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"Das Skitourengehen wird einen zusätzlichen Schub bekommen"

Michael Larcher ist Leiter der Abteilung Bergsport im Österreichischen Alpenverein, Bergführer und gerichtlicher Sachverständiger für Alpinunfälle. Im Interview schildert der Tiroler, welche alpinen Gefahren es beim Skitourengehen gibt und wie sich die Coronakrise auf den Sport auswirkt.

Michael Larcher, Leiter der Abteilung Bergsport im Österreichischen Alpenverein. SN/simon rainer
Michael Larcher, Leiter der Abteilung Bergsport im Österreichischen Alpenverein.

Was gehört beim Skitourengehen unbedingt in den Rucksack? Michael Larcher: Bei der Notfallausrüstung gibt es klare internationale Empfehlungen: Unbedingt mit dabei sein müssen das Lawinenverschüttetensuchgerät (kurz LVS-Gerät), eine Sonde und eine Lawinenschaufel, außerdem ein Handy, das Erste-Hilfe-Set mit Alu-Rettungsdecke und ein Biwaksack. Zusätzlich empfehlen wir seitens des Alpenvereins den Lawinenairbag, da dieser seine Wirksamkeit in Studien eindeutig bewiesen hat. Es wäre falsch, den Lawinenairbag als Lebensretter schlechthin zu bezeichnen, da es auch mit Airbag nach wie vor tödliche Ereignisse gibt, aber die Sterblichkeit wird dadurch um 50 Prozent reduziert. Natürlich kann auch ein Lawinenairbag durch die Kräfte einer Lawine zerstört werden oder das Gerät technisch versagen. Zudem kann sein, dass der Verschüttete in einem engen Graben zu liegen kommt oder er den Airbag nicht mehr selbst auslösen kann. Knapp ein Drittel aller Tourengeher verfügt aber mittlerweile über einen Lawinenairbag und mehr als die Hälfte trägt einen Skihelm bei der Abfahrt.

Wie läuft ein Check mit dem LVS-Gerät ab? Vor einer Skitour sollten sich alle Teilnehmer am Parkplatz oder auf einer Hütte treffen. Einer übernimmt die Kontrolle, indem er sein LVS-Gerät auf "Suchen" stellt und den anderen Teilnehmern, die ihr Gerät auf "Senden" schalten, die Rückmeldung gibt, dass sie auch gefunden werden. War dieser Vorgang erfolgreich, schaltet er oder sie das Gerät ebenfalls auf "Senden". Das LVS-Gerät sollte immer am Körper - am besten in der Halterung, die beim Kauf dabei ist - getragen werden. Wichtig: Vor Saisonbeginn frische Batterien ins Gerät rein, am Ende der Saison die Batterien rausgeben. Sollte der Ladestand auf zirka 30 Prozent absinken, wird das LVS-Gerät im Normalfall noch eine Weile funktionieren, aber die Batterien sollten bei der nächsten Tour gewechselt werden.

Wie funktioniert die Rettungskette bei einem Lawinenunfall vor Ort? Einen Lawinenunfall gut abzuarbeiten bedarf entsprechender Übung auf einer Wiese oder auf einem Schneefeld. Zunächst sollte man sich den Punkt merken, wo man den Verschütteten zuletzt gesehen hat. Ist man allein, dann sofort einen Notruf mit dem Handy absetzen. Wenn es keine Netzwerkverbindung gibt, dann sofort das LVS-Gerät zur Hand nehmen, auf "Suchen" stellen und den Lawinenkegel absuchen. Der Verschüttete befindet sich in der Regel in der Falllinie. Ist man allein, dann in Serpentinen gehen und suchen. Bei zwei oder drei Helfern können die Helfer auch versetzt auf einer Linie und in Abständen von zirka 40 Metern suchen.

Habe ich den Verschütteten geortet, markiere ich diese Stelle mit einem sichtbaren Gegenstand, packe die Schaufel aus und beginne mit dem Sondieren. Wenn die Sonde nicht mehr so tief eindringt, habe ich im Idealfall einen Treffer. Dann lasse ich die Sonde stecken und beginne mit dem Schaufeln. Hier sollte man nicht direkt an der Sonde zu graben beginnen, bei einer Tiefe von einem Meter beginne ich einen Meter unterhalb der Sonde zu graben. Ich muss eine Rampe schaffen, die nach hinten flach ausläuft.

Oberste Priorität hat immer: "Kopf frei, Atemwege frei." Dem muss ich alles unterordnen. Habe ich den Verschütteten gefunden, lege ich die Atemwege frei und versuche ihn anzusprechen. Ist er nicht ansprechbar und auch keine Atmung vorhanden, muss ich eine Mund-zu-Mund-Beatmung machen und hole ihn dann raus. In der ersten Viertelstunde hat man realistische Chancen, Lawinenopfer zu retten - sofern sie nicht durch traumatische Verletzungen wie Genickbrüche an Felsen ums Leben gekommen sind.

Risikokompetenz ist ein Bildungsziel des Alpenvereins. Wie definieren Sie den Begriff? Wir wollen Menschen über alpine Gefahren aufklären und ihnen Werkzeuge bzw. Kompetenzen mit an die Hand geben, durch die das Risiko gesenkt wird. Welches Risiko ich eingehe, ist natürlich sehr individuell, aber ich muss mir dann auch der Konsequenzen bewusst sein. Die persönliche Risikobeliebigkeit gilt jedoch nicht, wenn ich zum Beispiel als Berg- oder Jugendführer Verantwortung für andere übernehme. Die Menschen verlassen sich auf meine Entscheidungen und ich gebe hier ein Sicherheitsversprechen gegenüber der Gruppe ab; ein gewisses Restrisiko bleibt natürlich immer bestehen.

Abgesehen von Lawinen: Welche weiteren Gefahren lauern im Winter im alpinen Gelände? Die häufigste Unfallursache sind ja nicht Lawinen, sondern Stürze, auch wenn sie selten tödlich enden - dazu zählen Schulter- und Knieverletzungen. Eine gute Skitechnik und ein defensiv gewähltes Fahrtempo sind entscheidend. Was ich bei meinen Vorträgen immer wieder anmerke: Zu viele fahren über ihre Verhältnisse. Ich rate auch Erwachsenen dazu, sich zwei bis drei Tage einen Skilehrer oder eine Skilehrerin zu nehmen, um die eigene Skitechnik zu verbessern. Es geht mir gar nicht nur um die Sicherheit. Durch eine verbesserte Technik steigert sich auch der Spaß. Auch die Kälte oder ein Orientierungsverlust aufgrund von Nebel, Schlechtwetter oder Dunkelheit können einem zum Verhängnis werden. Skitourengeher, die einen Biwaksack und eine Alu-Rettungsdecke mit sich führen, können auch im Winter eine Nacht im Freien überleben.

Wie genau sind die von Experten erstellten Lawinenprognosen in Österreich? Die Lawinenprognosen haben mittlerweile eine sehr hohe Qualität. Die Bundesländer Vorarlberg, Tirol und Salzburg können hier nochmal hervorgehoben werden. Die Qualität hängt auch von den personellen und technischen Ressourcen ab, die zur Verfügung gestellt werden. Der Lawinenlagebericht ist ganz wertvoll und ein Standard in der Vorbereitung für Skitouren. Ich weiß die Gefahrenstufe, weiß Bescheid über die sogenannten Lawinenprobleme und ich weiß, wo die Gefahrenstellen auftreten können. Auf Basis dieses Wissens erfolgt die Tourenplanung im Gelände.
Natürlich spielt da auch die Erfahrung mit. Je mehr Know-how ich mitbringe, desto eher kann ich Gefahrenstellen im Gelände erkennen und darauf reagieren.

Inwiefern kann künstliche Intelligenz dabei helfen, alpine Risiken künftig neu und besser zu errechnen und die jungen Tourengeher eher zu erreichen? Meine Überzeugung ist: Der nächste große Schritt wird durch Algorithmen und künstliche Intelligenz kommen. Durch die Kombination von Geländemodellen, Unfalldatenbanken und meteorologischen Daten lässt sich in naher Zukunft eine Treffsicherheit erreichen, die über der menschlichen Treffsicherheit liegt. Neben der Gefahrenstufe sollte man dann auch Informationen über die Masse an Neuschnee, wann es zuletzt Neuschnee gab, die Windverhältnisse und dokumentierte Lawinenereignisse einsehen können. Unter www.skitourenguru.ch gibt es erste Ansätze in diese Richtung. Das Potenzial ist da, aber es wird noch einige Zeit dauern.

Wie beeinflusst die Coronakrise das Tourengehen im alpinen Gelände? Wir erwarten, dass der seit 20 Jahren anhaltende Trend zum Skitourengehen jetzt nochmal einen zusätzlichen Schub bekommt. Vonseiten des Alpenvereins stellen wir uns die Frage, wie wir unsere Mitglieder noch besser informieren können, um das Unfallrisiko zu senken. Skitourengehen im alpinen Gelände ist ein Sport, für den man sich ausbilden lassen sollte - es gibt viel zu lernen, die Kurse machen auch Spaß und die Kosten sind gering. Lawinenkurse dauern zum Beispiel von Freitagabend bis Sonntag, manchmal finden diese auch an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden statt. Von Bergführern oder Alpinschulen veranstaltete Kurse dauern bis zu fünf Tage.

Hat sich bei den meisten Skitourengehern in den vergangenen Jahren ein neues Bewusstsein für alpine Gefahren entwickelt? Davon bin ich überzeugt - vor allem die jüngeren Skitourengeher im Alter zwischen 24 und 38 Jahren sind sich der alpinen Gefahren bewusst und wollen etwas lernen. Bei meinen Vorträgen sind viele Studenten dabei, bei Frauen ist das Interesse noch größer als bei Männern. Das ist für uns als Verein auch eine riesige Chance.

Quelle: SN

Aufgerufen am 25.11.2020 um 09:46 auf https://www.sn.at/leben/lifestyle/das-skitourengehen-wird-einen-zusaetzlichen-schub-bekommen-95578816

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