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Die vielen Kleider der Buhlschaft

Seit genau hundert Jahren verzaubert die Buhlschaft Jedermann auf dem Salzburger Domplatz in ihrem allerschönsten Kleid: Über die vielen Kostüme der Geliebten Jedermanns.

Sie ist wahrscheinlich eine der aufsehenerregendsten Nebenrollen im deutschsprachigen Theater: die Figur der Buhlschaft, der schönen Geliebten des Jedermann im Spiel vom Sterben des reichen Mannes. Nur dreißig Sätze sind es, die Hugo von Hofmannsthal für die Frau an der Seite des Lebemannes vorgesehen hat.

Nichtsdestotrotz: So klein die Rolle auch sein mag, so groß ist bis zum heutigen Tag das Interesse an der vitalen, sinnlichen Frauengestalt und an den Schauspielerinnen, die sie verkörpern.

Vitaler Gegenpart des Jedermann
Seit hundert Jahren ist die Figur der Buhlschaft eine Symbolgestalt der Liebe, der Sinnlichkeit und der Lebenslust. Es sei ihr ureigentlicher Auftrag in dem Stück, erklärt Jan Meier, Direktor Kostüm, Maske und Garderobe bei den Salzburger Festspielen, den positiven, lebenshungrigen Gegenpart zum sterbenden Bonvivant Jedermann zu verkörpern. "Die Buhlschaft steht, unabhängig davon, wie die Inszenierung ausfällt, immer für Vitalität und Leidenschaft. Ihr Kleid ist hier ein wichtiges Stilmittel, um die sprühende Lebensfreude der Figur sichtbar zum Ausdruck zu bringen." Meier zeichnet seit 2015 leitend für die Kostümausstattung bei den Salzburger Festspielen verantwortlich. Die Entscheidung darüber, wie ein Kostüm letztlich angelegt werde, erfolge niemals im Alleingang, erklärt er: "Erst durch das Zusammenwirken von Regisseur, Kostüm- und Bühnenbildner konkretisiert sich das Bild einer Bühnenfigur. Darauf aufbauend entstehen die Entwürfe, dann geht es an die Feinarbeit." Vor allem bei der Rolle der Buhlschaft sei es schon seit vielen Jahren eine gute Gepflogenheit, die Künstlerinnen in Ausstattungsfragen miteinzubeziehen. Das sei einerseits gebräuchlich bei Künstlern ab einem gewissen Rang, andererseits auch notwendig, befindet Meier: "Gerade weil diese Rolle so extrem ausgestellt ist." Für die Kostümbildner bedeute das, die Entwürfe mit den Akteurinnen abzustimmen und auf ihre Wünsche oder Vorlieben einzugehen, erklärt der Kostümdirektor. "Manche Künstlerinnen bevorzugen ihre Kostüme beispielsweise ganz eng geschnürt, andere wiederum lehnen das kategorisch ab."

Dresscode: Korsett
Besonders Korsett oder Schnürbrust wurden als Stilelemente von den Kostümbildnern bei dieser Figur häufig eingesetzt, schreibt Erika Oehring, Kuratorin der Ausstellung "Textile Verführung" im Jahr 2015 über die Ausgestaltung der Kleider. Die klare Absicht dahinter war, so Oehring, die weiblichen Reize der Figur im wahrsten Sinne des Wortes hervorzuheben: Eine mithilfe einer Korsage geformte schmale Taille und eine üppige Oberweite entsprach dabei dem absoluten Idealbild der Salzburger Buhlschaft. Ganz aus diesem Dresscode fiel hier das Kleid der Buhlschaft im Jahr 2007: Marie Bäumer eroberte den Domplatz in einer weich fließenden, apricotfarbenen Robe - und das ganz ohne Korsett. Ein solches hatte die Schauspielerin mit der Begründung verweigert, sich "ihr Dekolleté nicht bis an die Ohren kleben lassen" zu wollen. Ihre Bewegungsfreiheit wurde auch auf der Bühne spürbar: Sportlicher als alle Buhlschaften zuvor turnte Bäumer barfuß über den Domplatz und ging als "wilde Marie" in die Salzburger Geschichte ein. Haben die Künstlerinnen auch ein Mitspracherecht, wenn es um die Farbe ihres Kostüms geht? Auf Wünsche werde durchaus eingegangen, meint Meier. So sei im Jahr 1990 die Farbwahl wohl auch deshalb auf ein kräftiges Fuchsia gefallen, weil dies die erklärte Lieblingsfarbe der Schauspielerin Sunnyi Melles gewesen sei, mutmaßt er.

Eine Frage der Farbe
Die Farbwahl bei den Kleidern war und ist noch immer eine äußerst sensible Angelegenheit. Eine Farbe dominierte in den letzten hundert Jahren ganz eindeutig das Geschehen, und das war - wie könnte es anders sein - Rot. Von Zinnober- über Scharlach- bis zum Karminrot waren in den letzten hundert Jahren unzählige Varianten vertreten. "Das Spiel mit Nuancen dieser Farbe wird vom Publikum in Salzburg gerade noch geduldet", sagt der Direktor Kostüm, Maske und Garderobe, "ein Abweichen vom Rotspektrum ist aber fast unmöglich." Und tatsächlich: Als Sophie von Kessel im Jahr 2008 in einem blauen Seidentaftkleid auf der Bühne auf dem Domplatz debütierte, löste dies sogar einen kleinen Sturm der Entrüstung aus. Dass mit dem traditionellen Buhlschaftsrot gebrochen worden war, kommentierte das Publikum mit deutlich vernehmbarem Unmut. Sophie von Kessel blieb damit bisher die einzige Buhlschaft in Blau.

Haute Couture auf dem Domplatz
Durchschnittlich 130 bis 140 Stunden werde an einem solchen Kleid gearbeitet, sagt der kostümverantwortliche Jan Meier. Seit dem Jahr 2013 habe es sich auch eingebürgert, die Buhlschaft mit zwei Bühnenkleidern für die Aufführungen auszustatten. "Diese Kreationen sind in jeder Beziehung Haute Couture und werden ihren Trägerinnen exakt auf den Körper geschneidert."

Jedes einzelne Kleid ist ein Unikat und bei der Anfertigung wird kein Detail dem Zufall überlassen. Hier sind auch die Künstlerinnen gefordert: Zwei bis maximal fünf Anproben müssen absolviert werden, bis ein Kostüm den letzten Feinschliff und die perfekte Passform bekommt.

Bei den großen Solistenkleidern sei es gängige Praxis, vorher einen Prototyp anzufertigen, beschreibt Meier das Fertigungsprozedere. Diese "Musterkleider" würden von den Akteurinnen während der Proben getragen, damit die Bewegungsabläufe bereits im Kostüm geübt werden können. "Anders als auf dem Laufsteg getragene Haute-Couture-Modelle sind die Kostüme dieser Figur extremen Belastungen und Strapazen ausgesetzt", sagt er. "Sie müssen sich in jeder Bühnensituation bewähren und absolut reißfest und stabil sein - egal ob gesprungen oder wild getanzt wird."

Der hohe Tragekomfort und die Bewegungsfreiheit, die heute bei Kostümen Standard sind, waren in diesem Ausmaß früher nicht gefordert. In der Vergangenheit, sagt Meier, habe man sich ganz anderer Inszenierungstechniken bedient. "Das moderne Regietheater entstand erst ab den 197oer-Jahren und ist konzeptiv mit viel mehr Ausdruck und Bewegung verbunden. "Davor war es eher eine Standbein-Spielbein-Angelegenheit. Die Präsenz auf der Bühne und der Ausdruck waren die entscheidende Faktoren." Schauspieler - und in weiterer Folge ihre Kostüme - seien schon deshalb heute hoch gefordert, weil Inszenierungen viel agiler und beweglicher geworden seien.

Tragende Rollen der Vergangenheit
Den Begriff "tragenden Rolle" konnte man in der Vergangenheit hingegen fast immer wörtlich nehmen. Samt, Seidenbrokat und Batist bildeten die oft schweren und heißen Materialien der frühen Kostüme der Buhlschaften. Den Darstellerinnen wurde hier auch körperlich einiges abverlangt, ist der Kostümbildner überzeugt: "Polyester oder leichte Seidenstoffe gab es nicht, es war harte Arbeit, mit diesen Kleidern aufzutreten - vor allem auf dem aufgeheizten Salzburger Domplatz."

Für die Ausstatter und Schneider seien diese früheren Qualitäten des Materials allerdings ein Segen gewesen: "In eine 400-Gramm-Seide hat man eine Falte gelegt, die dann auch so geblieben ist", erklärt der Kostümbildner, fast ein bisschen schwelgerisch. Wie stark wurden die Kleider im Laufe der Zeit grundsätzlich von der Mode und dem Zeitgeist beeinflusst? Meier: "Das historisch-mittlealterliche Konzept des Stücks wurde unabhängig von modischen Einflüssen im 20. Jahrhundert bis in die 1990er-Jahre größtenteils so weitergetragen. Ein kleiner stilistischer Bruch ist nur zu Ende der 60er-Jahre wahrnehmbar." Danach ging es, konstatiert Jan Meier, aber fast unverändert "klassisch" weiter. Eine etwas größere Revolution - allerdings mehr aufseiten des männlichen Parts - erfuhr das Stück im Jahre 1990, als Helmuth Lohner als "Playboy" im weißen Zweireiher auftrat. Sein weibliches Pendant Sunnyi Melles brachte zwar viel kräftige Farbe mit ins Spiel - daran, die Gefährtin des Jedermann im kurzen Rock auftreten zu lassen, war aber selbst zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken. "Die Buhlschaft wurde zu jeder Zeit stilvoll schön, sinnlich und auch mondän dargestellt," fasst es der Kostümdirektor zusammen. "Ein Minirock würde einfach nicht diesem Bild entsprechen."

Der kürzeste Rock und die ersten Hosen
Den kürzesten Rock in der Geschichte der Buhlschaften trug bisher übrigens Brigitte Hobmeier in den Inszenierungen von Julian Crouch und Brian Mertes in den Jahren 2013 und 2014. Auch dem zweiten Kostüm der Schauspielerin fehlte es nicht an Raffinesse: Zu dem aus Seidensatin und Seidenmousseline gefertigten Kleid gehörte ein Bahnenrock mit einer Saumweite von 32 Metern. Aus der Stoffmenge, die für dieses Kleid aufgewendet wurde, hätten sich acht Abendkleider fertigen lassen. Exakt 99 Jahre hat es schließlich gedauert, bis die erste Buhlschaft in Hosen den Domplatz betreten konnte. Es war Valery Tscheplanowa, die in einem mit Glasperlenketten, Pailletten und Marabufedern bestickten halbtransparenten Hosenanzug aus weißem Tüll diese Premiere vollzog. Ihr zweites Kostüm blieb jedoch in der Tradition: Ein elegantes, klassisches Abendkleid aus 25 Metern Seidenchiffon im schönsten Buhlschaftsrot. So wie es guter Brauch ist beim "Jedermann" in Salzburg.

Quelle: SN

Aufgerufen am 11.08.2020 um 07:52 auf https://www.sn.at/leben/lifestyle/die-vielen-kleider-der-buhlschaft-90459445

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