gebrauch der gemeinsamen Sprache. Was ich oft jetzt erst besser verstehe, sind die vielen Metaphern und Anspielungen darin. Das österreichische Deutsch ist viel bildhafter, viel varianten- und anspielungsreicher als das deutsche Deutsch.

Sie sind ja reich an Auszeichnungen: Eine von diesen hat aber mit Ihrer Arbeit gar nichts zu tun: 2019 wurden Sie in der Kategorie Kulturerbe als Österreicherin des Jahres ausgezeichnet, nämlich für Ihr Engagement um die Postkarte! Was hat des damit auf sich?
Ich hab schon in meiner Kindheit Postkarten gesammelt und diese Vorliebe begleitet mich bis heute. Ich muss vorausschicken: Dieses Engagement ist keine Kampfansage an die digitalisierte Welt - im Gegenteil. Ich finde einfach, es gibt ein paar analoge Techniken, die so toll sind, dass sie überleben sollten. Die Postkarte ist so ein Fall. Allein schon deshalb, weil wir heute eigentlich von niemandem mehr die Handschrift kennen. Mich rührt es oft, wenn ich die Handschrift von jemandem sehe, zusammen mit einem schönen Bild. Zudem ist mein Partner Frank Dehner ein guter Fotograf und das "Projekt Postkarte" war sozusagen eine Synthese aus unser beider Interessen.

Ihr dritter Vorname ist Aksinia. Welche Geschichte steckt dahinter?
Meine Mutter war Slawistin und hat Gedichte vom Russischen ins Deutsche übersetzt. Als sie noch Studentin war, hat sie ein Konservatorium besucht. Dort wurden an alle Studierenden russische Namen vergeben. Ihrer lautete damals Aksinia. Den fand sie besonders schön und deshalb hat sie ihn auch an mich weitergegeben.

Im Rahmen Ihrer Arbeit spannen Sie einen sehr breiten Bogen. Von Fernsehrollen bis hinzu anspruchsvollen avantgardistischen Theaterstücken - wie funktioniert das?
Das meiste davon hat ja nacheinander stattgefunden und dadurch erlebt man es als Entwicklung. Das macht mir eigentlich Spaß. Es wird natürlich schwierig, wenn zu viel parallel läuft: Kurz vor Corona hatte ich sechs verschiedene Stücke zu spielen und 15 Vorstellungen im Monat zu meistern. Die Stücke hätten unterschiedlicher nicht sein können - das war mir dann auch zu viel. Repertoiretheater ist in dieser Hinsicht schon eine große Herausforderung: Von einem Stil zum anderen zu switchen ist anstrengend und anspruchsvoll.

Beschreibt das eine Eigenschaft der Caroline Peters? Immer etwas Neues zu machen und vieles auszuprobieren?
Ja, eigentlich schon. Ich bin sicher jemand, der gern neue Sachen ausprobiert. Ich habe natürlich, je älter ich werde, immer mehr Angst davor, danebenzugreifen. Die körperlichen und psychischen Schmerzen, die man ausstehen muss, wenn man eine Vorstellung spielt, die man selbst richtig schlecht findet, sind ungeheuerlich! Aber: Ich habe auch viel Glück gehabt und die letzten fünf Jahre sehr viele tolle Sachen machen dürfen.

Zum Stichwort Neues: Allen Widrigkeiten zum Trotz wird man Sie auf dem Salzburger Domplatz als Buhlschaft bewundern dürfen.
Ich freue mich sehr, dass der "Jedermann" die Krise überlebt hat und stattfinden darf. Damit wird aus meiner Sicht auch ein starkes kulturelles Zeichen gesetzt! Ich finde, dass das Stück jetzt auch wieder einen sehr aktuellen Zeitbezug hat. In seinen Anfängen 1920 hatte man ja gerade einmal den Ersten Weltkrieg und die Spanische Grippe hinter sich.

Ist die Anfrage, diese Rolle zu spielen, eine Ehre für jede Schauspielerin im deutschsprachigen Raum?
Es ist eine "komische" Ehre. Es ist ja nicht so, dass einem damit zugetraut wird, besonders schwierige, große Parts zu verantworten. Trotzdem wird man mit dieser Rolle in eine Reihe von Künstlerinnen gestellt, von denen die meisten wirklich ganz großartig sind und waren. Das hebt einen als Schauspielerin natürlich in einer äußerst positiven Weise hervor.

Obwohl die Figur ja nur 30 Sätze sprechen darf, ist sie ist eine Institution. Warum, glauben Sie, ist das so?
Zum einen gibt es ja wenig andere Frauenrollen in diesem Stück. Klassisch weiblich besetzt sind ja nur noch die Mutter und die Guten Werke. Zum anderen finde ich, die Buhlschaft ist eine äußerst interessante Figur, weil sie keine Frau ist, die - wie sonst im klassischen Theater - hofft und wartet. Auf einen Mann oder eine Heirat. In diesem Stück ist das Gegenteil der Fall: Hier gibt es eine erwachsene Frau, die mitten im Leben steht und eben nicht darauf wartet, dass sie geheiratet wird. Und schon gar nicht will sie mit dem Jedermann in den Tod gehen. Eigentlich will sie nur ein gutes Leben führen. Das ist meiner Ansicht nach ein guter Ansatz für eine Frauenfigur und das ist außerdem sehr rar im klassischen Repertoire. Nämlich das Bekenntnis einer Frau, selbstbewusst und hedonistisch zu sein. Meistens sind die Frauen in diesen Stücken entweder Liebchen oder Monster. Ganz selten gibt es weibliche Figuren, die etwas zu sagen haben. Die interessanteren Figuren werden fast immer von den Männern gespielt: Hamlet, Mephisto, Faust, Macbeth.

Haben Sie das Stück schon live auf dem Domplatz gesehen?
Ich habe Birgit Minichmayr und Niki Ofczarek spielen gesehen. Wenn ich eine Zeitreise machen könnte, würde ich mir natürlich gern Curd Jürgens und Senta Berger anschauen.

Was können wir in Salzburg Gutes für Sie tun?
Mich hofieren! Dafür ist man doch auch die Buhlschaft! Man tut natürlich auch was dafür, gibt sich Mühe und versprüht gute Laune und die Lebenslust der Figur!

Quelle: SN

Aufgerufen am 11.08.2020 um 11:53 auf https://www.sn.at/leben/lifestyle/caroline-peters-in-klassischen-rollen-spielen-frauen-entweder-liebchen-oder-monster-90462022

Kommentare

Schlagzeilen