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Ein "Vogelbeerener" renkt Magen und Seele ein

Brigitte und Matthias Buchegger zaubern auf dem Oberhaslachgut in Abtenau aus Vogelbeeren einen wunderbaren Edelbrand. Dieser riecht und schmeckt nach Marzipan und soll wahre Wunder wirken.

Wie kleine rote Äpfel leuchten die Früchte des Vogelbeerbaums zwischen dem Laub. Zahlreiche Vogelarten haben die Früchte zum Fressen gern; darunter Drossel, Gimpel, Kleiber, Alpendohle und Eichelhäher. Daher auch der wissenschaftliche Name Sorbus aucuparia. Dieser leitet sich vom lateinischen aucupari ab - avis und capere bedeuten Vogelfangen. Der Vogelbeere ist kaum anzusehen, dass sie zu den Rosengewächsen und da zur Gattung der Mehlbeeren (Sorbus) gehört. Ihre gefiederten Blätter ähneln allerdings der Esche. Aus diesem Grund wird sie auch Eberesche genannt.

Auf dem Bergbauernhof von Brigitte und Matthias Buchegger im Abtenauer Ortsteil Hallseiten steht der zierliche, mittelhohe Baum an steilen Hängen. Die Pionierpflanze wächst auf allen Böden ohne Staunässe. Sie ist der einzige Laubbaum, der in den Zentralalpen bis zur Nadelwaldgrenze vorkommt. Ihre Wurzeln wachsen in die Tiefe und in die Breite. Auf diese Weise festigt sie den Boden und schützt so vor Murenabgängen. Das abgeworfene Laub zersetzt sich rasch und gibt wieder wertvolle Mineralstoffe für den Boden frei.

Schon im Frühling bekommt der Vogelbeerbaum viel Besuch. Die zahlreichen kleinen Blüten in den Schirmrispen locken mit ihren Pollen und ihrem Nektar vor allem Fliegen, aber auch Bienen an. Ab August röten sich die Früchte. Damit diese den Zucker Sorbose produzieren können, benötigen sie allerdings frostige Temperaturen von minus drei Grad Celsius. "Dieser Frost ist gut für die Ernte, aber man muss schauen, dass die Vögel nicht schneller sind und die Beeren schon vorher geholt haben", sagt Buchegger.

Das Abwarten lohnt sich, denn vor dem Frost haben diese kleinen kugeligen Früchte einen sehr bitteren Geschmack. Für einen Liter Schnaps werden - je nach Reife der Beeren - etwa dreißig Kilogramm benötigt.

Auch Anton Vogl von der Brennerei Guglhof in Hallein stellt aus diesen Beeren einen Edelbrand her. Er beschreibt den Geschmack seines Vogelbeerschnapses so: "Klare, transparente Frucht, zartes Bittermandel, fleischig, saftig, wildfruchtig, fester Körper, anhaltend lang."

Heutzutage werden die Früchte schon gerebelt in die Schnapsbrennereien geliefert. Früher wurden in den Gebirgsregionen die Vogelbeeren vor allem von den Männern am Hof vom Baum geholt und zum Haus getragen. In geselliger Runde rebelten viele Hände die Beeren ab. Bis ein findiger Pongauer Bauer eine Maschine erfand, die durch Luftwirbel die Blätter von den Beeren trennt. Damit geht es schneller. Die abgerebelten Beeren werden in einem Bottich eingemaischt. Hefepilze verwandeln in zwei bis drei Wochen den Zucker in Alkohol. Wenn die Maische reif ist, wird sie zwei Mal destilliert. Dieses "Wässerchen" hat einen Alkoholgehalt von 65 Prozent. Für den Verkauf reduziert ihn Matthias Buchegger mit Quellwasser auf gut 40 Prozent.

Vogelbeerschnaps schmeckt nicht nur gut, er ist auch Medizin. Alte Bäuerinnen bezeichnen den "Vogelbeerenen" als "Weiberleitschnaps". Ein Stamperl davon solle jeden Morgen auf nüchternen Magen getrunken werden. Dies helfe bei Wechselbeschwerden und allerlei Wehwehchen von Körper und Seele. Aber auch Männer trinken ihn gern. Gilt der Vogelbeerschnaps doch als König unter den Edelbränden. Nur für besondere Gäste kommt er in die Gläser.

Der Tennengauer Biologe Wilfried Bedek wandert zur Herbstzeit oft in die Berge. Hoch oben sammelt er die Beeren für einen harmonischen, vollmundigen, fruchtigen Likör. Dazu setzt er die Vogelbeeren in Kornschnaps an. "Je länger dieser Ansatz im Dunkeln steht, desto süßer wird er", sagt Bedek. Dieser rötlich-braun schimmernde Likör steigert die Abwehrkräfte, ist entzündungshemmend und bereitet den Körper auf den Winter vor.

Die Vogelbeere hat eine lange Tradition und viele Namen: Ebisch, Sperwerbaum, Aschekirsche, Krametsbeerbaum oder Moosesche. Tief verwurzelt war dieser Baum auch bei den Germanen und Kelten. Für sie gehörte er wie die Tanne und der Apfelbaum zu den Lebensbäumen. Auch heute noch schützt er den Boden und dient Vögeln, Füchsen und Dachsen als Nahrung und dem Menschen auch als Arzneimittel.

Quelle: SN

Aufgerufen am 04.12.2020 um 03:19 auf https://www.sn.at/leben/lifestyle/ein-vogelbeerener-renkt-magen-und-seele-ein-92680513

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