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Erfolgsrezept gegen "Wirtetod"

Zusammenhalt. In Bayern gründeten Bürger eine Genossenschaft und eine Aktiengesellschaft, um ihren Dorfwirt behalten zu können. Es sind Modelle, die Gemeinschaften stärken.



Jede dritte Gemeinde in Bayern hat kein Gasthaus mehr. Ein Phänomen, das auch in ländlichen Regionen Österreichs nicht unbekannt ist. Der Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur will in einer Studie die Ursachen für das "Wirtshaussterben" gefunden haben: Sport- und Freizeitvereine sowie Feuerwehren trinken ihr Bier in eigenen Räumen, anstatt ein örtliches Wirtshaus aufzusuchen. Die Folge: Die Zahl solcher Gastronomiebetriebe nimmt ständig ab. Gleichzeitig verlieren damit viele Orte frühere Stätten der geselligen Begegnung.

Im Ortsteil Asten in der bayerischen Stadt Tittmoning, rund 35 Kilometer von Salzburg entfernt, wollten die 450 Einwohner ihr Dorfwirtshaus retten. Mit Erfolg: Die Stadt kaufte die heruntergewirtschaftete Liegenschaft, die Bürger gründeten eine Genossenschaft und konnten mit den Einlagen der Mitglieder sowie tatkräftiger Unterstützung fast aller Astener ein schmuckes Gasthaus errichten. Dieses verpachtete die Genossenschaft nun an den Küchenchef Thomas Laudahn, der es seit 9. Mai mit seiner Ehefrau und seiner Tochter führt. Die Stadt verzichtet auf eine Pacht, weil das öffentliche Interesse so groß ist.

"Es war eine so große Begeisterung in der Bevölkerung. Alle haben geholfen, Mütter haben für die Bauarbeiter das Mittagessen gekocht und gebracht, die Vereine haben tatkräftig mit angepackt, alles hat Hand und Fuß", sagt Thomas Laudahn. Über Gästemangel kann sich der neue Dorfwirt nicht beklagen. Es gebe Vereinbarungen mit den Vereinen, dass diese sein Gasthaus regelmäßig besuchten. Nicht unglücklich ist auch der örtliche Pfarrer und Nachbar. Ins Wirtshaus kommen alle, von der Taufe bis zur Beerdigung.

Die Astener sind überzeugt, mit ihrem Modell einer Genossenschaft dem "Wirtshaussterben" Paroli geboten zu haben. Ein ähnliches Projekt hat es bereits im bayerischen Übersee gegeben. Um das Dorfwirtshaus zu retten, kaufte die Gemeinde das Gebäude. Eine Aktiengesellschaft wurde gegründet und Aktien zu 100 Euro pro Stück verkauft. Die Nachfrage in der Bevölkerung war enorm. Damit konnte das Wirtshaus renoviert werden. "Wenn wir im kommenden Jahr das Zehn-Jahr-Jubiläum feiern, können wir sagen, dass wir überlebt haben", sagte der AG-Vorstand Wolfgang Gschwendner, ein Rechtsanwalt aus Rosenheim.

In Bayern scheint die Rettung der Wirtshauskultur mittels Aktiengesellschaft oder Genossenschaft mittlerweile Schule zu machen: Inzwischen denkt man auch im oberbayerischen Tutzing darüber nach, ob man so den Tutzinger Keller erhalten könnte.

INTERVIEW
"Gutes Projekt von den Bürgern" Konrad Schupfner

Der Tittmoninger Bürgermeister Konrad Schupfner setzt seit Jahren auf Bürgerbeteiligung. Auch bei der Rettung eines Dorfwirtshauses.

SN: Wie ist es zur der Genossenschaft gekommen?

Schupfner: Wir haben eine sogenannte Dorfwerkstatt errichtet, in der jeder neue Ideen einbringen kann und Probleme in der Infrastruktur besprochen werden. Daraus ist eine Projektgruppe für die Rettung des Dorfwirtshauses entstanden und in weiterer Folge die Genossenschaft.

SN: Wie groß war der Beitrag der Stadt Tittmoning?

Schupfner: Wir haben knapp eine halbe Million Euro für den Kauf aufgebracht. Dazu sind noch 150.000 Euro Förderung vom Amt für Ländliche Entwicklung gekommen.

SN: Eine Stadt als Wirtshausbesitzer. Gibt es ein Risiko?

Schupfner: Kaum. Die Genossenschaft kann es lastenfrei betreiben. Es gibt drei Vorstände, den Rückhalt in der Bevölkerung, und dem Aufsichtsrat steht die Zweite Bürgermeisterin vor.

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